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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 17=27.1897

237 —

13.
Lutsch, Hans: Neuere Veröffentlichungen über das
Bauernhaus in Deutschland, Oesterreich-Ungarn
und in der Schweiz. Berlin 1897. 58 Seiten.
Der Verfasser, „Ausschuss-Mitglied des Verbandes der
deutschen Architekten-Vereine zur Veröffentlichung einer Entwicklungs-Geschichte
 des Bauernhauses“, hat die neuere
Literatur über ländliche Wohnstätten und andere Dinge der
Volkskunde (abgeschlossen 1. Juli 1896) zusammengestellt
und kurz, meist den Inhalt nur andeutend, ausnahmsweise
aber auch erörternd, besprochen. Jedes bibliographische Werk
ist dankenswerth, weil es in dem betreffenden Fache wissenschaftliche,
 gründliche Arbeit erst ermöglicht, Wer an seinem
Wohnorte einer namhaften Bibliothek entbehrt, ermisst diesen
Nutzen am klarsten, Das vorliegende Büchlein kommt nun
aber ganz besonders gelegen. Es soll die vereinte Arbeit der
österreichischen, deutschen und schweizerischen Architekten
über das Haus unterstützen und zurechtweisen und ist auch
wohl dazu geeignet.
Die vorausgesendeten Bemerkungen über Sinn, Ziel,
Grundlage und Erfordernisse der Hausforschung richten sich
besonders an jene mitarbeitenden Fachgenossen, welche noch
nicht Hausforscher sind und geben den Forschern nebenbei
Fingerzeige für gleichartige Grundanschaunngen. Hiebei ist
ein erfreulicher Fortschritt gegen die Anschauungen, welche
noch vor wenig Jahren, gerade bei den Begründern der
gemeinsamen Sammelarbeit geherrscht haben, bemerkbar,
Damals hat das Schlagwort „Das deutsche Haus“ im Sinne
Murrzenis, welcher seit Langem die ethnographische und
Stammes - Zutheilung der Haustypen als eine ausgemachte
Sache betrachtet, unbedingt regiert. Seither hat sich dies geändert
 und diese Aenderung ist auch im vorliegenden Buche
kenntlich. Die Wiener anthropologische Gesellschaft hat daran
einiges Verdienst. Sie hat dem Gedanken Eingang verschafft,
dass das Haus vorerst als ein anthropologischer Gegenstand,
als ein Werk des Menschen im Allgemeinen zu fassen sel,
woraus dann vielleicht — oder man will ja zugeben, wahrscheinlich
 — solche Unterschiede zu Tage treten werden,
welche auf der Eigenart der Nationen und sogar der Stämme
beruhen; aber es sei verfrüht, ja wissenschaftlich nicht zu
rechtfertigen, die letzteren Ergebnisse, welche man ja noch
gar nicht hat, in Form von Behauptungen, als Axiome. dem
ganzen Werke voranzustellen.
Schon der Ausdruck „Entwicklungsgeschichte des
Bauernhauses“ im Titel der Unternehmung zeigt diesen
Fortschritt zur Klärung. Früher hiess er „des deutschen
Bauernhauses“, Dann warnt Lurscm vor Schlagworten.
welche dem Antheile von Dilettanten hauptsächlich zuzuschreiben
 seien; er dringt auf Berücksichtigung der natürlichen
 Verhältnisse, der Wirthschaftsart u. s, w., welche den
Haus- und Gehöftebau wesentlich beeinflussen, die aber von
manchem Hausforscher — ich setze hinzu, besonders von
den in ethnographischen Vorurtheilen befangenen, bei welchen
ja die Begründung durch Behauptungen ersetzt wird — übersehen
 werden.
Nur an ein paar Stellen hat Lurscm scheinbar sich der
ethnologischen Auffassung der Hauskunde genährt, z. B. dort.
wo er von meiner Skepsis und von den „triftigen“ Gründen
spricht. welche Hınyına dagegen in’s Treffen geführt habe

