55
Aber erst die Eisenzeit bringt einen erheblichen Aufschwung.
„Wer die eisenzeitlichen Funde des Wallis durchgeht,“ sagt
Heisrıs, „der ist erstaunt über deren Zahl und ganz besonders
über das häufige Vorkommen gewisser in Technik
und Verzierung charakteristischer Formen von Schmucksachen.“
Er schliesst daraus, dass im oberen Rhönethal schon vor
unserer Zeitrechnung eine verhältnissmässig dichte Bevölkerung
sass, und dass die prähistorischen Walliser eine locale
Technik und Ornamentik hatten. Ausser dem Hauptthal
scheinen als Verkehrslinien die Wege über den St. Bernhard.
wie über die Grimsel eine bedeutende Rolle gespielt zu haben
und auch die Pässe über die Furka und den Simplon bekannt
gewesen zu sein. Im Rhönethal ist die linke Seite
unterhalb St. Maurice auffallend arm an archäologischen
Funden, die rechte Seite dagegen um so reicher, ein Zeichen,
dass schon in vorrömischer Zeit, wie noch jetzt, die Hauptverbindung
des Wallis mit dem Leman auf der rechten Soite
der Rhöne sich hinzog.
Innerhalb der prähistorischen Eisenzeit füllt das Haupt
gewicht auf die La Tene-Periode. Von circa 70 Funden deı
vorrömischen Eisenzeit entfallen nur 10 auf die Hallstatt-Periode,
gegen 60 auf die La Tene-Periode, Die Frühstufe deı
letzteren ist mit circa 25, die mittlere mit über 30 Funden
vertreten. Diese ÖObjecte sind mit Sicherheit den historisch
bekannten Keltenstämmen der Seduni und Nantnates zuzurechnen,
Prof. W. Oxcnsı.r hat der Arbeit Hrızanı’s ein Capitel
über „die älteste Geschichte des Wallis“, sowie einen Exeurs
über Avızn’s Schilderung des Rhönelaufes hinzugefügt. Kine
„Urgeschichte des Wallis“, wie der Titel lautet, ist die Pablication
der Herren Hureeısz und Oxcustr wohl nicht; aber sie
enthält die derzeit bekannten Materialien zu einer solchen in
bester Ordnung und liefert also eine werthvolle Vorarbeit zu
einer Darstellung, welche erst von der Zukunft erwartet
werden darf M. Hoernes.
3
Niederle, Dr. Lubor: O püvodu Slovanü. (Ueber
die Herkunft der Slaven. Prag 1896 Bunrsirx und
Komour. 149 8.)
Die Aufgabe, die sich Verfasser in der vorliegenden
Arbeit gestellt hat, bestand hauptsächlich darin: 1. in Bezug
auf die verschiedenen älteren und neueren Ansichten über
den Ursprung und die Herkunft der Slaven Alles zusammen:
zufassen, was wir vom heutigen Standpunkte aller diese !”rage
berührenden Wissenszweige Positives wissen, und 2. speciell
die noch viel verbreitete, in Frankreich aufgetauchte und
dort noch am meisten gepflegte Theorie zu bekämpfen, nach
welcher die arischen Völker Europas aus zwei anthropologisch
verschiedenen Quellen sich entwickelten, von denen die eine
der germanischen, die zweite der keltoslavischen, von Bezinn
an gleich ganz verschiedenen Rasse den Ursprung gab
Im Speciellen versucht Verfasser nach Vorführung und Analy
sirung der Factoren, welche die „Nationalität“ bilden, festzustellen,
was die Linguistik, die Anthropologie und die
Archäologie zur Lösung der Frage beitragen können, wie und
wann die slavische Nation als etwas Eigenthümliches zu existiren,
als solche sich zu repräsentiren begann. Im I. Capitel
fasst Verfasser die Erfolge der linguistischen Studien üheı
lie Entwicklung der slavischen Sprachen aus der arischen
Irsprache zusammen und erörtert kurz, wie die Linguistik
n der Frage der wechselseitigen grösseren oder geringeren
Verwandtschaft der slavischen Sprachen zu den anderen
ırischen Stämmen zu zumeist negativen Endschlüssen geangte.
