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bekannten centraleuropäischen brachycephalen Rasse, vielleicht
auch unter den unerforschten Einflüssen der Umgebung (Milieu),
in welcher die Slaven lebten. Den Einfluss der Finnen und
Mongolen schätzt Verfasser diesen Ursachen gegenüber, die
imganzen Mitteleuropa allgemein wirksam waren,
bedeutend geringer, worin er ebenfalls von Pexxa abweicht.
Im HI Capitel zeigt Verfasser, dass man auf Grund der
archäologischen Forschungen nicht annehmen kann, dass
irgendwelche culturelle Abweichungen eine Abtrennung des
slavischen Urvolkes von den Urariern bedingt hätten. Im
Gegentheil ist die culturelle Kigenheit der Slaven ein Product
späterer Perioden, namentlich erst der historischen Zeit. Hingegen
benützt Verfasser die archäologischen Angaben dazu
zu zeigen, dass die definitive Trennung der arischen Völker.
also auch der Baltoslaven (in grossen Intervallen), etwa um
2000 J. v. Chr. oder schon früher vor sich ging, Wann sich
von den Baltoslaven die baltischen Völkerschaften (Preussen,
Letten und Littauer) abgetrennt haben, lässt sich bis Jetzt
nicht sicherstellen. Es ist also die Sprache das älteste Trennungsmerkmal
der arischen Völker.
Im Anhang führt Verfasser die von ihm benützte Literatur
an und schliesst eine kurze Betrachtung über das Verhältniss
der Finnen zu den Slaven hei.
Dies der bündige Inhalt der Arbeit Nırprrne’s, die
sicherlich die Berücksichtigung aller Forscher auf diesem
Gebiete verdient und auch wohl noch Anlass zu weiteren
Disenssionen in dieser Frage gehen wird.
H. Matieoska.
Ratzel, Prof. Dr. Friedrich: Völkerkunde, Zweite,
gänzlich neu bearbeitete Auflage. 2 Bde, Leipzig
und Wien, Bibliographisches Institut. 1894 und
1895.
Zweck dieser etwas verspäteten Anzeige ist nicht etwa
der, eine Besprechung dieses schönen Werkes zu geben, die
bei der Eigenart des Verfassers, den Stoff zu formen und zu
gestalten, ohne Inanspruchnahme eines grossen Raumes auch
gar nicht auszuführen wäre, sondern nur der, auf ein wirklich
gutes und ernstes Buch aufmerksam zu machen, das die
weiteste Verbreitung verdient. Die vorliegende zweite Auflage
in zwei Bänden erscheint der ersten dreibändigen Ausgabe
gegenüber wesentlich günstiger; die einzelnen Abschnitte sind
mehr gegeneinander abgewogen und wird dadurch der ganze
Eindruck, den das Werk macht, ein viel einheitlicherer. Schon
die Grundeintheilung zeigt in der neuen Auflage eine nahezu
durchgreifende Verschiedenheit gegenüber jener der ersten.
Während in der letzteren die Naturvölker von den Culturvölkern
ziemlich streng geschieden waren, ist jetzt den
natürlichen Verhältnissen mehr Rechnung getragen, indem
die geographischen Einheiten mehr znsammengehalten sind
Yollständig consequent durchgeführt erscheint dies in dieser
\usgabe auch noch nicht, indem die Culturvölker Afrikas
‚on den Naturvölkern dieses Continentes abgesondert behandelt
und überdies noch die Zwergvölker Afrikas als eine
sigene Rasse eingeführt werden.
Angenehm berührt ferner die durch das ganze Werk
zehende Tendenz, dass nicht der physische Habitus,
sondern Sprache und Cultur, sowie geographische Einheit das
wesentliche Eintheilungsprincip abgeben, So ist der pacifischamerikanische
Völkerkreis zu einer grossen Gruppe vereinigt,
»bzwar schwarze, gelbe und rothe Menschen in demselben
ıntergebracht sind. Man muss für eine verständliche Darstellung
von einer festen Basis ausgehen; dies ist in weit
ıöherem Maasse der Fall, wenn wir hiezu die geographische
Einheit wählen, als die stets schwankende Brücke der
physischen Merkmale zu betreten.
Die Aufnahme der amerikanischen Culturvölker in den
antsprechenden Völkerkreis erscheint gegenüber der ersten
Auflage, wo dieselbe gesondert behandelt wird, als ein
Vorzug.
So viel nur über die allgemeine Eintheilung. Was die
Behandlung und Verarbeitung des Stoffes anbelangt, so muss
man sich die etwas eigenartige Richtung des Verfassers stets
vor Augen halten. Rarzeu hat durch seine bekannte Auffassungsart
die Völkerkunde wesentlich vertieft, wenn er auch
lurch seine speculative Methode nicht immer zu ganz klaren
Resultaten gelangt. Immerhin darf die Völkerkunde heute
lie von ihm eingeschlagenen Wege nicht ausser Acht lassen,
»hne eine Unterlassungssünde zu begehen. Die geographische
Betrachtungsweise in der Völkerkunde ist ohnehin lange genug
zurückgedrängt worden; sie darf heute nicht mehr vernachlässigt
oder übersehen werden,
Ueber die Darstellungsweise ist schwer, ein gerechtes Wort
zu sagen. Man muss sich immer vor Augen halteu, dass das
Werk als Brenm’s Nachfolger eigentlich für den grossen Kreis
Gebildeter geschrieben sein soll. Und doch vermissen wir
zerade hier die Leichtfasslichkeit der Darstellungsweise und
den glatten, fliessenden Stil, die dem Werke des grossen
Thierkenners eine so kolossale Popularität verschafft haben,
Man muss die Sätze und deren Zusammenhang studiren und
darum auch ein Theil mehr Gedankenarbeit daran wenden,
als der gewöhnliche Leser solcher Werke zu leisten gewohnt
ist. Freilich ist der geistige Genuss und Nutzen ein weit
grösserer, da gerade die Rartzeı’sche Dietion zu tieferem
Nachdenken auffordert. Die gewaltige Geistesarbeit, die der
Verfasser geleistet, wird aber erst dann zur vollen Anerkennung
gelangen, wenn er seine gesammelten Daten zu einer rein
wissenschaftlichen Völkerkunde verwenden wird. was wir auf
das Lebhafteste wünschen,
Das Werk ist heute. durch Form und Ausstattung das
erste seiner Art in der Weltliteratur und steht als solches
ohne Rivalen da Heger.