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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 17=27.1897

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Die Neger in Sierra Leone singen immer in Moll.
die Bongo und Fertit zuweilen in Moll. Im Seendistricte
 Ostafrikas hingegen singen die Eingeborenen
in Dur, „nicht in dem endlosen Moll der asiatischen
Völkerschaften“. Die Notenbeispiele von afrikanischer
Musik waren überhaupt der Mehrzahl nach in Dur.
Wir können somit die Behauptung aufstellen, dass
Lieder im Mollgeschlechte schon auf primitivster Culturstufe
 ziemlich häufig vorkommen.
BEKER hat in seiner Charakterisirung der Indianerzesänge
 versucht, einen Causalzusammenhang zwischen
Moll und Trauer herzufinden. Ich habe jedoch nicht
den Eindruck, dass ihm dieser Beweis gelungen ist,
denn er muss bei den meisten Liedern die Stimmung
erst hineindeuten, die sich ihm von selbst ergeben
sollte, wobei sich ferner ergibt, dass sich eine ganze
Reihe von Texten von vorneherein lustig und traurig
auffassen lässt, Deshalb kann man in manchen Fällen
gar nicht sagen, ob das Tongeschlecht der Composition
mit der Stimmung im Texte in Causalzusammenhang
stehe, weil wir bei manchen Texten als solchen
nicht sagen können, dass sie nur eine einzige Auf-Fassung
 zulassen.
Verfolgen wir das Moll- und Durgeschlecht in den
Uompositionen der Culturvölker der Neuzeit, so ergibt
sich, dass Moll auffallend spät in Verwendung kam,
dass ferner namentlich die älteren Classiker Moll und
Dur durchaus nicht nach Stimmungen scheiden.
GLucK’s berühmte Arie: Che faro ete. ist in Dur und
klingt im Zusammenhange mit der Scenerie gewiss
traurig. Jeder Trauermarsch ist in der Regel Moll
and im Trio Dur, ohne dass er beiden Stimmungen
Ausdruck zu geben hat.
Angesichts dieser Thatsachen darf ich folgende
Behauptung aufstellen:
Die Mollmelodie ist dem Menschen auf primitiver
Culturstufe ebenso geläufig, wie die Durmelodie, ohne
dass er den Gebrauch beider nach Stimmungen scheiden
würde. Ja, er singt auch harmonisch, nicht nur
einstimmig, in Moll. Auf den Inseln Amsterdam und
Middleburgh, wo auch zweistimmig gesungen wird, gab
es einen Gesang in A-moll, den die KEingeborenen
manchmal mit dem A-moll-Accord schlossen, offenbar
ohne sich durch die Complieirtheit der Obertöne stören
zu lassen.
Es fragt sich nun, warum singen manche Rassen
ın Moll, andere in Dur. Ueber diese Frage sind
mehrere Theorien aufgestellt worden, Dr. CARTER BLAKE
behauptete, Mollmelodien seien leichter zu singen
„The cries of children and street cries are proofs“,
Darauf hat Kaınyrzs erwidert, dass nicht die Leichtigkeit,
 sundern die Thatsache des Schmerzes in beiden
Fällen das Moll veranlasse. Ich fürchte, dass beide
Herren mit der Begründung Unrecht haben, Herr BLAxz
überdies mit der Thatsache, Ich werde fast müde, an
so verschiedenen Stellen immer wiederholen zu müssen,
dass Kinder weder in Moll noch in Dur schreien, noch
singen, Die Strassenrufe von Händlern — die namentlich
 in Paris und London so häufig sind — lassen
sich in den meisten Fällen nicht musikalisch wiederzeben,

 weil sie keine discreten Tonstufen besitzen. In
len übrigen Fällen, wo das der Fall ist, lässt sich
ei einem Rufe von etwa 2—3 Tönen nicht sagen,
> er Moll oder Dur angehört; es können beide Harnonien
 unterlegt werden. Wo endlich musikalische
Wiedergabe möglich war, hat W. GARDINER die Londoner
Strassenrufe gesammelt. Von 17 Beispielen ist nur
»ines in Moll. HuımHonrtz erwähnt die Mittheilung
»ines „erfahrenen Gesangslehrers“, der versicherte,
Schüler von mässigem musikalischen Talent treffen
viel schwerer die Mollterz. Dr. W, C. MÖLLER beıauptete,
 dass musikalisch Ungebildete eher die kleine
ıls die grosse Terz intoniren und dass darauf die
Mollgesänge der Wilden zurückzuführen seien, SroHrR
viederum sagt, dass Landleute die Terz zu hoch, die
Juart noch höher und die Septime zu tief intoniren.
In diesem Durcheinander von Meinungen werden wir
ıns nur dann zurechtfinden, wenn wir festhalten, dass
len erwähnten Autoren verschiedene Rassen zur
Beobachtung vorlagen und ich glaube allerdings, dass
ei den Naturvölkern die Vorliebe für Moll oder Dur,
die Intonation der grossen oder kleinen Terz auf Beschaffenheit
 der Stimmorgane zurückzuführen ist, denen
n gewissen Rassen Moll ebenso natürlicher fallen mag,
wie etwa schwachen Bläserlippen, die das Naturhorn
oder die Naturtrompete constant zu tief einblasen
mehr es als e).
Wird einmal die Musik systematisch betrieben, gibt
3s einmal künstlerische Compositionen, so ist — auf
3lasinstrumenten wenigstens — Moll das schwieriger
Ausführbare, es ist auch für Naturhörner — Trompeten
der Flöten ohne Ventile (wie sie noch zu HÄnDer’s
Zeiten üblich waren), das weit Umständlichere, weil es
zinen beständigen Wechsel der Stimmungen und damit
der Instrumente bedingt, Den Sängern ist der Unterschied
 ebenso gleichgiltig, wie dem Publicum die Oberöne,
 Aus diesen praktischen Gründen ist Moll in
Jompositionen (nicht überall im gewöhnlichen Volkszesange)
 das Seltenere, der Eindruck ein ungewöhnicher,
 ausserordentlicher, bedeutungsvoller, Zu diesem
Zwecke wird es dann hauptsächlich verwendet und
ladurch sind wir gewöhnt worden, Moll in Verbindung
nit Situationen oder Texten zu hören, deren Charakter
wir dann stets schon dem einzelnen Accord unterlegen,
Wenn es in der Musik überhaupt möglich ist, einen
vestimmten Charakter wenigstens anzudeuten, so kann
dies immer nur durch die Struetur des ganzen Musikstückes
 mit allen musikalischen Ausdrucksformen geschehen
 (Modulationsweite, Stärke, Tiefe, Tempo) nicht
Jurch die Beschaffenheit des Aecordes allein.
Das Mollgeschlecht ist bei Naturvölkern lediglich
Ȋn falsch (zu tief) intonirtes Dur, dessen Unterschied
rom Dur kaum mit Absicht und Bewusstsein wahrzenommen
 und verwendet wird, Sein häufiges Vorkommen
in den ‚ältesten Culturperioden gibt zusammen mit der
Frühzeitigkeit des Harmoniegefühls und der diatonischen
Scala als vorläufiges Resultat ethnologischer Forschungen
auf dem Gebiete der Musikwissenschaft die Theorie
von der Einheit der Tonkunst und der Unverinderlichkeit
 ihrer harmonischen Grundprineivien.
            
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