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Während uns über die römischen Strassen im einstigen
[mperium literarische und archäologische Zeugnisse reichliche
Aufschlüsse bieten, sind wir für die vorrömischen Strassenzüge
fast ausschliesslich auf Vermuthungen angewiesen. Für
die vorrömische Topographie der nachmaligen Provinzen des
Kaiserreiches können sich diese Vermuthungen auf Nachrichten
aus späterer Zeit gründen. Für die Länder, welche
stets ausserhalb der Reichsgrenzen geblieben sind, entbehren
wir auch dieses Hilfsmittel der Conjectur. Und doch ist uns
auch hier nicht jede Vorstellung von den alten Strassenzügen,
ja nicht einmal jede unmittelbare Anschauung vom Bau und
der Construction jener Wege entzogen. Aus der Verbreitung
der prähistorischen Artefacte, die im Stoff oder in der Form
ein Ursprungszeugniss an sich tragen, gewinnen wir eine
allerdings nur allgemeine Vorstellung von einem ganz Europa
überziehenden Handelsstrassennetze, und dazu kommen nun
auch directe Nachweisungen von Strassenstrecken, welche
freilich nur dort erwartet werden dürfen, wo die Bodenbeschaffenheit
eine künstliche Anlage von dauerhafter Natur
erforderte. ;
Dieser Art ist die jetzt von Prof. Conwexrz publicirte
Entdeckung zweier Moorbrücken im Torf des Sorgethales bei
Christburg und Baumgart in Westpreussen. Dieselben überqueren
das Sorgethal circa 20 km südlich von Elbing in westöstlicher
Richtung. Ihre Auffindung steht im Zusammenhange
mit der Hebung eines Segelbootes aus der Wikingerzeit, bei
welcher Gelegenheit die ansässige Bevölkerung ihre Gäste auf
weitere unter Tag liegende alte Holzobjecte aufmerksam machte.
So stiess man auf Reste eines Systems verschollener Wegebauten
(Moorbrücken, Bohlenwege), wie sie bisher nur im nordwestlichen
Deutschland — Hannover, Oldenburg, Bremen —
wissenschaftlich beobachtet, aber noch nirgends in grösserem
Zusammenhange betrachtet worden waren. Eine solche Betrachtung
sehr eingehender Natur widmet nun Conwenrz dem
ganzen beziehungsreichen Vorkommen. Im Vorworte schildert
er den eigenartigen Vorgang bei der Aufnahme dieser seltenen
Deberreste. Man war z. B. genöthigt, die Gruben über Sonn-1ag
unter Wasser zu setzen, um Beschädigungen der aufzedeckten
Theile hintanzuhalten, ein Vorgang, der, wie der
Berichterstatter scherzhaft bemerkt, auf Originalität keinen
Anspruch machen kann, da nach Tacitus schon .die Germanen
bei nächtlicher Weile die Moorbrücken der Römer unter
Wasser zu setzen pflegten.
Die Bearbeitung des Stoffes geht weit über einen gewöhnıichen
Fundbericht hinaus, obwohl die neuen Thatsachen
minutiös beschrieben und durch Abbildungen erläutert werden,
Der Autor gibt zuerst einen Ueberblick über „Holzwege im
Allgemeinen“, Ganz richtig beginnt er mit Anlagen aus neuerer
Zeit, wodurch wir das Wesen solcher Wegebauten am besten
kennen lernen, Ausser den Knüppeldimmen in moorigen Geländen
der Hochgebirge (Schweiz) finden sich namentlich im
Flachlande Norddeutschlands und Russlands derartige Bauten
noch heute in Gebrauch. . Aus frühgeschichtlicher Zeit kennt
man Analoges in England, Norddeutschland, Russland und
Schweden. Der vorgeschichtlichen Zeit rechnet ConwaEnrtz ausser
den erhaltenen norddeutschen und einem zweifelhaften krainischen
(im Laibacher Moor) die literarisch und sogar künst-‚erisch
bezeugten Holzstrassen der römischen Invasionstruppen
zu. Diese geschichtlich datirbaren Bauten werden von Cäsar
“Alesia) und Tacitus (Teutoburger Wald) erwähnt, und ein
Mittheilungen d. Anthrop. Gaesellsch. in Wien. BA XXVUMN 1897
'ernerer solcher Bau (an der unteren Theiss) ist auf der Marcus-;äule
andeutungsweise abgebildet. Sie dienten passageren
Xriegszwecken, der Beförderung von Mannschafts- und Train-;olonnen
über Sumpfstrecken.!) Sehr gründlich ist der Autor
sodann in der Schilderung seines speciellen Locales nach
Zau, Vegetation und fossilen Einschlüssen, ferner im Berichte
iber die Aufdeckung der beiden Moorbrücken, die sich vom
vest- auf ostpreussisches Gebiet hinüberzogen, und in seinen
ntersuchungen über Verlauf, Bau und Beschaffenheit jener
Nege. Von ganz besonderem Belange sind natürlich seine
Zetrachtungen über Alter, Ursprung und Bedeutung der Moor-»rücken.