Im If, Capitel befasst sich Verfasser mit der an-'hropologischen
Seite dieser Frage und führt besonders alle
ınsere Kenntnisse über die körperlichen Eigenthümlichkeiten
ler Slaven in früheren und vorhistorischen Zeiten, sowie in
ler Jetztzeit an. Dass dabei hauptsächlich die kraniologischen
Merkmale (besonders der Kopf- und Schädelindex) und die
)omplexion berücksichtigt wird, ist aus dem Reichthum der
liesbezüglichen anthropologischen Literatur erklärlich. Es
ı1andelte sich dem Verfasser sicherlich vor Allem darum,
lie grosse Veränderung, welche der anthropologische Typus
ler Slaven gerade in diesen zwei Richtungen durchmachte,
zur Geltung zu bringen, Die anderen anthropologischen Charakere
sind bis jetzt noch zu wenig erforscht und bieten auch
zeine so markanten Unterschiede, — In den Schlussfolgerungen
licses Capitels neigt Verfasser zumeist — jedoch mit einigen
ünschränkungen — zu den Ansichten Pıxxa’s vom anthropo-\ogischen
Typus der Arier hin. Er erkennt blos so viel an, dass
ich im Wassergebiete der Ostsee ein schon primär dolicho-;ephales,
secundär noch blond gewordenes Volk aus bis jetzt
jonst unbekannten Gründen entwickelte, DasEntwicklungs-‚;entrum
für diesen secundären Charakter befand
‘ich zweifelsohne da, aber an dieser Entwicklung
Jetheiligte sich nur jener Theil der Urarier,
welcher im Gebiete dieses Centrums oder in
seiner Nähe sass, (Durch diese Beschränkung weicht Ver.
asser von der Ansicht anderer Autoren ab, welche für den
zanzen Umkreis der Urarier, für alle ihre Zweige diesen
Jharakter annehmen.) Zu diesem Theile gehörten nach Dr. N.
sicherlich die Gallier, Germanen und Baltoslaven — von den
übrigen kann das nicht so sicher behauptet werden — und
es scheint, dass die von diesem Centrum entfernteren Stämme
an der Entwicklung dieses Charakters überhaupt nicht oder
doch nur theilweise participirten. Verfasser sucht so an einer
zrossen Keihe von Belegen zu beweisen. dass die alten Baltoslaven
einem dolichocephalen, vorwiegend blonden (aber nicht
1ochblonden, sondern dünkleren, mit einem Stich in’s Rothe
zehenden) Typus angehörten, Er weist darauf hin, dass in den
altslavischen Gräbern, überall wo Slaven sassen, der dolichosephale
Typus vorgefunden wird (noch in der ersten christlichen
Zeit), dass nach verschiedenen Berichten auch bei
ihnen die helle Complexion vorherrschend war, so dass z. B.
bei den Arabern am Ende des ersten Jahrtausends n. Chr.
die Bezeichnung „Slave“ überhaupt für einen Menschen heller
Complexion üblich wurde.
Heute sind die Verhältnisse allerdings andere: überall
hat die Brachycephalie die Oberhand gewonnen (obzwar sie
in der Richtung nach Nord und Ost abnimmt); auch die
lunkle Complexion ist stark vertreten und überwiegt namentlich
im Westen und Süden.
Die Ursachen dieser Veränderungen zu erklären, ist schwer;
aber es sind sicherlich grösstentheils dieselben
Ursachen, die im Laufe der Zeit die Umwandlung
der alten Germanen in Brachycephale hervorzZerufen
und ihre Complexion gedunkelt haben.
Ks geschah dies noch unter dem Einflusse einer nns nicht näher