[85]
stattfinden wird. Von dem Plane einer ursprünglich
in Aussicht genommenen allgemeinen Ausstellung wurde
abgesehen; an Stelle derselben werden abgehalten: ein
grosser allgemeiner Jahrmarkt (Kermesse) und Ausstellung
von lebenden Typen, Costümen und einheimischen
Industrien, nicht allein aus Portugal, sondern
auch von den Völkerschaften aller portugiesischen Besitzungen
und Colonien,- Die Hauptfeier wird in. den
genannten Tagen in Lissabon in dem neuerbauten
Palais der Geographischen Gesellschaft stattfinden.
5. Herr Joser HorrMmAnn erlässt eine Einladung
zur Besichtigung der III. Abtheilung seiner Reisebilder,
Amerika betreffend. (S. diese „Mittheilungen, S. |11.)
Monats-Versammlung am 14. December 1897.
Vorsitzender: Dr. Kart, BRUNNER v. WATTENWYL.
1. Herr Oberpolizeicommissär Camillo Windt hält
ainen Vortrag über
Das Bertillon’sche anthropometrische Signalement
und dessen Einführung in Oesterreich.
Die unter dem Namen „Bertillonage“ bekannte
Methode hat den Zweck, Menschen durch Aufnahme
des sogenannten anthropometrischen Signalements
selbst nach vielen Jahren wieder zu erkennen,
Von dem Vortragenden erfahren wir zunächst, dass
die Bertillonage (dieser Ausdruck stammt von Professor
LACASSAGNE) derzeit praktisch, und zwar zum Zwecke
der Identificirung von rückfälligen Verbrechern und
von aufgefundenen Todten, in Anwendung ist:
in Frankreich sammt Algier (wo 400 Messstationen
oestehen und bisher 800.000 Individuen gemessen
wurden);
in Amerika (Chicago, Cincinnati, New-Orleans);
in Holland (Haag, Rotterdam, Amsterdam);
in Rumänien (Bukarest);
in Russland (Petersburg und 20 andere russische
and sibirische Städte);
in England und Britisch-Indien ;
in der Schweiz (Genf, Lausanne, Bern) und
in Deutschland (Preussen, Sachsen, Hamburg).
Die Messungen werden überall von Polizeibeamten
ınd Strafanstaltsorganen vorgenommen.
Im Pariser Identifieirungsamte glückten bisher
hiedurch 7150 Identifieirungen.
Der Vortragende führt uns sodann das ganze
Identificirungsgeschäft vor Augen, wie er dasselbe in
Frankreich. England, Holland und Deutschland heuer
selbst gesehen hat.
In Paris werden alle Individuen der Bertillonage
unterzogen, welche in das Polizeigefangenhaus (Depöt)
als Häftlinge kommen.
: Ausgenommen sind nur die wegen politischer Delicte.
wegen Ehebruch und Verführung Verhafteten.
In anderen französischen Messstationen, Sowie in
den anderen Ländern werden nur bestimmte Kategorien
von Personen bertillonirt
Die Procedur ist folgende: Es werden zuerst
zemessen: die Körperlänge, die Armspannweite, die
Sitzhöhe, die Kopflänge, die Kopfbreite, die Jochbeinoreite,
die Länge des rechten Ohres, die Länge des
linken Mittelfingers, die Länge des linken Kleinfingers,
die Länge des linken Fusses, die Länge des linken
Unterarmes.
Diese Messungen geschehen unter Benützung sehr
ainfacher Vorrichtungen, welche Obercommissär WınDr
in ihrer Verwendung zeigt, indem er eine Messung
an einem Polizeiagenten vornimmt.
Alle festgestellten Maasse einer Person werden auf
einer Karte — Signalementskarte oder Messkarte genannt
— notirt.
Auf dieser Karte werden noch in eigenartiger Kurzschrift
verzeichnet : die Haar- und Bartfarbe, die Augenfarbe
und die besonderen Erkennungszeichen.
Auf der Karte befindet sich schliesslich noch Raum
für eine Doppelphotographie (Profil- und Gesichtsbild),
welche in !/, der natürlichen Grösse herzustellen ist,
oder für ein von der jetzt üblichen Personsbeschreibung
wesentlich abweichendes Signalement. .
Die. auf diese Weise ausgefüllten Karten, auf
welchen sich auch Abdrücke der Hautzeichnungen von
vier Fingern der rechten Hand befinden, werden nun
auf eine sehr interessante Art registrirt.
Der Vortragende erläutert diese einfache Registrirungsmethode
und führt zum besseren Verständnisse:‘
eine kleine Bertillon’sche Kartenregistratur
vor,
Er zeigt sodann durch die erwähnte wirkliche
Messung eines Individuums und Aufsuchen der betreffenden
Karte in der mitgebrachten Registratur, wie
leicht es ist, festzustellen, ob die Messkarte eines bestimmten
Individuums in dieser Registratur sich be-Ändet,
d. h,. wie leicht es ist, einen Menschen, der
einmal bertillonirt wurde, späterhin zu identificiren,
Obercommissär Wınpr erläutert sodann, wie einfach
man auf die gleiche Art Leichen identificiren kann
Der Vortragende geht darauf zur Besprechung des
mit der Bertillonage zusammenhängenden sogenannten
Gedächtnissbildes über, indem er sich dasselbe in
ainem anderen Vortrage näher zu erörtern vorbehält.
Das Gedächtnissbild (portrait parle) ist dazu hbestimmt,
Recidivisten, die sich in Freiheit befinden.
unauffällig auszuforschen und zu erkennen.
Geschieht z. B. ein Mord und ist der That ein
schon abgestraftes — daher gemessenes — Individuum
verdächtig, dann wird sein aus der anthropometrischen
Signalementskarte ablesbares portrait parl& an die im
Sebrauche dieses „Wortbildes“ unterrichteten Sicherheitsorgane
gegeben und nun wird ganz anders ge-"ahndet,
d. h. die Identifieirung versucht werden. als
vis Jetzt.
Der: Vortragende schildert noch seinen Plan für
eine Schule der Polizisten und Strafanstaltsbeamten
zur Erlernung der Anthropometrie und des
Gedächtnissbildes und schliesst mit folgenden Worten :
„Die praktischen Erfolge der Bertillöonage werden
aich zeigen einerseits in dem Anwachsen der Zahl der