Hier haben wir es- selbstverständlich nicht mit
ömischen Kriegs- oder Friedensbauwerken zu thun; denn
Jst- und Westpreussen wurden nie von römischen Heeren
lurchzogen und, so viel wir wissen, auch nur höchst selten
ron reisenden Römern betreten. Die Construction der Moor-»rücken
ist so primitiv und ursprünglich, dass es der Anı1ahme
fremder Einflüsse oder fremder Baumeister nicht bedarf.
Das Alter lässt sich zwar nach der Lage unter Terrain nicht
bestimmen, wohl aber aus den verwendeten Hölzern und
Werkzeugen, sowie aus den Nebenfunden. Man bearbeitete
mit Eisen vorwiegend Eichenholz, welches in der Hallstattınd
La Töene-Periode ausgedehnte Bestände bildete, während
in späterer Zeit die Kiefer vorherrschte. Auf die erste Eisenzeit
weisen auch die auf den Bohlenwegen gefundenen keramischen
Ueberreste. Diese lagen ausschliesslich auf den unteren
Holzschichten, so dass die beiden obersten Lagen, welche
später durch das Anwachsen des Moores nöthig geworden,
möglicherweise einer jüngeren Zeit zuzurechnen sind (etwa
der römischen Culturperiode?), ;
Coxwaentz erläutert auch, an der Hand sonstiger Funde,
lie allgemeinen vorgeschichtlichen Verhältnisse des von ihm
studirten Gebietes, auf die nun durch die neue Entdeckung
weiteres Licht gefallen ist. Er zeigt, wie um die Mitte des
etzten vorchristlichen Jahrtausends, eine fremde, die jüngere
Hallstatt-Cultur aus dem Süden nach Westpreussen einzedrungen
ist. Dies geschah auf zwei Strassen, von welchen
e eine am rechten und am. linken Weichselufer lief, Hand
n Hand mit der neuen Cultur ging ein Wechsel der religiösen
Anschauungen, der von der früher allgemein geübten brandlosen
Bestattung zur Leichenverbrennung führte, ‚Nun ericheinen
auch jene merkwürdigen und .viel. behandelten
Gesichtsurnen, in welchen.man südlichen Einfluss fast ebenso
ft erkannt, als abgeleugnet hat. Es findet sich an ihnen
‚ener aus dem Rothen Meere stammende Conchylienschmuck
‘„Schnecken-Anhänger“ nennt Coxwentz diese durchbohrten
Sypräen nicht ganz sprachrichtig), sowie die bekannten, hier. so
eigenthümlich isolirten figuralen Urnenzeichnungen, Andererseits
enthalten die Culturschichten der Hallstatt-Periode an
nehreren Stellen des Elbinger Hochlandes so viel rohen Bernstein,
dass die Dorfbewohner bisweilen geradezu danach graben.
Man hat daraus geschlossen, dass schon in der Hallstatt-Zeit
von hier eine Bernstein-Handelsstrasse nach dem Samlande
zing. Dem Bezuge dieses Productes und dem Vertriebe der
jegenwerthe südlicher Provenienz galten wahrscheinlich auch
Jie Moorbrücken im Thale der Sorge. Die eine derselben ist
circa fünfmal so lang als die Eisenbahnbrücke. welche bei
1) Vgl. Fr, Kroxg, Die römischen Moorbrücken in Deutschiand.
Mit Karten, Tafeln und Textfiguren. Berlin 1895.