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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 17=27.1897

— 2438

und Süden der Donau getrennte Wege. Wenigstens in Betreff
der Fibelformen glaubt also AıLmGren feststellen zu können,
„dass die Begründung der römischen Herrschaft in den Donauländern
 vielmehr eine Grenzscheide errichtete, als dass sie
den Import vom Süden nach dem Norden durch ein etwaiges
Aufblühen des Bernsteinhandels beförderte“. Mit HosrTMmAnn
und TıscuLer betont der Verfasser, dass vor der Zeit Marc
Aurels, wenigstens im Allgemeinen, keine römischen Münzen
nach Nordeuropa gekommen sind. Die Münzzufuhr begann
nach dem Markomannenkriege in Folge des ersten grossen
Vorstosses germanischer Stämme in’s römische Reich, „Die
grossen Münzmassen von den Kaisern Trajan bis Marc Aurel
könnten hienach vielleicht am ehesten geradezu als Kriegsbeute
angesehen werden.“ Mit diesen Münzmassen kommen neue
Fibelformen und auch andere Typen und Techniken zu den
Ädermanen. Sie inauguriren die jüngere römische Periode
Nordeuropas (nach TıiscmLer: „Periode C“, nach MonrtTEeLi0S:
„Periode V der Eisenzeit“, nach Sornus MüöiLEer: „Völkerwanderungszeit“),
 deren Ausgangspunkt der Verfasser im
züdrussischen Culturgebiete sucht. Er hält es für eine ausgemachte
 Sache, dass diese Cultur von den in Südrussland,
Ungarn u. s. w. angesiedelten Germanen, Gothen u. A. ausgeht
 und meint, dass der Name „gothisch“ für diesen Zeitabschnitt
 am passendsten wäre. Denn, merkwürdig genug.
es lassen sich die meisten späteren provincial-römischen
Fibelformen (vom zweiten Jahrhundert ab) nur als Umvestaltungen
 germanischer Vorbilder erklären, so dass — nachdem
 der Einfluss der provincial-römischen Industrie auf die
gleichzeitige nordeuropäische ein ganz geringer gewesen —
in spätrömischer Zeit dagegen ein starkes germanisches Element
 in der provincial-rämischen Formenwelt zu erkennen
wäre. M. Hoernes.

18,
V. M. Florinskij: Pervobytnyje Slavjane po pamjatnikam
 ich doistoriceskoj Zizni. Opyt slavjanskoj
archeologii. (Die alten Slaven in den Denkmalen
ihres vorhistorischen Lebens. Versuch einer slavischen
 Archäologie.) Tomsk. I. Theil. 1894. II. Theil.
1896. S. 3554272. Mit mehreren Tafeln und
vielen Text-Illustrationen. (In russischer Sprache.)
Vorliegende zwei Bände des neuen Werkes von FLorRINSKIJ
stellen uns den Anfang einer breit angelegten Arbeit vor.
len Versuch einer slavischen Archäologie.
Mit einer gewissen Neugierde nahm ich das Werk zur
Hand, aber schon nach dem Durchlesen der ersten Seiten
sah ich mich enttäuscht. Nicht, weil eiwa das Buch uninteressant
 wäre, oder weil man keine Belehrung daraus
schöpfen könnte, sondern weil seine Grundlage durchaus verfehlt
 ist. Mit einer falschen Idee trat der Verfasser an die
Ausarbeitung seines Werkes heran, Es wird das, glaube ich,
dem Leser bald einleuchten, wenn wir kurz den Inhalt der
zwei mir bis jetzt zugekommenen Bände übersehen,
Am Anfange erklärt der Verfasser den Ursprung des
arischen Volkes, dessen Heimat sich irgendwo zwischen Oxus,
Jaxartes und Hindukusch befunden haben sollte (S. 3). Von
hier aus breiteten sich die Urarier in zwei Richtungen aus,
ein Theil nach Kleinasien, der andere über das westliche
Sibirien nach Osteuronsa

