Forschungen und Studien über das Haus.
Von Gustav Bancalari (Linz a. D.).
Il. Gegensätze des „oberdeutschen‘‘ Typus und der ländlichen Häuser Frankreichs.
(Mit 19 Text-Illustrationen.)
Eine Anregung Vırcnow’s, dass bei der Erforschung
des deutschen Wohnhauses vor Allem nach Gegensätzen,
also "nach den benachbarten nichtdeutschen
Typen auszuschauen sei, ist bis nun von wenigen
Hausforschern berücksichtigt worden. Meine Forschungen
über den sogenannten „oberdeutschen“ oder
„Flurhallentypus“ habe ich in Folge dieser Anregung
wiederholt im italienisch besiedelten Theile der Südalpen
angestellt. Ich bin hiebei zu dem Satze gelangt,
dass jener weitverbreitete Typus mit dem
südlichen Nachbar organisch zusammenhänge. Das
ainzellige Haus habe bei besserer Entwicklung der
Lebensverhältnisse im Süden und im Norden sich
Nebenräume angegliedert. Während aber im Süden
der ursprüngliche Hauptraum erhalten worden und
seiner Verwendung nach auch Hauptraum geblieben
sei, sei im Norden der Hauptraum nur in wenigen
primitiven Gebäuden (etwa Almenhütten) geblieben,
ar sei aber sonst mehr und mehr off selbst zum
schmalen Corridor verkümmert und habe seine einstige
Würde und Bedeutung hie und da durch das Beibehalten
des Herdes, anderswo durch die sprachliche
Reliquie, dass man ihn noch immer „das Haus“
nennt, gekennzeichnet. Die abgegliederte Stube hat
das Erbe angetreten, jener rauchfreie, stark erwärmte
Speise- und Wohnraum, in welchem man im typischen
Hause nicht kocht und nicht schläft, dem ein
ähnlicher Rang zukommt, wie in der modernen Stadtwohnung
dem „Salon“, allerdings einem solchen,
der zugleich als Speisezimmer verwendet wird,
Diese Behauptung vermochte ich bezüglich der
Südtypen bisher nur schwach zu stützen. Die oberitalienische
Hausform ist verquetscht und willkürlich
vermauert. Es gelingt schwer, dort einen Typus aufzustöbern,
der so unterthänig unter der Bausitte
stände, etwa wie mein Achenseetypus. Nur im Gesammteindrucke
kann man den Ooberitalienischen
Wohncharakter inne werden. In der That findet man
die Küche oft unmittelbar von der Strasse zugänglich;
wirklich ist in derselben der offene Herd der
Mittelpunkt des Zusammenlebens der Hausgenossen
Mittheilungen d. Anthrop. Gesellsch. in Wien. Bd. XXVIIL. 1897.
und es fehlt irgend eine „gute Stube“, Was Neben-‚aum
ist, hat die Merkmale der Schlafkammer; dabei
ist freilich durch die Ansammlung mehrerer Familien
im Hause häufig jedes typische Gesetz verwischt.
Das vom französischen Unterrichtsministerium
herausgegebene Werk „Enquöte sur les con-Jitions
de Thabitation en France, les
naisons-types, avec une introduction de
MW. A. de Foville, Paris, Leroux 1894, habe ich
üngst in diesen Blättern erwähnt. So gross die
Mängel dieser bisher unvollständigen Darstellung sein
nögen, sie bietet als erster Versuch der Hausforschung
zines ganzen Reiches grosses Interesse. Ich denke,
len Hausforschern mit einem Auszuge des Brauchjaren
aus diesem Buche einen guten Dienst zu leisten.
Nir werden ja sehen, ob es nicht zur Kenntniss der
West- und Südwestnachbarn des „oberdeutschen“ und
;peciell des schwäbischen und fränkischen, dann des
Schweizer Hauses beiträgt, ob nicht einige jener
Gegensätze, von welchen Vırcnow Vortheile für die
3Zestimmung der „deutschen Typen“ erwartet, auch
aus der Betrachtung französischer Hausformen erkannt
werden können.
Ich bringe einen kurzen Auszug. Eine Uebersetzung
könnte auch nur ein Auszug sein, wenn auch
sin etwas ausführlicherer, denn ein Theil der Frageunkte
hat mit der Hauskunde nichts zu schaffen,
Viele Berichte sind von fachunkundigen Personen
ırstattet. Es bedarf einer gewissen Vertrautheit mit
Jem Gegenstande, um sich vorzustellen oder gar um
zu zeichnen, was mancher Berichterstatter beschreibt.
Mehrere Abbildungen habe ich umgezeichnet. Wie
zie im Buche stehen, sind sie nicht erklärend. Dabei
neine ich, zumeist das Rechte getroffen zu haben.
Was ich nicht aufklären konnte, habe ich wegzelassen.
Was ich an der Hand der französischen Arbeit
anstrebe, die Abgrenzung der heimischen Haustypen
zegen Südwest zu ermitteln, das hat unlängst Dr. R.
\nnreE bezüglich der nördlichen Abgrenzung des
oberdeutschen“ Hauses gegen den sächsischen Typen-