üerne will ich mich, dankbar gegen seine freundliche Ansrkennung
 meiner Leistungen, die ich von jeher nur „vorläufige
 Schritte der Hausforschung“ genannt habe, über meine
Skepsis mit ihm und Allen, welche sie tadeln mögen, auseinandersetzen.
 .
So wie Tracht, Hausrath, Flurentheilung, Sagen, Gevräuche
 u. s, w. können gewiss auch Gehöftform und Hausbau
 nationale oder Stammescharaktere sein — oder nicht,
Unsere Kenntniss der verschiedenen Typen, ihrer Verbreitung,
ihrer Uebergangsformen und Varietäten aber reichen dermalen
1och nicht hin, um sichere Schlüsse über das Werden, die
Abstammung und Entwicklung derselben, also über die Geschichte
 des Hauses und vieler anderer volksmässiger Dinge
zu ziehen, Vor Allem für das Haus fehlen leider genügende
»ildliche oder schriftliche Quellen aus alter und vorgeschicht-‘icher
 Zeit oder sie sind noch nicht an das Licht gezogen,
Die viel besprochenen Hausurnen haben Räthsel aufgegeben,
aber nicht gelöst.
Was heisst nun das, eine Haustype gehöre einer bestimmten
 Nation, einem bestimmten Volksstamme an?
Es gibt hiefür zweierlei Erklärungen: Ein z. B. von Franken
gebautes und bewohntes typisches Gehöfte im Frankenlande
sei fränkisch. Diese ethnographisch-geographische
Erklärung stimmt nicht, denn es gibt im Frankenlande
mehrerlei recht distincte Typen und mehrere derselben
kommen auch bei anderen Stämmen, ja sogar bei anderen
/ölkern, in weit entlegenen Ländern vor.
Die andere, sagen wir: genetische Erklärung, läge
in der Geschichte des Ursprunges, Ein fränkisches Gehöfte
jel jenes, welches von Franken entwickelt, allmälig heranzebildet
 worden sei, Der oft gehörte Spruch: „Die meisten
Magyaren, Polen, Südwest-Russen, die Leute der Bukowina
u. s. w wohnen, sowie die Siebenbürger Sachsen in ‚fränkischen
 Gehöften‘“ bezöge sich auf jene genetische Theorie,
welche jedoch, bis einmal bessere Beweise gewonnen sein
werden, eine blosse Behauptung ist. Die Herkunft der
‚fränkischen Typen“ ist noch keineswegs ausgemacht; darum
st des Verfassers Anweisung, die Typen nach der Landschaft,
 in welcher sie herrschen, zu benennen, durchaus zu
billigen, weil ja solche Namen ganz unverfänglich und ohne
Vorurtheil sind. ;
Zur Klärung ist da noch viel, ja das Beste zu thun.,
Die vereinten Architekten mögen nur recht viele Grundrisse
und genügende Aufrisse und Ansichten sammeln, die Lücken
der Typenkarte ausfüllen, die Hausterminologien feststellen
und zur Verwerthung den Linguisten vorlegen, Wenn dann
lie Flurenforschung mithilft, Urkunden, Urbare u. s. w. ausgenützt
 werden und Nachbarreiche unsere Forschung fortsetzen,
 dann, ja dann erst finden Theorien jeder Art, auch
die ethnographische Zutheilung, einen sicheren Grund.
So sieht meine Skepsis aus, Sie müsste eigentlich den
Männern der Wissenschaft wohlgefallen, .
R., Anpres verweist (Globus Nr, 20, 1897) in einer Notiz
über französische Hausforschung auf das niedersächsische
Haus, welches in der That scharf abgegrenzten Stämmen
zugehört, und auf afrikanische Typen, die ausschliesslich
gewissen Völkerschaften zugehören, und er meint, ich gehe
mit meiner Verallgemeinerung der „Erfahrungs-Einrichtungen“
und der „natürlichen Bedingungen“ zu weit, Hierauf erwidete
ch. dass ich blos den. von HenyınaG ‚oberdeutsch“ genannten
            
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