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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 17=27.1897

206

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Der Stall ist vom Wohntracte durch eine Zwischenwand
 abgetrennt und hat mit demselben keine innere
Verbindung. In grösseren Gehöften stehen abgesonderte
Wirthschaftsgebäude zerstreut im Garten.
Am Südrande der Beauce, der Kornkammer Frankreichs,
 deren bäuerliche Bevölkerung in der classischen
 Caricatur des ZoiLa’schen Romans „La terre“
anschaulicher geschildert wurde, als dies je ein
Geograph oder Ethnograph vermochte, westlich von
Orleans, im südwestlichen Theile des Departements
Loiret und im nordöstlichen. Theile des Departements
 Loir-et-Cher, herrschen Wohntypen,
wie sie Fig. 178 darstellt. Die Küche behauptet
auch hier als Hauptraum ihren Rang. Die Chambre II
ist zuweilen ein besser möblirtes Gastzimmer mit
eigenem Kamin. An der Loire herrscht neben dem
Getreidebau intensive Weincultur seit uralter Zeit
auf äusserst zerstückelten, klein getheilten Gründen.
Die grange ist daher nicht blos Scheuer und
Dreschtenne, sondern auch Gährkeller und Presshaus
und ausserdem Wagenremise. Im Stalle stehen ein
Pferd und ein paar Kühe, Man hat allgemein abgesonderte
 Keller, hie und da auch ein fournil,
d. i. ein kleines Backhäuschen, wo man auch kocht
und isst. Allmälig verschwinden diese fournils
Man kauft das Brot beim Bäcker, Der Hof ist Düngerstätte.
 Am Ende desselben ist ein kleiner Gemüsegarten.
Im Inneren der Beauce ist nahezu derselbe
Typus der kleinen Anwesen. Die grande ferme mit
ihren willkürlichen Baumeisterformen interessirt den
Oekonomen, nicht den Hausforscher. Das Kleinhaus
ist mit Stroh oder Binsen gedeckt. Die Eintheilung
des Wohnhauses bleibt die gleiche. Der Stall beherbergt
 nur Kühe. Die Felder der kleinen Leute werden
mit den Pferden der mittleren Besitzer bearbeitet,
Diese verwerthen bei dieser Arbeitstheilung ihr Gespann,
 welches bei der verhältnissmässigen Kleinheit
ihres eigenen Besitzes ohne solche Lohnarbeit nicht
erhalten werden könnte.
Im Departement du Cher, einem Theile deı
alten Sologne und des Nordostens von Berry, stosser
wir auf einen alten Typus inmitten einer gegenwärtig
 sehr modernisirten Wohnart. Das heisst, deı
Berichterstatter hat ihn noch gekannt und behauptet
er sei in den letzten 30 Jahren völlig verschwunden.
Die Fig. 179 stellt ihn dar, so gut dies nach der
Schilderung angeht. Man wird zugeben, dass dieses
Kleinbauernhaus an Ursprünglichkeit wenig zu wünschen
 lässt. Denkt man den Schlot hinweg, so bleibt
eine Hütte. welche ganz gut vor 2000 Jahren in

zleicher Weise bestehen konnte. Man muss in den
Alpen hoch steigen bis zu den Galtvieh- oder Halteraütten,
 man muss in Ungarn die Schlupfwinkel der
halbansässigen Zigeuner aufsuchen, um Aehnliches
wieder zu finden. Der Huzule der Bukowina wohnt
zemächlicher. Und dieses Haus soll bis in unser
Jahrhundert der ländlichen Bevölkerung des Landes
südlich des grossen Loirebogens, wo von jeher reiche
Schlösser und üppige Gehöfte reicher Besitzer in
Menge bestanden hatten, als Schlupfhöhle gedient
haben. Die Wohnart des Landvolkes Frankreichs ist
zegenwärtig im Allgemeinen tief unter jener Oesterreich-Ungarns
 und des Deutschen Reiches, sie ist aber,
so weit die bisherige Darstellung reicht, fast überall
weit besser, als sie hier gewesen ist. Bei oberflächichem
 Zusehen könnte man fragen, warum gerade
‘ier noch vor so kurzer Zeit so greuliche Lebensverhältnisse
 des ärmeren Landvolkes geherrscht haben
sollen. Nun, ich denke, sie haben auch an vielen
anderen Orten Frankreichs geherrscht und wir haben

Da
00"

Fie, 1/9 Ehemalige Kleinbanernhäuser: Sologne.

nur den Fall der Sologne erfahren, weil der betreffende
 Berichterstatter zufällig historischen Sinn
besitzt und besser als die meisten Anderen die
Wichtigkeit solcher Rückblicke erkannt hat. Vielleicht
xönnen wir in dem untergegangenen Sologne-Hause
än Denkmal des feudalen Druckes erkennen. Vielleicht
sind ihm bessere Haustypen vorangegangen und wir
haben hier einen Fall der Rückbildung, wie solche
ja auch nach langwierigen Kriegen vorgekommen sind.
Das alte Sologne-Haus bestand aus einem Wohnzemache
 von Lehm (Pise) und dem darangeschlossenen
hölzernen Stalle. Die Hauptmauern waren blos 1:70 m
hoch. In dieser Höhe war eine Balkendecke gelegt.
Der Unterzug (unterstützende Querbalken) von 50 cm
Dicke war natürlich unterhalb dieser Decke. Seine
untere Fläche lag somit blos 1°20 m über dem Zimmerboden.
 Um durch das Gemach zu gehen, musste sich
iede erwachsene oder auch halbwüchsige Person
bücken, wollte sie sich nicht am Unterzugsbalken
Jen Schädel verletzen Aufrecht stehen konnte man
nur mit dem Kopfe zwischen den Tramen. Der Fussboden
 war die blosse Erde. Im Stalle war gewöhnlich
            
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