In diesem zweiten Theile formirte sich schon in
Asien die slavische Nation. Die Slaven lebten lange
in Turkestan unter dem historischen Namen der Saken,
der Massageten (S. 17), wie es dem Herrn Verfasser die topoyraphische
 Nomenclatur bezeugt, und besassen schon damals
sine nicht geringe Cultur. Vom westlichen Sibirien zogen
Jann die Völker der Slaven über das Uralgebirge nach Russand
 — die Skythen der Geschichte waren eigentlich im Grunde
zenommen dieselben Slaven — und breiteten sich bis zur Elbe
ainerseits und nach der Balkanhalbinsel andererseits aus, wo
sie in der Geschichte unter den Namen der Veneter, der Geten
ınd Daken auftreten.
Capitel II und III sind nicht besser als das erste, In dem-;elben
 wird die Ausbreitung der Slaven in Europa und die
Tormation der russischen Nation näher. geschildert. Dass Fıo-3nsKıs
 Nicht nur die baltischen Veneten, sondern auch die
ırmorischen und adriatischen, dass weiter die Sarmaten und
Narjagen Slaven sind, versteht sich von selbst. Das haben
‚uch schon vorher mehrere und bedeutende Gelehrte mit
‚rossem Geschick vertheidigt. Aber er geht noch weiter. Er
‘jeht Slaven auch in den alten Kimmeriern und Skythen, in
len Bulgaren, Hunnen, er hält auch die Thraker und Illyrier
für Slaven. Das sind aber Theorien, die schon lange gründlich
 zurückgewiesen worden sind.
Diese drei Capitel bilden die ethnologische Einleitung
ınd dabei auch die Grundlage des Werkes. Aber die ganze
dee ist falsch und auch die Folgerungen sind schlecht bezründet,
 Alles zeigt, dass dem Verfasser die Ergebnisse der
ı‚eueren Forschung auf dem Gebiete der älteren Geschichte
Zuropas fast vollkommen und auch die Fortschritte der
Archäologie grösstentheils fremd sind.!) Nichts zeigt dies
‚esser, als dass der Verfasser, um das Slaventhum der Wolga-3Zulgaren
 zu bezeugen, die falschen Idole von Retra zur Parallele
ı1eranzieht und sich dabei auf das Buch von MaAscm vom
Tahre 1771 beruft. (S. 284 cf., auch II, S. 177.)
Auch die neueren Ergebnisse der Linguistik sind ihm
ınbekannt. Er weiss nichts von den modernen Ansichten
iber die sprachlichen Verwandtschaftsverhältnisse der ein-‚elnen
 arischen Völker. Er übernimmt das alte System von
ScHLEIcHER und baut seine Theorie von der Wiege der Slaven
uf der veralteten Hypothese der näheren Verwandtschaft der
;lavischen Sprache und des Sanskrit.?) Man wird sich nicht
Jarüber wundern, dass auch seine etymologischen Versuche
3inen ähnlichen Werth haben. ;
An diese ethnologische Einleitung fügt der Verfasser
in Essai über das Verhältniss der alten slavischen zu der
»yzantinischen Cultur an (S. 86 ff), Daraus entnehmen wir,
lass nach seiner Meinung die ganze byzantinische Cultur auf
lavischem Grunde steht. Nicht nur die Stilarten in der
Kleinkunst sowie in der Architektur, nicht nur der äussere
ınd innere Charakter des byzantinischen Hofes, sondern auch
lie ganze Form des Staates, der Absolutismus, alles das war
in Byzanz nur die Frucht des slavischen Geistes und Einı)

 Nur in beschränktem Masse können wir die Entschuldigung
 des Verfassers annehmen, der über den Mangel
ler Hilfsliteratur in Tomsk klagt (IT, S. 110).
2?) Die linguistischen Kenntnisse des Verfassers zeigt
z. B.' der folgende Satz (S. 12): „Je mehr eine arische Sprache
vom Sanskrit abweicht, desto. früher hat sie sich vom
Irstamme abgesondert.“. )
            
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