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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 17=27.1897

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3. Der Vogelweidtypus, auch „fränkisches Gehöft“
benannt, mit mannigfachen Varianten, breitem oder schmälerem
Hofe, wechselnder Einfügung der Ställe und Schupfen, hufeisenförmig,
 und zwar mit der hinten quergestellten Tennenscheuer
 geschlossen, oder auch ohne Scheuer, oder mit weitab
 detachirter Scheuer, dann mit quergestelltem Wohnhause
(mein „Haidertypus“).
4. Der Vierkant (bei DacmLer „das bajuvarisch-oberösterreichische
 Gehöfte“, was nicht zutrifft; Oberösterreich
hat fünf distincete Typen und nicht diesen einen verhältnissmässig
 jungen Ableger anderer Typen).
Das Einheitshaus ist, so wie in Oberösterreich nach
DacHLee, auch in ganz Unterösterreich bei kleinsten Wirthschaften
 allenthalben zu finden — wohl mit Ausnahme des
steiermärkischen Stilgebietes. Dieses liegt längs der Steirergrenze
 und südlich der Linie Waidhofen—Scheibbs— Wilhelmsburg—Baden;
 es enthält indess auch einzelne sogenannte
fränkische Gehöfte. Sonst herrscht im Lande dieses letztere
in zahlreichen Spielarten; auch ambutirt, als „Hackenhof“,
wie ihn DAcmHLer nennt und endlich gegen Oberösterreich hin
in kenntlichem Uebergange in den protzigen Vierkant. Gegen
Ungarn hin ist dies Gehöfte nach Dacnıer’s nicht ganz bezeichnendem
 Ausdrucke ein „schmaler Reihenhof“,
Diese bestimmten und unzweifelhaften Daten sind aus
Dacaner’s Typentafel und -Karte zu gewinnen, aber nicht
ganz leicht. Er hat das ethnographische Element eingemischt
and sobald dieses erscheint, verwirrt sich jedesmal auch das
klarste hauskundliche Ergebniss. Je mehr man Typen kennt,
desto kühner scheinen Einem alle diese unbewiesenen und
anbeweisbaren Behauptungen, welche mit der Sicherheit von
Axiomen auftreten,
Im vorliegenden Buche wird zuerst geschichtlich, dann
nach Vermuthungen und nach logischen Wahrscheinlichkeiten
die Stammeszugehörigkeit der gegenwärtigen Bewohner ermittelt
 und combinirt. Auch die Besonderheiten der Hausformen
 werden ein paar Mal als Nebenbeweis herangezogen:
dann werden die Typen wieder nach diesen nationalen odeı
Stammesbezirken classificirt, abgegrenzt und benannt. Seltsamerweise
 werden nun identische Formen, welche z. B
sowohl im „fränkischen“ Gebiete (c, Drei- und Vierseithof,
Grundriss I W) als auch im „bajuvarisch-steirischen“ Gebiete
(Grundriss III P ır) vorkommen, zweimal berücksichtigt und
sowohl fränkisch, als auch bajuvarisch benannt u. dgl. Da
die Eintheilung Unterösterreichs in ethnographische Bezirke
auch trotz den Ausführungen Dacmıer’s noch durchaus nicht
feststeht, bildet sie auch keinen genügenden Rahmen für die
Typeneintheilung. Da andererseits die Stammescharaktere am
Wohnhause noch keineswegs erwiesen, vielleicht gar nicht
erweislich sind, so wäre die umgekehrte Methode auch nicht
berechtigt. Wie einfach und unwiderleglich wäre dagegen
DAcaLEr’s Classification, wenn er die Typengruppen mit
unverfänglichen topographischen oder technischen. Ben‘ennungen
 versehen hätte!
Noch müssen einige Angaben und Behauptungen DaAcmEer’s
besprochen werden. Er meint, die Magyaren hätten bei der
Landnahme kein Haus besessen und keines bei den Slovaken
gefunden, sonst hätten sie nicht den deutschen Namen hiefür
benützt (haza). Ich halte es für unwahrscheinlich, dass die seit
Jahrhunderten ansässigen slavischen Bewohner Ungarns keine

