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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 17=27.1897

[83

Professor Vırcnow bemerkt, dass der vorgezeigte
brachycephale Schädel seiner Meinung nach als ein
deformirter anzusehen sei; der Schädel besitze nämlich
ein abgeflachtes Hinterhaupt. Es könne das vielleicht
der Einfluss der Wiege sein; der Gebrauch von
Wiegen, in denen die Kinder fest gebunden liegen
sei vielfach im Orient, namentlich im Kaukasus, verbreitet.

Professor LuscHAN bestreitet das Vorhandensein
einer Deformation des Schädels, umsomehr, als er
während seiner Reise durch Kleinasien derartige
Wiegen nicht gesehen hat.
Professor Surecı (Rom) findet gleichfalls an dem
betreffenden Schädel keine Deformation; er bemerkt,
lass er eine ähnliche Abflachung des Hinterhauptes an
den Köpfen einiger der Anwesenden demonstriren könne,
Professor ANUTSCHIN meinte, dass es sehr schwierig
sei, nach einem Schädel sich eine ganz bestimmte
Vorstellung zu machen, umsomehr, als die Abflachung
nicht scharf ausgesprochen ist und sich genau in der
Mitte des Hinterhauptes befindet. Im Allgemeinen sei
aine derartige Abflachung des Hinterhauptes, wie dieselben
 von den Wiegen herrühren, eine sehr gewöhnliche
 Erscheinung an den Schädeln aus dem Turkestan,
Man träfe sie auch an den Schädeln aus dem Kaukasus,
 doch sei sie hier fast immer asymmetrisch, so
Jass das Hinterhaupt wie abgeschnitten aussieht.
10. Dr. Wzmsuere (Dorpat). Ueber die Gehirnfurchen
 und Gehirnwindungen,
Der Vortragende hat 160 Hirne von Esten,
Letten und Polen in Bezug auf die Furchen und
Windungen untersucht. Als Ergebniss stellt der Vortragende
 die Ansicht auf, dass einzelne Formen der
Furchen und Windungen (fissura occipito-temporalis,
f. calcarina u. s. w.) sich bei den einen. Völkerschaften
häufiger fänden als bei den anderen,
Professor WALDEYER bemerkt dazu, dass es für
die Feststellung der Rassenunterschiede der Furchen
sehr wünschenswerth sei, das Hirn neugeborener Kinder
zu untersuchen; aber ebenso unumgänglich nothwendig
sei es auch, eine Einigung in Betreff der Haupttypen
der Hirnfurche zu erzielen.
11. Dr. Iwanowsg1 (Moskau). Ueber einige
Körndermaasse der Mongolen,
IV. Sitzung 12/24 August.
12. Professor LuscHAN demonstrirt einen neuen
eraniometrischen Zirkel und weist einen von
Porı erfundenen Apparat vor, mit dem der Rauminhalt
 des Schädels durch eine in den Schädelraum
eingeführte Kautschukblase gemessen werden soll.
13. Professor Runorr Vırcnow. Ueber einen
Schädel der Steinzeit (Dorf Wolossowo bei Murom).
Der Schädel ist einst durch den GRAFEN UWAROW
aufgefunden und jetzt von der Gräfin P. S. UWAROWA
zum Zwecke einer eingehenden Untersuchung an Herrn
Professor Vırcnow gesandt worden, Die Eigenthümlichkeiten
 des Schädels sind seine beträchtliche Grösse
und besonders starke Entwicklung der einzelnen
Knochen: seine Breite (brachycephaler Schädelindex

— 83), eine breite, gut entwickelte Stirn, grosse Augen-„öhlen,
 niedriges, aber breites Gesicht mit mässig
zrossem Unterkiefer. Im Allgemeinen weist der Schädel
zein Zeichen einer niedrigen Rasse auf; er ist ein
‚icherer Beweis für die Existenz einer brachycephalen
Rasse in Russland zur Zeit der Epoche des Steinalters.

14. Professor Vırcnuow. Die Querdurchmesser
jes Gesichts (Breitenindices). Der Vortragende sprach
über die verschiedenen Quermaasse des Gesichts, namentich
 über die sogenannte Jochbreite, über die beste
Art, die verschiedenen Maasse zu nehmen, und über
die verschiedenen Typen, die die verschiedenen Schädel
in Rücksicht auf die betreffenden Maasse darbieten,
Welcher Punkt soll gewählt werden, um die Gesichtsbreite
 zu bestimmen? Es sollen bei der Festsetzung
die verschiedenen Interessen der Anatomie, der Ethnoyraphie,
 der Wissenschaft wie der Kunst gewahrt
verden. Am Wangenbein sei der untere Rand hart an
Jer Grenze zwischen dem Os malare und dem Os
naxillare zu wählen. Aber die Naht läuft nicht
zleichmässig, so dass sie sich bald medial, bald lateral
zor dem vorspringenden Punkte befindet. Welchen der
Knöchen soll man zum Ausgangspunkte der Messung
machen? das Os malare — oder das Os maxillare?
An Lebenden kann man das gar nicht unterscheiden.


V. Sitzung 13/25 August.
15. Professor WALDEYER (Berlin). Ueber Hirnwindungen.

Der Vortragende sprach über die Art und Weise
Jer Entstehung der Windungen, über den Unterschied
ler Windungen bei verschiedenen Geschlechtern, über
Jen Unterschied bei Neugeborenen, Knaben und Mäd-;hen,
 über gewisse Typen der Windungen und üher
Rassenkennzeichen der Windungen.
Die Gründe der Entstehung der Windungen sieht
WALDEYER in einer einseitigen Entwicklung verschie-Jener
 Neuronen; dies hat zur Folge, dass einzelne
geriphere Hirntheile sich schneller entwickeln, Da nun
Jas Gehirn in eine feste Kapsel (Schädelkapsel) einyeschlossen
 ist, so ist die Oberfläche des Gehirns genöthigt,
 Falten zu bilden. — In Betreff der Thiere,
lie eine glatte Hirnoberfläche haben, müssen wir uns
‚orstellen, dass das Wachsthum der Schädelkapsel
parallel der Entwicklung des Gehirns einherschreite,
‚Was den Geschlechtsunterschied der Hirnwindungen
ınbelangt, so konnte der Vortragende weder bei Erwachsenen,
 noch bei Neugeborenen sich von ihrer
Ixistenz überzeugen; ebensowenig war der Vortragende
m Stande, einen besonderen Typus des Hirns an Ver-1rechern
 anzuerkennen.
16. Professor AnNuUTscHIN demonstrirt die von Pro-'e8sor
 J. KoLLMANN (Basel) eingesandte Büste eines
weiblichen Individuums.
In der Schweiz ist bei Auvergne am Neufchateler
See ein der neolithischen Epoche der Steinzeit anyehöriger
 Schädel gefunden worden und auf Grund
dieses Schädels ist die weibliche Büste modellirt. Um
            
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