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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 18=28.1898

Den Stamm der Hausthiere bilden aber das Hausrind,
 das Hausschaf, die Hausziege, das Hausschwein
und der Haushund; die Reste dieser führen uns von
den jüngsten historischen Zeiten bis tief in die Vorgeschichte,
 ja fast bis an die Grenze des Diluvium
hinab; wir finden sie sehr zahlreich in den alluvialen
Ablagerungen in den Höhlen, wir treffen sie aber
auch noch zahlreicher in den prähistorischen Ansiedelungen
 in Thälern, auf Gehängen, auf Anhöhen
und Bergen; sie treten überall plötzlich und ohne
Vermittlung auf.
Von einer allmäligen localen Domestication kann
keine Rede sein.
Wir wissen, dass das Hausrind wegen des. osteologischen
 Baues von dem Urochsen (Bos primigenius)
abstammen müsse; aber welcher Unterschied besteht
zwischen den Resten des Bos taurus und Bos primigenius?
 Beide liegen in denselben Schichten, aber
es fehlen die in Folge der Domestication sich entwickelnden
 Vermittlungsglieder; von einem Urochsen
konnte doch nicht sofort nach Ablauf einiger Zähmungsjahre
 ein Hausrind werden!
Für die Ziege und den Haushund waren die
wilden Formen in Europa nicht vorhanden; wenn
hie und da von einem Canis ferus aus diluvialen
Schichten berichtet wird, so kann man sicher sein,
dass es sich um den Canis familiaris aus gestörten
Schichten handelt ?),
Vom wilden Schafe wurden Reste in diluvialen
Ablagerungen gefunden; diese sind aber so spärlich
und die osteologische Form so verschieden von dem
Hausschafe, dass vernünftigerweise an eine Domestication
 gar nicht gedacht werden kann ?).
Für das Schwein liegen die Verhältnisse günstiger;
 wilde Schweine waren in der diluvialen und
postdiluvialen Zeit gewiss häufig und die locale
Zähmung war daher möglich; aber es entfernen sich
doch die Formen des wilden Thieres von jenen des
gezähmten. Hier fällt hauptsächlich der Umstand
in die Wagschale, dass alle die fünf früher genannten
 Hausthiere überall in steter Gesellschaft

') Von Capra ibex dem Steinbocke wird kein Zoologe
oder Osteologe unsere Hausziege ableiten wollen.
’) K. Masga fand in einer Höhle bei Stramberg in
Mähren mehrere Reste eines wilden Schafes, die Nemrıne in
dem Neuen Jahrbuche für Mineralogie und Paläontologie
1891, Bd. II, S. 116 —155, beschrieben und abgebildet hat.
Der Unterschied dieser grossen und robusten wilden Form
von unserer Ovis aries ist sehr bedeutend. Ueber den vermeintlichen
 Canis ferus werde ich in meinen osteologischen
Beiträgen Näheres berichten.

«uf. einmal und zahlreich auftreten und dass sie
laher von Menschen aus anderen Gegenden eingeführt
worden sein mussten *).
Was die wilden Thiere unseres Landes anbelangt,
so müssen wir zuerst als historische Einwanderer
lie Wanderratte (Mus decumanus — kam um das
Jahr 1727 aus den kaspischen Gegenden nach
Zuropa — und die Ratte (Mus rattus) — in den
Schriften der römischen und griechischen Schrift-;teller
 wird sie nicht erwähnt —) aus dem Verzeichnisse
 über diluviale Thiere streichen.
Die übrigen im Lande lebenden, sich im Walde
Hirsch, Reh, Dachs, Fuchs, Marder, Itis, Eich-1örnchen,
 Siebenschläfer, Hase, Igel), auf den Gehängen
 (Ziesel, Mäuse, Hamster, Wühlratten [arvicola]).
zuf Wiesen (Maulwurf), in hohlen Bäumen und Fels-Öchern
 (Fledermäuse), im Wasser (Fischotter, Wasser-'atte,
 Frosch u. s. w.) aufhaltenden Thierarten waren
ıchon in der Diluvialzeit da und sind in’s Alluvium,
l. h. in die vorgeschichtliche und geschichtliche Zeit
übergegangen; zu diesen gehören noch jene Species,
lie nach schriftlichen Berichten noch in der späthistorischen
 Zeit gelebt haben und in Mähren. jetzt
ausgerottet erscheinen: der braune Bär, der Wolf,
ler Luchs, der Urochs, der Auerochs, das Elen, der
Biber, das Wildschwein und die Wildkatze. Die obzenannten
 Thiere sind aber nur ein schwacher Rest
ener merkwürdigen Fauna, die in den drei Phasen
ler Diluvialperiode unser Land bewohnt hat. Niemand
würde es auch geahnt haben, dass hierzulande Thiere
zehaust haben, deren nächste Verwandte jetzt in
len Tropen leben, Niemand würde es glaubwürdig
inden, dass es bei uns eine Zeit gab, wo die geaammte
 Landfauna der circumpolaren Länder in
Mähren gelebt hat, wenn nicht greifbare Documente
ıefür aufgefunden wären; ebenso überraschend und
ıuf den ersten Blick schwer verständlich ist es, sich
vorzustellen, wie unsere Gebiete einen Landschafts-»;harakter
 darbieten konnten, der jenem von Süd-‘ussland
 und Südwestasien ähnlich war und dass
lie dortige Steppenfauna bis zu uns eingewandert
war; und dennoch musste es so gewesen sein, denn
lie Thierreste beweisen dies.
An der Schwelle des Diluviums treten uns vier
l’hierarten entgegen, von denen drei, nämlich das
Mammuth (Elephas primigenius), : das Nashorn

1) P. GErvaıs (Zoologie et Paleontologie generale, pag. 101)
jagt ebenfalls: „Le cochon domestique souvent regarde comme
lescendant du sanglier d’Europa, parait avoir une origine
wsiatique.“
            
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