— 209 —
dem. Herde, welche sich nebst der Stube mit dem
Ofen erhalten hat, das völlig erhaltene „Haus“, Ich
wage es nicht zu entscheiden und empfehle die
Sache den dortigen Specialforschern.
HI. In vielen Gegenden reicht von der maison
bald der Backofen, bald ein Ofen (po&le) in den
angegliederten Nebenraum hinüber. Dieser heisst in
vielen Fällen wie der Ofen: le po&le. Die Entstehung
des Raumes und seines Namens erfolgte
sichtlich in analoger Weise ‚wie im „oberdeutschen“
Typengebiete. Aber aus diesem Raume, zumeist eine
schlecht belichtete Schlaf- und Rumpelkammer, hat
sich — ich glaube im typischen Hause Frankreichs
durchwegs — nichts Stubenähnliches, Trauliches entwickelt.
Gewöhnlich nennt man alle. angegliederter:
Räume chambres, wo nicht einer po&le heisst, und
das entspricht der Camera, unserer Kammer, welche ja
auch nur Schlafraum und Rumpelkammer ist. Dies
ist der dritte und der eigentlich typenscheidende
Gegensatz.
IV. Die geschilderten Typen sind zum grössten
Theile Einheitshäuser. Wohnung, Stall, Scheueır
reihen sich, zumeist in dieser Reihenfolge, unteı
geradem Firste zu einem organischen Ganzen an:
einander. Unbedeutende Nebengebäude (Backhaus,
Schweinestall u. dgl.) stehen regellos umher.
Nur ein paar Fälle von typischen, regelmässigen
sogenannten „fränkischen“ Gehöften sind angedeutet.
Wo Wohnhaus und Stallscheuer getrennt sind (gewisse
Gegenden der Hautes-Alpes), stehen sieohneregelmässige
Gehöftbildung nach den localen Bedingungen nebeneinander.
Diese Seite der Darstellung ist die schwächste.
Da die Fragebogen ohne Vorkenntnisse von den zu
beschreibenden Gehöfttypen verfasst sind, ergibt sich
natürlich auch aus den Antworten keine Uebersicht
Es scheint, dass die grösseren Anwesen des Landes
grösstentheils modernisirt und dadurch untypisch geworden
sind. Es scheint, dass in Folge der starken Zerstückelungen
der Bauerngüter das Kleinhaus im Lande
weitaus an Zahl überwiegt und daher‘ in vielen
Gegenden die Gehöfte eben verschwinden. Es scheint
endlich, dass durch die Zersplitterung der Kirchenund
Adelsgüter in der Revolution alte, untypische
Deberbleibsel der Feudalzeit, volksmässige und moderne
Erscheinungen sich gemengt, und dass dadurch
gerade bezüglich der Gehöfte eine gewisse
Unklarheit eingetreten sei, welche dann die Unklarheit
in den Berichten noch eingehender erklären würde.
V. So viel man aus den Bildern und Beschreibungen
entnehmen kann, tritt eine ebenso auffallende
Zinförmigkeit und Uebereinstimmung des gesammten
JTausbaues, was die Hauptsachen betrifft, zu Tage, wie
m Gebiete des „oberdeutschen Typus“. Mit bestem
Willen vermag ich keine Unterschiede zu finden, welche
nit Stammeseigenthümlichkeiten oder gar mit verschiedener
Nationalität zusammenhängen würden. Ich
nuss denn auch hervorheben, dass fast alle Bericht-;rstatter
für die typischen Erscheinungen natürliche
jründe suchen: Lage, Meereshöhe, Klima, Wirth-‚chaftsweise
und Baumateriale. Nur einige wenige
Irscheinungen werden aus Eigenthümlichkeiten der Berölkerung
heraus entwickelt, aber nicht alle in über-‚eugender
Weise. Vorerst muss ich somit auf meinem
wiederholt entwickelten, eigentlich selbstverständichen
Grundsatze von den Einflüssen der Natur und
ler Erfahrung auf den Hausbau verharren, obwohl Herr
zart Ruamm („Globus“, 71, Nr. 11) in seinem Artikel:
‚Der Stand der deutschen Hausforschung und das
neueste Werk Meitzen’s“ denselben so entschieden
verurtheilt.1)
ı) Der Ton dieser Kritik ist mir zu schneidig gegen
Meıtzen. Ich bin ebenfalls in der Hauskunde zu etwas
ınderen Ergebnissen gelangt, als jener Altmeister der Wirthchaftsgeschichte,
denke aber mit Achtung daran, dass ich
;hne Mertzen kaum Hausforscher. geworden wäre und vieleicht
Herr Ruamm auch nicht. — Was den sachlichenInhalt
yefrifft, so macht meine Typenkenntniss gegen mehrere Be-1auptungen
Ruamm’s scharfe Einwendungen. Was er will, passt
‚uweilen nicht zu dem, was ist. Herr RuAmm lobt meine
Intersuchungen bei aller Strenge seines ‘abschliessenden
Jrtheiles. Ich sollte dankbar sein, bin aber eher verdrossen,
veil all’ mein Kampf gegen die ethnographischen Vorurtheile
rerlorene Mühe scheint. Herr Rnamm mit seinen ausgedehnten
Cenntnissen und mit linguistischen Vorbedingungen, der 8onit
der Hausforschung gute Dienste leisten könnte, verleiht
z. B. ohneweiters rugische und gothische Hauscharaktere,
ıtwa wie ein Potentat Orden. — Herr R:amm belächelt den
Vamen „Wiener Schule“ für einige österreichische Hausforscher
ınd kann deren Eigenthümlichkeit nicht einsehen. Nun, er möge
ınsere Schriften zur Hand nehmen, dann wird er finden, dass
vir unfruchtbare Theorien möglichst meiden und hauskundiches
Materiale herbeibringen. Hiezu gehören aber nicht blos,
wie er sagt, Merıneer und ich, sondern auch Bar, BÜNKER,
ZreL,Hounzg, Karnor, PRInzınGEr, ROMSTORFER, ZILLNER U, A,
Die Ansichten dieser „Schule“ habe ich in meinem Vortrage
jeim Anthropologen-Congresse (Innsbruck 1894) vorgetragen.
Ierr Ruaumm kann darüber nachlesen. Die Hauskunde wird
lurch Dogmen und Phantasiespiele nichts gewinnen. Das
Jaus Europas wird nach Bestand und Entwicklung erkannt
werden, sobald einmal das Materiale beisammen und ge-;rdnet
sein wird. Die Sammlung muss. ohne vorgefasste
Meinungen geschehen; vor Allem darf man nicht an einzelne
<Jeine Verschiedenheiten der Typen sofort ethnologische
Tolgerungen knüpfen. Wer vorzeitig das Gesetz aufstellt,. ehe
{as Materiale zur Indnetion reif ist. verwirrt die Forschung,
Mittheilungen d. Anthrov. Gesellsch. in Wien. Bd. XXVII 1897