wenn auch dürftige Haustypen herangebildet haben sollten. Die
Ausbreitung deutscher Colonisten ist zweifellos; die von
DACHLER angenommene Massenhaftigkeit derselben aber, so
lass sie die ungarische Wohnart in die heutige fast völlige
Einheitlichkeit gebracht hätte, ist nicht erwiesen; ebenso
wenig, dass lauter Franken in’s Land gekommen wären. Dass
die Nachbarn der sogenannten Siebenbürger Sachsen „auf
tiefer Stufe der Wohnart“ verblieben, ist nicht richtig. Die
5zekler z. B. bewohnen heute zierliche, ja viel schönere
däuser, als die Deutschen Siebenbürgens. Die Stammes-„utheilung
 von Gehöften auf Grund geringfügiger Variationen,
z. B. dass der Stall rechts oder links vom Hofe oder beiderjeltig
 angereiht ist u. dgl., scheint eine willkürliche Annahme.
Der Mensch ist kein urtheilsloser Nestbauer und keineswegs
;o sehr typischen Gesetzen unterworfen, wie etwa die Beutelneise,
 . Der Mensch als denkendes Wesen lässt im einzelnen
Falle das Bedürfniss mitrathen und mitthun und was Einige
erfinden, ahmen Andere nach. Die Schmalheit der Hofreite
'm sogenannten „fränkischen schmalen Reihenhofe“, also die
tedrängtheit in der geschlossenen Dorfgasse, wird durch
Aücksicht auf die Vertheidigung des Dorfes gegen ungarische
ıäuberhorden erklärt. Gegen diese Vermuthung streitet die
»ffenbare Vertheidigungsunfähigkeit solcher Dörfer und die
l’hatsache, dass diese gequetschten Höfe an der Dorfgasse
ınd um den Dorfring auch anderwärts, in Ungarn, Böhmen,
Polen, Bukowina u, s. w., häufig, ja gewöhnlich sind. Eher
scheint der Wunsch entschieden zu haben, möglichst vielen
Gehöften den Zugang zur Dorfgasse, dann zur grossen Wasserlache
 und zum gemeinsamen Mittelanger offen zu halten. Es
’st unrichtig, dass der „Haufenhof“ in Tirol, Salzburg und
m westlichen Obersteier nicht vorkomme. Zwischen Lofer,
St. Johann, Wörgl und Kitzbüchel z. B, gibt es grossartige,
lorfähnliche Haufenhöfe in ungetheiltem Besitze. Dort ist
‘:heilweise der Körnerbau jung und die hiefür nothwendigen
Scheuern u. 8. w. sind regellos zum bestandenen Einheitsı1ause
 hingesetzt worden, In Obersteier ist der mächtige
‚Mahrstadel“ ein gewöhnliches Element der Haufengehöfte.
Die seltsamen Fensterchen über den Stubenfenstern (S. 50) im
steirischen Gehöfte — ich habe solche Fälle aus Krain und
Steiermark publicirt — erklären sich nicht aus Lichtbedürfniss,
sondern wahrscheinlich durch die Nothwendigkeit, die. alten
Rauchstuben und die Stuben, welche schlechte Oefen haben,
30 zu ventiliren, dass die Untenfläche der Rauchschichte über
Kopfhöhe gehalten werde. Die Mauerung der Ställe geschieht
hauptsächlich gegen Feuersgefahr und wegen Holzmangels,
nicht wegen Wärme und Dauerhaftigkeit (S. 52). Blockhausställe
 mit Fundamentmauer sind warm und trocken, wenn
sie gut gemacht und gehalten werden; gemauerte Ställe dagegen
stinken, sind kellerartig, feucht, weniger gesund, weil das
Mauerwerk fast immer durchnässt, infiltrirt ist. Nicht die
Scheuer, sondern die Dreschtenne (S. 52) ist auf Getreideland
beschränkt. Sie kommt aber unter dem Namen „Einfahrt“,
z. B. bei Reichenhall, auch im Heuland vor.
Ich möchte nicht, dass der Eindruck des Buches unter
meinen kritischen Einwendungen litte. Ich wünschte im
Gegentheile, dass der sachliche Inhalt dieser ausgezeichneten
Arbeit zur vollen Wirkung käme. Hiezu ist aber nothwendig,
lass der Leser das Hypothetische grösstentheils ausscheide.
Bancecalari.
            
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