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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 17=27.1897

231 —

können. Die Canäle im Lehm haben natürlich aber
nur dort Sinn, wo die Kacheln einzeln eingelassen
sind; wo sie aufeinanderliegen, sind sie überflüssig,
weil hier eine Kachel auf der anderen liegt, ganz
nach Art von Bausteinen, Oefen der letzteren Form
sind auch leicht zu verbessern, weil die gebrochene
Kachel ohne Schwierigkeit herausgenommen und
durch eine andere ersetzt werden kann, was man
oft an schönen Bauernöfen sieht. Zu solcher Flickarbeit
 kann auch eine Kachel eines anderen, bereits
beseitigten Ofens verwendet werden, wenn die Grösse
passt. In Envdres TuvoHer’s Baumeisterbuch der Stadt
Nürnberg (1464—1475), herausgegeben von M. LE=xEr
(vgl. Bibliothek des literarischen Vereines in Stuttgart,
 Bd. LXIV, 1862), S. 103 f., heisst es im Capitel
‚Von dem haffner“: „Nun haben sollich offen kein
vestimpten noch gesetzten lon, dann das machen
doran ist ungleich, sunderlichen der grün offen macht
man selten gantz new von kachelen, ‚allein das man
sie von newen setzt mit newen und alten kachelen.“
Es wird also verlangt, dass der Stadthafner für die
öffentlichen Gebäude nicht gleich neue Oefen macht,
sondern die alten Oefen blos neu setzt, indem eı
die alten Kacheln möglichst benützt und nur dort
neue einfügt, wo das unbedingt nöthig ist (vgl. auch
3. a. O., S. 104 f.).
So viel sich bis jetzt überblicken lässt, knüpft
unser moderner Zimmerkachelofen nur an den
volksthümlichen mit convexen Kacheln an. Ich
kenne keine neue Kachelform, die aus der concaven
 Kachelgestalt hergeleitet werden müsste,
wenn es auch jetzt vielfach Kacheln gibt, die an
dem zutage liegenden Theile eingestülpt und vertieft
 sind. Das, worauf es ankommt, ist, dass trotz
der Einbuchtung an der Oberfläche der eigentliche
Hohlraum sich doch immer gegen das Innere des
Ofens öffnet, während der volksthümliche concavkachlige
 Öfen die ganze Höhlung schüsselförmig
nach aussen wendet (vgl. Fig. 222). Wie sich die
beiden Arten des Ofens — concavkachlig, convexkachlig
 — zu einander verhalten, ist mir heute
noch ebenso dunkel, wie vor drei Jahren!) (vgl. Mittheilungen
 der Anthrop. Gesellsch. in Wien, Bd. XXIII,
S. 173). v. Comausen hat a. a. 0. das Phantom
eines Urkachelofens für Töpfer gegeben (vgl. Fig. 227);
man sieht, er lässt die Wände durch abwechselnd

1) Es bedarf natürlich keines Scharfsinnes,. um zu sagen,
man setzte eben einmal die Kacheln mit dem Kopfe und
einmal mit der Oeffnung obenauf. Damit ist aber noch sehr
wenig gethan.

nach aussen und innen gekehrte Töpfe gebildet sein
ınd wölbt darüber eine Kuppel aus Kränzen ineinındergesteckter
 Töpfe. Es mag etwas Wahres an
liesem Traume haften, aber ihm Bedeutung beizulegen,
 müsste erst ein Ofen gefunden werden, der
zleichzeitig concave und convexe Kacheln zeigt.
Mir ist etwas Derartiges nirgendwo begegnet. Auch
lie Art, wie der Aulofen in Seulberg eingedeckt ist,
wird sich in den Alpen wohl schwerlich nachweisen
lassen.
Der heutige Kachelofen zeigt die letzte Entwicklung.
 Die Kachein haben den Lehm fast vollständig
 besiegt, der Ofen besteht nur mehr aus
Kacheln, der Lehm ist nur noch dazu da, die Fugen
zwischen den Kacheln zu verstreichen, und solche
Jefen müssen in den deutschen Städten schon im
XV. Jahrhundert in den wohlhabenderen Häusern die
Regel gewesen sein, denn Tromner’s Baumeisterbuch
schreibt für das Verstreichen eines Ofens einen Lohn
von 7 Pfenningen vor (a. a. O., S. 104).
Dabei wird es also bleiben, dass der mit Kacheln
1ergestellte Ofen römischen Ursprunges ist und dass
ler wichtige Fortschritt der Beheizung unserer Stube
len Römern zu danken ist, wenigstens in der
Zerührungssphäre zwischen Römern und Germanen
 entstanden ist. Von den Deutschen aus
haben ihn dann, wohl schon weiter entwickelt, die
anderen Völker übernommen, eine Culturübertragung.
lie sich vielleicht ziemlich gleichzeitig mit den Wanderungen
 des Wortes „Stube“ zugetragen haben mag.
Die Etymologie des Wortes ‚Ofen“ ist leider
ılcht so weit geklärt, um uns irgend etwas über
zeine Geschichte berichten zu können. Das Wort ist
im got. auhns, ahd. ovan, mhd. oven, ags. ofn „fornax
 vel clibanus‘, an. ofn, ogn, mnd. ndl. oven beegt,
 ist alsa gemeingermanisch, woraus K_ıvcag,
Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache,
5. Auflage, S. 274, schliesst, dass auch die Sache
ıralt sein muss. Kıvag hält ferner an der alten
Etymologie, welche gr. irv6ös ‚Ofen‘, ai. ukhä ‚Topf‘
heranzieht, fest. Er folgert, dass die ursprüngliche
Bedeutung des Wortes „Ofen“ eigentlich „Topf“ sei
und findet die Bestätigung dafür darin, dass ags.
ofnet, ‚kleines Gefäss‘, bedeute.
Von alledem ist nur gewiss, dass das Wort ein
gemeingermanisches ist; alles Andere ist unsicher
oder hinfällig.
Jon. ScammrT hat die alte Zusammenstellung
(Ixv6s: xE&c0eW, al. päcati ‚kocht‘), vgl. Curtius, Grundzüge.
 5. Aufl... S. 709. verworfen und hat in der
            
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