82
wegens hat mehr den reinen germanischen Typus sich
bewahrt.
Die Professoren STIEDA, ANUTSCHIN und SERGI weisen
auf die Wichtigkeit ähnlicher Arbeiten für die einzelnen
Gebiete hin.
5. Professor v. LuscHAnN (Berlin). Ueber Schädel.
trepanation.
Der Vortragende demonstrirte eine Reihe von
Schädeln der alten Bewohner der Insel Teneriffa,
Alle Schädel zeigen im Gebiete der Scheitelknochen
mehr oder weniger beträchtliche Löcher, die — wie
es scheint — durch Trepanation an Lebenden entstanden
sind. Wahrscheinlich trepanirte man die lebenden
Individuen auf Grund gewisser unklarer Anschauungen,
z. B. zur Heilung von „Besessenen“, um
dem bösen Geiste aus dem Hirn einen freien Ausweg
zu gestatten. Es sind derartige Vorurtheile und An:
sichten bei. vielen Völkern zu finden — man hoffi
durch Trepanation eine Heilung gewisser Krankheiten
z. B. der Epilepsie,
IL Sitzung 9/21 August.
6. Professor Szreı (Rom). Ueber den Unterachied
in der Form des Schädels bei deı
Kurganbevölkerung im centralen Russland
und bei der jetzigen Bevölkerung.
Professor SerGı1 nimmt an, dass die Form des
Schädels unveränderlich sei; die verschiedenen Formen
seien nur Typen, die seit Urzeiten unverändert geblieben
sind. Die scheinbare Veränderung der Schädelform
einer Bevölkerung aus einer dolichocephalen
(langen) in eine brachycephale (kurze) sei bedingi
durch die Wanderungen der Völker, dadurch, dass ein
Iypus durch den anderen verdrängt wird. Das ist
auch in Centralrussland der Fall gewesen,
An diese Mittheilungen schloss sich eine sehr lebhafte
Discussion, an der sich Dr. Biocg, Dr. Arso u. A.
betheiligten. Professor ANUTSCHIN wies darauf hin, dass
die Beantwortung dieser Frage nicht so leicht, im
Gegentheile sehr schwierig sei. Professor DEBIERRE
bemerkte, dass vom Standpunkte der Evolutionstheorie
die Möglichkeit einer Veränderung der Schädelform in
den aufeinanderfolgenden Generationen nicht zu leugnen
sel.
7. Dr. ELxınd. Ueber Serers Schädeltypen
\n ihrer Beziehung zum Index des Schädels,
Der Vortragende hat seine Studien am Material des
anthropologischen Museums in Moskau angestellt; er
antersuchte Mongolenschädel, Kurganschädel aus Mittelrussland
und aus dem Gouvernement St, Petersburg,
Es stellte sich dabei heraus, dass die Typen SErGi's
in den allerverschiedensten Schädelgruppen vorkommen,
dass sie zu einem Theile der Grösse des Cephalindex
entsprechen, zum anderen Theile aber nicht, Es scheint
deshalb dem Vortragenden, dass Szrers Schädeleintheilung
nicht im Stande sei, die Craniologie in
Bezug auf die Erklärung typischer Eigenthümlichkeiten
und auf die Evolution des Schädels zu fördern. Die
Classifieation Serer’s könne in Betreff der Schädelbeschreibung
sehr nützlich sein, indem die Haupt
‚erschiedenheit des Schädels mit bestimmtem Ausdruck
bezeichnet würde, so dass von einer ausführlichen
3Zeschreibung abgesehen werden könne.
8. Dr. Mıss (Köln). Ueber Länge, Maasse,
Zauminhalt und Dichte des menschlichen
Körpers.
Die Bestimmung des Gewichtes und Rauminhaltes
zeschieht miitelst einer bestimmten Wage, auf welcher
las Individuum gelagert und in eine mit Wasser ge-‘üllte
Wanne getaucht. wird; das ausfliessende Wasser
zibt die Möglichkeit, Gewicht und Rauminhalt des
Körpers zu bestimmen. Hiebei wird dem Individuum
äine besondere Maske von Kautschuk vor’s Gesicht
zelegt; die Maske hat eine Röhre, durch welche das
Individuum auch unter Wasser athmen kann. Nach
129 Beobachtungen an 79 Individuen bestimmte . der
Vortragende das Gewicht = 1018—1082.
IM. Sitzung 9/21 August.
9. Professor v. LuscHAnN (Berlin). Ueber die
Anthropologie in Kleinasien. In Kleinasien
‚ind als sesshafte Völker zu finden die Türken, Griechen
ınd Armenier und ausserdem zwei Nomadenvölker, die
Zurden und Araber, Zuerst erörtert der Vortragende
lie Frage, ob auch „kleine Leute“ in Kleinasien
vorkommen, wie KOLLMANN sie in der Schweiz beschrieben
1abe. Er lässt die Frage unbeantwortet, aber hebt
1ervor, dass sie zu beantworten nicht leicht sei, weil
hier leicht Verwechslung vorkommen könnte. Es gebe
vier verschiedene Arten kleiner Menschen, nämlich
L. wirkliche Pygmäen, 2. rhachitische Zwerge,
3. Cretins, 4. kleine schwache Leute, die vieleicht
am besten als Kümmerformen zu bezeichnen
wären. Es scheint, dass jede dieser vier Arten mit den
Pygmäen verwechselt worden sei.
Die Schädelformen in Kleinasien findet LUSCHAN
n folgender Weise vertheilt. Er beobachtete zwei Haupt-‘ypen:
einen Typus mit breitem, kurzem und hohem
Schädel, den anderen Typus mit schmalem, langem
ınd niedrigem Schädel. Beide Typen kommen bei allen
Irei Nationen Kleinasiens vor, bei Türken, Griechen
and Armeniern, doch scheinen bei den Armeniern die
Leute mit brachycephalem Typus vorzuwalten. LUSCHAN
1ält den brachycephalen Typus für den älteren, man
negegne ihm schon auf den Darstellungen (Basreliefs)
ler Hetiten, des ältesten Culturvolkes. Der andere
lolicephale Typus muss den von Süden aus Arabien
singewanderten Semiten zugeschrieben werden. Die
Kurzschädel sind die Eingeborenen des Landes, die
Langschädel sind die Eingewanderten, Der Vortragende
Jemonstrirt zwei Schädel, die die charakteristische
Eigenart der beiden Typen aufweisen.
In der sich daran anschliessenden Discussion sprach
Professor Serer sich dahin aus, dass, im Gegensatze
zu LuscHAn, der langköpfige Typus der ältere
sei — so sei es in allen Gegenden am Mittelmeere :
die Langschädel sind überall die Ureinwohner, die
Kurzschädel sind die Eingewanderten.