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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 17=27.1897

— 170] —

Wir waren sehr angenehm berührt, dass aus dem
Titel des Unternehmens der Begriff des „Deutschen
Wohnhauses“ verschwunden ist. Wir stehen auf dem
Standpunkte, welchen G, BANCALARI auf Grund reicher
Autopsie zuerst mit voller Bestimmtheit ermittelt hat,
nämlich, „dass es bezüglich der Hauptsachen jedes
Typus unmöglich scheint, eine nationale Zugehörigkeit
 zu ermitteln; nur in Nebendingen, in Geschmackssachen
 lasse sich ein Habitus irgend einer Gegend zuweilen
 erkennen, hauptsächlich im Zierat“, Seine An:
zicht, dass fast alle typischen Eigenheiten wohlbegründete
Folgerungen natürlicher, landwirthschaftlicher u. dgl,
Verhältnisse darstellen; dass z. B. Blockbau nirgends
stattfinden kann, wo nicht spaltbares, langstieliges,
astfreies Balkenholz, also Nadelholz zur Verfügung
steht oder stand; dass der Fachwerkbau Thüringens
gewohnheitsmässige Ueberlieferung aus jener Zeit sei,
als der Thüringerwald noch keine Tannen, sondern
blos Laubbäume enthielt; dass die Dachformen einzig
und allein vom vorhandenen oder üblichen Deckmateriale,
so das sanfte Dach von gelegten Schindeln oder Ziegeln,
das steile von ursprünglicher Strohbedeckung stammt
u. s. w., hat einen grossen Grad von Wahrscheinlichkeit.
 Wir huldigen also den technischen Principien der
Bauernhausentwicklung, weil diese am besten erklären
and das Phantasiespiel der Theorien am sichersten verhindern,
 Diese Ansicht muss zweifellos dem Comite.
welches ja aus Technikern besteht, sympathisch sein
Wir bitten nun angelegentlichst, die „nationale“
Richtung der Hausforschung vollkommen zu verbannen
oder eigentlich zu verschieben, auf das Ende zu sparen
and nichts Anderes zu beachten, als die Typen und
ihre geographische Verbreitung; also: 1, technische,
2. geographische Gesichtspunkte festzustellen. Diese
Bitte ist vielleicht nicht zwecklos. Es gibt noch immer
Anhänger des „schwäbischen“, des „fränkischen“, des
„oberdeutschen“ Hauses. In der Schweiz hat ein Forscher
Unmassen von Material gesammelt. (HUNzıKER in Aarau.)
Wir verweisen geradezu auf ihn hin. Er wäre für das
Unternehmen unbezahlbar. Aber seine langobardischen
allemannischen, keltischen und rhätischen Theorien wären,
als vorerst nicht genügend (durch linguistische Argumente)
 gestützt, vorsichtig zu meiden. Auch in Deutschland
 ist noch viel beirrende Anticipation von Behauptungen,
 an welche erst nach vollendeter Sammlung des
Materiales und auch dann vorsichtig herangetreten
werden soll, wenn auch die Erörterung der Sache beim
Innsbrucker Congresse 1894 klärend gewirkt hahen
sollte.
Aus dem hierüber Gesagten folgern wir die Nothwendigkeit,
 die Bauten ganz Böhmens, Galiziens,
Ungarns, Croatiens, Dalmatiens, Bosniens ete., aber
auch Russisch-Polens, der Wallachei, Serbiens in’s Auge
zu fassen und bezüglich der ausserösterreichischen anregend
 zur wirken. Es muss zu einer Hauskunde von
ganz Mitteleuropa kommen, wenn eine Basis für irgend
eine Folgerung bereitet werden soll. Die erstaunliche
Gleichartigkeit aller in Budapest 1896 ausgestellten
Häuser jeder Nation des Landes mit dem sogenannten
‚oberdeutschen Typus“. sowie mit den 1895 in Prag

ıusgestellten Modellen gibt zu denken und unterstützt
ınseren Antrag. Auch das Wenige, welches aus dem
"rüher erwähnten französischen Werke erhellt, zeigt
weniger Unterschiede als Uebereinstimmungen mit der
zrossen Masse der „mitteleuropäischen“ Haustypen,
Wir denken, dass auch die anderen Nationen, wie die
Ozechen und Ungarn, sowie die Polen, gerne mitarbeiten
werden, wenn man ihnen ohne die aprioristische Suche
nach dem „deutschen“ Hause auf dem neutralen Boden
les „mitteleuropäischen“ Grundtypus entgegentritt,
MerrtzEen’s grossartig angelegtes Werk über die
Flureintheilungen und die Dorfgruppirung kann fürlerhin
 nicht bei Seite gelassen werden. Wir wenden
ler Sache unser Augenmerk zu, möchten aber auch
las Comite bewegen, diese Seite der‘ Forschung so
ziel als möglich zu berücksichtigen. Das sogenannte
„fränkische“ Gehöft ist zweifellos aus der Dorflage
zu erklären. Seine Form kommt auch bei Einschichten
vor; aber entstanden ist sie gewiss durch die An-3inanderreihung
 längs der Dorfgasse oder um den
Jorfring. Es ist die glücklichste Lösung der Aufgabe
zweckmässiger Nachbarschaft. Das oberösterreichische
anregelmässige Haufengehöfte dagegen konnte nur entstehen,
 wo man sich um Nachbarschaft nicht zu kümmern
hatte, also in der colonisirten Rodung u. s. w. Hieraus
 wolle man ersehen, dass eine‘ Wechselwirkung
zwischen Dorfanlage, Flureintheilung und Gehöftreform
besteht, und dass diese Punkte nicht übersehen werden
Jürfen.
Da ein etwaiger nationaler Charakter: der Bauten,
wie angedeutet, nur aus dem Unwesentlichen, aus den
Zierden, aus den Hauseinrichtungen (Hausrath), dann
aus dem schwer zu definirenden Gesammthabitus zu
ıntwickeln ist, so wäre diesen Dingen Aufmerksamkeit
zu schenken. Eine blos schematische Darstellung des
Hauses bringt die Uebereinstimmung der Typen überzeugend
 zur Kenntniss. Für jene feineren und vielleicht
 charakterisirenden Unterschiede bedürfte man
dagegen photographischer Bilder.
Der Entwurf des Schemas für den beschreibenden
Text enthält nichts über die volksthümlichen Benenıungen
 der Haustheile, Wir bitten, diese ganz besonders
 zu berücksichtigen. Es muss als allgemeine
Zegel aufgestellt werden, dass die gebräuchlichen techılschen
 Benennungen, z. B. Balcon, Geschoss, Hauslur,
 Vorzimmer, Stube, Zimmer, Hausthüre, Kamin,
Mantel u. dgl., insoferne sie den Büchern der Baukunst
antsprechen, nur (mehr) als Erklärung und stets unter
Xlammer angewendet werden sollen. Die Beschreibung
der Pläne soll in allen Theilen nur die landläufigen
zolksthümlichen Namen bringen und das mit gutem
jrunde. Wenn z. B. in vielen Theilen der Alpen die
Tausflur „das Haus“ heisst und andererseits in gewissen
 Theilen Frankreichs die Stube, wu gekocht,
yegessen und gearbeitet wird, also der Hauptraum „la
maison“, bei Auronzo loda oder losa (loggia ?), anderswo
der Theil zunächst der Hausthüre „Lab’n“, so drängt
sich der Gedanke auf, dass aus den Namen wichtige
Folgerungen fliessen können, besonders wenn man ‚sie
Für recht viele Gegenden kennt. Die verlässliche Er-
            
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