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Dagegen bleiben Merrzen’slebensfrische Schilderungen
späterer Zustände aufrecht.
Es kann uns nur recht sein, dass Murrzen’s Werk
diesen Ballast losgeworden ist, denn es hat schon bei
seinem Erscheinen nicht wenig daran gelitten, dass
sein Ausgangspunkt gerade im Brennpunkte der Controverse
gestanden ist, strittig war. Während nun
das Entstehen der deutschen Markgenossenschaft
in die Controverse zurückfällt, ist deren frühzeitiges
Vorhandensein durch Merrzen’s Forschung
über jeden Zweifel sichergestellt.
Und so können wir uns an MuErtzen’s glänzendem
Werke erst jetzt so ganz freuen, wollen aber auch
Hand mit anlegen, auf dass die wirthschaftsgeschichtliche
Forschung nach seiner Art auch bei uns sich
sinbürgere,
Merrzen’s Forschungsmethode ist die von Dorf zu
Dorf, ja, wo nöthig, von Parcelle zu Parcelle. auf
Grund der Katastralkarte.
Mit diesem Behelfe hat Mxırzen nach mehr als
S0jähriger Kleinarbeit die germanische und die slavische
Vorzeit wesentlich aufgehellt, obzwar sein
Forschungsgebiet keineswegs so dankbar ist, wie es
einige österreichische Länder zu sein schon von
vorneherein versprechen.
MeıTzen’s ursprüngliches Forschungsgebiet war
nämlich Schlesien; dort entdeckte er die westslavischen
alten Siedelungsarten in ihrem Sein und die deutschen
Colonisirungsarten in ihrem Werden, und von Schlesien
aus ging er gegen den Westen weiter vor, wo ihm
schon Vıcror Jacosı, namentlich aber LANDAU einigermassen
den Weg geebnet hatten. Bis zur Elbe und der
Saale sind es jedoch alles Gegenden, welche viel später
unter die deutsche Herrschaft gekommen sind, als unser
Innerösterreich; demgemäss müssen hier, in Innerösterreich,
die deutschen Eroberer alterthümlichere wirthschaftliche
Zustände vorgefunden haben, als auf elbslavischem
Boden; während des jahrhundertelangen, auf Leben
und Tod geführten Kampfes um die rechtselbischen
Lande musste überdies die dortige sociale Ordnung
nothwendig eine bedeutende Degeneration erlitten haben,
so dass die Zustände, welche nach der endgiltigen
Unterwerfung, zum Nutzen der Eroberer gewendet,
sonst aber durch Abschichtung der vorgefundenen
Volksclassen petrificirt worden sind, uns schon aus
dem Grunde keinen ganz sicheren Rückschluss mehr
auf die Zustände gestatten, die lange vor der endgiltigen
Eroberung bestanden haben.
Wir können aber viel ältere Quellen über die alt-Jeutschen
und altslavischen Socialverhältnisse dem
österreichischen Boden entlocken.
Uebrigens! Die erste systematische Deutsche Wirthschaftsgeschichte
hat, wie schon hervorgehoben worden
ist, ein österreichischer Gelehrter geschrieben, das
neueste, sehr gewichtige wirthschaftsgeschichtliche Werk
hat ebenfalls einen österreichischen Professor zum
Verfasser; es muss uns daher doch etwas daran gelegen
sein, dass bei uns nicht allein das wirthschaftsgeschichtliche
Studium überhaupt weiter genflegt werde.
sondern hauptsächlich und namentlich der österceichischen
Heimatskunde endlich einmal zugute
komme,
Unsere Vergangenheit ist uns wohl am nächsten;
und wenn wir — zum keineswegs anzüglichen Beispiel:
an der Aufdeckung der kleinasiatischen Vorzeit
ainen so rühmlichen Antheil nehmen, dann darf uns
wahrlich unsere eigene Vorgeschichte keinen Augenblick
länger Hekuba sein!
In Oesterreich durchdringen sich die äusseren
Glieder zweier ethnischen Welten so ineinander, dass
es von uns hier Anwesenden Niemand erleben dürfte,
bis man wird ermittelt haben, wo — im ethnischen
Sinne! — der Slave aufhört und der Deutsche anfängt.
Hier kann die Forschung wohl nur viribus
unitis von uns Allen in Angriff genommen werden,
denn an dem Gedeihen dieser Arbeit sind wir Alle,
ob Deutsche, ob Slaven, mitinteressirt.
Man kann gleich im Vorhinein annehmen, dass auf
znem Gebiete, wo die ethnischen und gesellschaftlichen
Gegensätze mit der uns schon aus unseren Schuldüchern
einigermassen bekannten Vehemenz tausend
Jahre lang miteinander ringen, die Forschung ja viel
leichter vorgenommen werden kann, als auf einem
ınderen, ethnisch homogenen Fleck Erde,
In einem ethnisch homogenen Lande geht die
zesellschaftliche und wirthschaftliche Entwicklung
ırganischer vor sich, die einzelnen Institutionen leben
;ich da einfach aus und weichen schliesslich anderen
Zinrichtungen, aus welchen man das frühere, allmälig
und unbemerkt an Altersschwäche Abgestorbene nicht
30 leicht oder gar nicht mehr wahrnehmen kann, ebensowenig,
als man z. B. aus dem Schmetterling heraus
zu errathen vermöchte, dass er aus einer Raupe entstanden
sei; denn die Metamorphose ist eine vollständige,
Die deutsche Socialgeschichte weist eine solche
Metamorphose auf, und wir haben sie auch heute berührt:
Die altdeutschen Agrarzustände nach den Angaben
Jäsar’s und Tacitus’ und während der fränkischen Zeit
ın der Erklärung HıLDEBRAND’S einerseits und die spä-’eren
Agrarzustände der Deutschen nach der Schilderung
MeITzEN’s verhalten sich, wie mir scheint, zueinander
annähernd so, wie die Raupe zum Schmetterling.
Anders steht die Sache dort, wo, wie in Oester-’eich,
gesellschaftlich so ungleichmässige Organismen
aneinander gestossen sind und sich so durchschlungen
and durchdrungen haben, dass sie geradezu dem physikalischen
Gesetze, nach welchem an einem Orte gleich-‚eitig
mehr als ein Gegenstand unmöglich ist, zu
;rotzen scheinen,
Weit entfernt, dass sich diese hart aneinander
zerathenen Gegensätze bis zur Unkenntlichkeit abgerieben
1ätten, im Gegentheil: sie haben sich für lange Jahrhunderte,
auch unserem historischen Auge sichtbar, zum
zrossen Theile gebunden, neutralisirt, petrificirt, gerade-:o,
wie sogar Feuer neben Wasser bestehen kann und
vesteht, wenn irgend eine noch so verschlungene Demarcation
zwischen beiden gezogen ist, welche das Geltungsyebiet
jedes Elementes absrchichtet.