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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 17=27.1897

— 36 —
der gesammten höheren Cultur Mittel- und Nordauropas
 auf die alten Culturländer des Südens und
Südostens zurückgehen, trotzdem gegen diese Anschauung
 schon die Erwägung spricht, dass Völker,
die seit dem Beginne der historischen Zeit auf demselben
 Boden und unter denselben klimatischen Verhältnissen
 ununterbrochen bis zur Gegenwart in
selbstständiger und hervorragender Weise an der Culturarbeit
 der Menschheit theilnehmen, während des
vorausgegangenen Zeitraumes von vollen zwei Jahrtausenden
 nicht ohne jede schöpferische Thätigkeit
gewesen sein konnten. Und so kam es, dass man
zwischen dem Auftreten einer neuen Culturperiode
im Süden und dem Auftreten derselben Culturperiode
im Norden immer einen längeren Zwischenraum
glaubte annehmen zu müssen, während welchem die
neuen Culturelemente sich allmälig von Süd nach
Nord verbreitet hätten.
So hat man auch angenommen, dass die Eisen
cultur Mitteleuropas aus dem Süden stamme. Mox-TEL1IUS,
 der hierin noch am weitesten gegangen ist
glaubt trotzdem nicht, den Beginn des ersten Eisenalters
 Mitteleuropas früher als in das VII. Jahrhundert
v. Chr. setzen zu dürfen.!) Gegen diese Annahme
nun sprechen in entschiedener Weise die archäologischen
 Thatsachen einerseits und die Ergebnisse
der Paläoethnologie Süd- und Mitteleuropas andererseits.
 Wie schon früher bemerkt wurde, ging ein
Theil der illyrischen Sikuler, von den Oskern vertrieben,
 nach der nach ihnen benannten Halbinsel.
Dieses wichtige Ereigniss ward von den älteren
griechischen Historikern auch chronologisch bestimmt,
allerdings nicht übereinstimmend: HreLiLAnxıcus und
PnıiLisTUSs setzten es ungefähr in das Jahr 1264 v. Chr.,
nämlich in das dritte Geschlecht vor dem trojanischen
Kriege (Dioxys. Har., I, 22). Glaubwürdiger ist die
abweichende Zeitangabe des Tuuxypipes (VI, 2), der
jene Vertreibung der Sikuler später setzt, nämlich
ungefähr 300 Jahre vor den ersten griechischen
Niederlassungen auf. Sicilien (Olymp. XI, Frühling.
735 v. Chr.), also um das Jahr 1035 v. Chr.”)
Daraus folgt, dass die Italiker spätestens in der
zweiten Hälfte des XI. Jahrhunderts v. Chr. den
Boden Italiens betreten haben. Damit stimmt auch
die Zeitbestimmung der Villanova-Gräber, die, wie
schon früher bemerkt wurde, keineswegs zu den
ältesten Gräbern der Italiker (Umbrer) gehören; es
1) MoxrTerius, Om tidsbestämming inom bronsälderen.
Stockholm 1885. 8. 149.
2) FıschHEr. E. W.. Römische Zeittafeln. Altona 1846. 8. 2.

nat dieselben CoxnestrABıLE auf dem im Jahre 1874
zu Bologna abgehaltenen internationalen Anthropologen-Congress
 in das IX bis X. Jahrhundert gesetzt
and die meisten Archäologen haben ihm hierin beizestimmt.
 !)
Haben die Italiker die Eisencultur aus Deutschland
 nach Italien gebracht, so muss dieselbe in
Deutschland noch vor dem XI. Jahrhundert entstanden
 sein. Dass aber dieselbe daselbst selbstständig
antstanden ist, dafür gibt es sowohl negative wie
positive Beweise. Woher hätten denn die Italiker
las Eisen bezogen, wenn sie nicht schon in ihrer
"rüheren Heimat im Besitze der Kenntniss der Gewinnung
 und Verarbeitung des Eisens gewesen wären ?
In den mykenischen Schichten sowohl Trojas wie
von Mykenä und Tyrins hat sich kein Kisen gezeigt
ınd ist das Eisen erst von den Hellenen, die, wie
später gezeigt werden wird, im X1MI. Jahrhundert
7, Chr. aus dem östlichen Deutschland nach Griechenand
 gekommen sind, dorthin gebracht worden. Dieses
Ergebniss der SchHLıEMANN’schen Ausgrabungen wird
uns jetzt weniger überraschen, seitdem FLINDERS PETRIE
auf der im Jahre 1895 in Ipswich abgehaltenen
Hauptversammlung der British Association den Nachweis
 geführt hat, dass das alte Culturland Aegypten
zleichfalls das Eisen nicht kannte, sondern erst
Jurch die Hellenen mit demselben bekannt geworden
st. Ja, es ist nicht unwahrscheinlich, dass das lat.
"errum, das, wie Lorrxer zuerst erkannt hat,°) vom
altnord. bras (isl. bras, ags. braes, engl. bras) Metall
*bharsom) nicht getrennt werden kann, ursprüngich
 nicht einmal Eisen, sondern Bronze bedeutet
at; dass dieser Name mit dem syr. parzel, assyr.
jarzillu, hebr. barözel (ursemit. parzıllu) zusammen-1änge,
 davon kann schon aus sprachlichen Gründen
zeine Rede sein, ganz abgesehen davon, dass es
anwahrscheinlich ist, dass die Italiker durch die
Semiten mit einem Metalle bekannt gemacht worden
sein sollen, das nicht einmal die benachbarten
\egypter und Kleinasiaten durch sie kennen gelernt
gaben.
Dazu kommt noch, dass die ältesten in Deutschand
 gefundenen Eisengeräthformen den Bronzegeräthformen
 nachgebildet sind 3) und dass sich eine alte

1) Unxpser, Das erste Auftreten des Kisens in Nord.
europa 6.
2) Kumn’s Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung
VIT. 183.
3) Schon Sorm. MünLer, der Gelegenheit hatte, im Jahre 1880
lie prähistorische Abtheilung des Museums schlesischer Alter-
            
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