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Seine Augen endlich sind mit einem Tuche verbunden oder fehlen überhaupt, es
ist offenbar lediglich der Ausdruck der schwärzesten Nacht, die den Mexikanern der In-
begriff aller Schreckgestalten ist, ja noch mehr als Nacht, die doch nie ganz dunkel ist.
Ein einfacher gekrümmter Strich war ihnen das im Tode geschlossene Auge, das aus
seiner Höhle getriebene Auge galt als Sinnbild des Opfers, der Selbstmarterung; hier war
ein drittes besonders dämonisches Bild gefunden. Es ist sonst nur noch bei dem weib-
lichen Dämon zu finden, der im C. Borgia (47) die Reihe der fünf Ciuapipiltin einleitet,
bei den Erd- und Todesgöttinnen C. Borgia (31) und bei der Erdgöttin im C. Laud
/29), die wohl die Teteoinnan-Tlagolteotl, das Herz der Erde, vorstellen soll, und die auf
pinem Toten sitzt. Endlich ist ein Mensch in der Darstellung Tamoanchans, des
Hauses des Herabsteigens, mit verbundenen Augen gezeichnet.') Dieser Ort ist zwar
Xochitlicacan, Ort der Blumen genannt, ist aber
auch, weil man dort in die Unterwelt herabstieg.
ein Aufenthalt des Schreckens, dessen Patron der
furchtbare Itzpapalotl ist. Ein Tempel, von Nacht
erfüllt, mit einem Opfermeser mitten darin, deutet
im C. Borbonicus auf diese Unterwelt hin. Im
Aubinschen Tonalamatl ist dem Menschen mit
verbundenen Augen der Kopf vom Rumpf getrennt,
d. h. er ist geopfert. Das Symbol von Tamoanchan
ist ein gebrochener, blutender Blütenbaum, der ent-
sprechend den Interpreten und den Angaben der
historischen Quellen schließlich in der Tat nichts
anderes als ein Zeichen des Schreckens, ein Porten-
tum ist, hergeleitet von der Bedeutung des Todes.
des Herabstürzens, was ursprünglich durch den
Bruch gekennzeichnet ist (vergleiche Abb. 51).
Haben doch viele Indianer und andere Naturvölker die Sitte, die Geräte, die sie den Toten in
die andere Welt mitgeben wollen, zu zerbrechen, um sie dadurch auch dem Tode zu über-
liefern. Dahin gehören auch die zerrissenen blutenden Feuerschlangen, der zerbrochene Stein-
reiber auf dem Mahlstein, die zerbrochenen spitzen Opferknochen und die zahlreichen
übrigen geborstenen Dinge, die in den Bilderhandschriften vorkommen. In diese ganze
Tamoanchan-Gruppe gehört nun auch das Schreckbild des verbundenen Auges,
Doch könnte es noch eine prägnantere Bedeutung haben, nämlich die der Sünde oder
Strafe dafür. Im C. Telleriano-Remensis (Bl. 16, 2) heißt es zu dem Namen Itztlacoliuhqui
der zwölften Woche: el sefor del pecado o cequedad y asi lo pintan los 0jos atapados.
Verblendung (Blindheit) und Sünde aufeinander zu beziehen, ist zwar für einen Pater
absolut selbstverständlich, so daß man dieser Verbindung nicht von vorneherein trauen
darf. Unter Sünde wird man wohl im Mexikanischen das Unterlassen irgend einer
religiösen Verpflichtung, Opfer, Selbstpeinigung u. dgl. m. verstehen können, so daß alle
Bußübungen überhaupt etwas mit Sünde zu tun haben, nämlich insofern, als sie dadurch
ferngehalten oder gebüßt wurde. Außerdem aber galt besonders Ehebruch und unerlaubtes
Pulquetrinken als Sünde, das kraft des bürgerlichen Gesetzes sogar mit dem Tode bestraft
wurde, aber auch unter der Verfolgung der Götter steht. Da nun die genannte
Teteoinnan und die Ciuapipiltin diejenigen Gottheiten sind, vor denen man für den Ehe-
hruch Buße tut. und Itztlacoliuhaui auch besonders der Gott der Strafe für den Ehebruch
\bb. 51. Xochitlieacan-Tamoanchan. C, Borg. 24.
; I5 Waorhe der Bilderschriften.