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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 18=28.1898

sehr gut erhaltener Löwenreste in den glacialen
Schichten von Pfedmost erklären; Hyänenreste sind
hier aber sehr selten und von Leopardus ist es
zweifelhaft *). -
Ueberraschend für den Forscher bei den Grabungsarbeiten
 ist das Auftreten der glacialen Vertreter;
den Vielfrass und das Renthier hat er schon in
tieferer Schicht wahrgenommen; nun kommen aber
reichliche Reste von Eisfüchsen, Schneehasen, Lemmingen,
 Schneehühnern zum Vorschein; hiezu gesellen
sich hie und da Reste von Moschusochsen, der Schneeeule,
 dann der hochalpinen Species, nämlich der
Gemse, des Steinbockes und der Schnee-Alpenratte
(Arvicola nivalis).
Woher kamen diese und warum erschienen sie
in Mähren? fragt man unwillkürlich. .
Tertiäre Vorläufer, von denen diese glacialen
Vertreter abgeleitet werden könnten, gab es in
Europa nicht ”), sie mussten also aus jenen Gebieten
eingewandert sein, deren Lebensbedingungen ihnen
zusagten und wo sie sich differenzirt haben, nämlich
aus dem hohen Norden, sowie andererseits die alpinen
Species von den Hochgebirgen der Alpen herabgestiegen
 waren; beide Gruppen verliessen ihre Wohnsitze
 in der Eiszeit, von der wir noch reden werden.
Schliesslich finden wir noch eine sonderbare
Gruppe von Thieren anfangs mit den glacial-alpinen
Thieren vermischt, dann aber allein dominirend,
nämlich die Steppenthiere; es treten auf: die Saiga-Antilope,
 die in Heerden in den Steppen Südosteuropas
 und Südwestasiens lebt; aus denselben
Steppen stammt unser diluvialer Pfeifhase (Lagomys
1) Die grösseren Feliden unternehmen oft weite Streifzüge
in Gegenden, wo sich in grösseren Mengen Grasfresser aufhalten.
 So geht beispielsweise der Tiger bis zum Ochotskischen
 Meere und nach Transbaikalien, wo bereits das Renthier
und der Vielfrass leben (Lancxaver B., „Nordgrenze des Tigers
in‘ Asien im zoologischen Garten“, 1884, S. 361—364). —
Ebenso schreibt GusrAav Raope („Berichte über Reisen im
Süden von Ostsibirien“ etc.): „In manchem Winter dringen
die Tiger bis in den Nertschinskischen Kreis und noch weit
nördlicher“ und A, Mınnenvorr („Reisen“, IV. Bd. S. 835):
„Im Amurgebiete erscheinen auf denselben Plätzen Renthiere,
Zobel, Vielfrass, Elen, Hirsch, Schwein, Bär, Reh, aber auch
der Tiger. Vgl. auch J. F. Branpr, „Untersuchungen über
die Verbreitung des Tigers.“ — Nach J. D. Tsomersrı („Wissenschaftliche
 Resultate“, S. 51—64) wurden Reste des Tigers
am Janaflusse und auf der Ljachowinsel, also 18—20° nördlicher
 gefunden, Es mussten also in einer Phase der Diluvialzeit
 die klimatischen Verhältnisse hier bedeutend günstiger
gewesen sein, als sie dermalen sind.
2) Vgl. S. 8—13 meiner Abhandlung in den Berichten
der Societas Physiocratica 1. c.

‚usillus), der Zwerghamster (Cricetus phaeus), das
Steppenmurmelthier (Arcetomys bobac), das röthliche
Ziesel (Spermophilus rufescens), der Pferdespringer
Alactaga jaculus) und die Zwiehelmaus (Arvicola
zregalis).
Diese ganze Steppensippschaft konnte abermals
ıur jenenfalls aus ihrer alten Heimat herausgerückt
ınd nach Nordwesten eingewandert sein, wenn die
Lebensbedingungen hier ähnlich jenen wären, unter
jenen sie früher gelebt hatten *).
Solche sonderbare Thiergesellschaften: haben in
Mähren im Diluvium gelebt; diese Thiere sind also
°ür die einzelnen Abschnitte desselben charakteristisch.
Das Vorangehende bildet einen sehr kurzen Abriss
ıus der Geschichte unserer Fauna. Dieser wäre unverständlich,
 wenn wir nicht in der Erdgeschichte
zurückgreifen und aus dieser die bestehenden Lücken
ıusfüllen würden; es soll dies höchst summarisch
zeschehen.
Die Entwicklung und Verbreitung der Land-;‚äugethiere
 lässt sich genauer und sicherer erst seit
ler Tertiärzeit verfolgen; es sind drei Entwicklungs-‚entra
 derselben, und zwar auf der südlichen Halbzugel
 zwei, nämlich Australien (mit Tasmanien)
ınd Südamerika und auf der nördlichen Halbkugel
Jie drei Continente Asien, Europa und Nordamerika.
J)ieses grosse asiatisch-europäische und nordamerikaılsche
 Entwicklungscentrum heisst auch die Arctogaea.
Australien ist seit dem Tertiär abgeschlossen
zewesen und beherbergt die zu den .Marsupialien
sehörigen Phascolomyidae (Wombat), Macropodidae
Springbeutelthier— Känguruh), Dasyuridae (Ameisenıeutler,
 Tafa, Marderbeutler, Beutelwolf u. s. w.),
’halangistidae (der Kussu, die Flugbeutler ete.),
)eramelidae (Beuteldachse), Monotremata (Cloakenhier—Schnabelthier
 und Ameisenigel); es fehlen
ılle Ordnungen der Landsäugethiere (mit Ausnahme
Jer kosmopolitischen Fledermäuse, Mäuse und Ratten);
lie abgeschlossene Fauna Australiens und seiner
ıngrenzenden Inseln hat keine Verwandten in Europa
ınd Asien.
Merkwürdig allerdings ist es, dass in Südamerika
ınd Nordamerika eine Familie der Marsupialien

ı) Es ist merkwürdig, wie weit einzelne Steppenthiere
lamals verbreitet waren. M. Hans, (Societe d’histoire naturelle
le Toulouse, Seance du 18 janvier 1893) berichtet über Reste
ler Antilope Saiga vom Südwesten. Frankreichs, TScHERSKL
„Wissenschaftliche Resultate“, 1892, S. 188) über Reste der-;elben
 auf der Ljachowinsel (73° nördliche Breite nnd 160°
jstliche Länge).
            
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