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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 17=27.1897

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Von allergrösstem Werthe für die allgemeine Ethnologie
sind aber die allgemeinen Betrachtungen und Schlussfolge
rungen, welche der gelehrte Bearbeiter — wenn wir ihn,
seiner Bescheidenheit Rechnung tragen, mit diesem Titel
und nicht mit dem ihm richtiger zukommenden eines Verfassers
 belegen wollen — in seinem Schlussworte bringt. Wir
können hier nichts Besseres thun, als dieselben unverkürzt
herzusetzen.
„Zahlreiche Beispiele haben wir für die Thatsache gefunden,
 dass das Denken der Menschen, ihr Fühlen und
Empfinden auf den verschiedenen Stufen der Culturentwicklung
 eine erstaunliche Aehnlichkeit und Uebereinstimmung
besitzt, und dass eine Anschauung, einmal gewonnen, sie
mag noch so widersinnig und unpraktisch sein, nicht selten
auf Jahrhunderte hinaus nicht aus dem Volksgeiste ausgerottet
 werden kann. So erscheint manche hygienisch-rituelle
Gewohnheit auf den ersten Anblick hin als ein instinctives
Handeln, während sie bei näherem Zusehen als einfache
Nachahmung fremder Sitten oder als Ueberlebsel aus früherer
Zeit betrachtet zu werden verdient.“
„Aber nicht Alles ist Nachahmung und wir können es
nicht verkennen, dass die gleichen Umstände und Verhältnisse
 in dem menschlichen Geiste bei den verschiedensten
Völkern sehr häufig die ganz gleichen Gedankengänge anregen
und auslösen, und deshalb mussten wir uns wohl hüten, aus
einer Gleichartigkeit der Sitten und Gebräuche sofort auch
einen Rückschluss auf eine ursprüngliche Verwandtschaft der
betreffenden Nationen anstellen zu wollen.“
Hierin sind deutlich die beiden Kernpunkte der modernen
ethnologischen Forschung ausgesprochen. Die auf anderen
wissenschaftlichen Gebieten mit so grossem Erfolge gehandhabte
 vergleichende Methode kann in der Ethnologie nur
dann mit gutem Erfolg angewendet werden, wenn jede Erscheinung
 im Völkerleben unter der streng kritischen Fragestellung
 aufgefasst und studirt wird, ob wir es mit einer
Entlehnung oder einer selbstständigen Geistesschöpfung zu
thun haben. Auf die präcise Beantwortung dieser beiden
Fragen spitzt sich immer mehr die Hauptaufgabe der Ethnologie
zu und in der strengen Verfolgung dieser Richtung haben
wir allein die Lösung so vieler, nicht nur in wissenschaft.
licher, sondern auch in socialer Beziehung wichtiger Fragen
zu erwarten, welche oft direct in unser modernes Culturleben
 hineingreifen. Dass es dem Bearbeiter gelungen ist, in
diesem Werke manche dieser Fragen in diesem Sinne zu
lösen, oder wenigstens einer Lösung näher zu bringen, dazu
wünschen wir ihm von ganzem Herzen Glück.
Zum Schlusse nur noch ein Wort über die Literaturangaben.
 Dieselben sind am Schlusse auf 48 Textseiten zusammengestellt
 und umfassen über 2000 Werke. Die Art und
Weise der Citirung kann aber nicht ganz unseren Beifall
finden, da sie für Jenen, der das Werk benützt, übermässige
Anforderungen an seinen Spürsinn — ich will hier nicht
das undeutsche Wort Suchsinn gebrauchen — stellen, Es
emnfiehlt sich in einer nächsten Auflage. die wir hoffentlich

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n nicht ferner Zeit zu gewärtigen haben, wieder die gute
alte Methode der Fussnoten für die Literaturangaben mit
Angabe der Seitenzahlen zur Geltung zu bringen, was dem
Leser eine weitere Benützung der Quellen ungemein erleichtert.
[n dem Literaturverzeichniss ist wohl die Seitenzahl der
bezogenen Werke meistens, aber nicht durchgehends, anzeführt.
 Die allerdings nicht geringe Mühe des Einschaltens
Jjer Literaturbehelfe an der angezogenen Stelle wird durch
len wärmsten Dank der das Werk benützenden Leser wettyemacht
 werden. Heger.

10.

Gutberlet, Dr. C.: Der Mensch. Sein Ursprung und
seine Entwicklung. Eine Kritik der mechanischmonistischen
 Anthropologie. Paderborn. Druck und
Verlag von FERDINAND ScHÖNINGH. 1896.
Der Titel dieses Werkes lässt schon vermuthen, dass
wir es hier mit einer antidarwinistischen Streitschrift zu thun
ı1aben. Wenn wir nur das Vorwort durchlesen, so wird uns
ler Standpunkt des Verfassers klar. Es ist die Arbeit eines
zatholischen Gelehrten, der es unternimmt, die „anf die
Menschheit angewandte Entwicklungslehre“ vom streng teleoıogischen
 Standpunkte einer Kritik zu unterziehen und dieselbe
in den Grund zu bohren. Insoferne hätten wir mit diesem
Werke nichts zu thun, da ja der Verfasser auf keinem objecijven
 Standpunkte steht und die meisten von ihm berührten
“ragen in seiner Beleuchtung ausserhalb des Rahmens wissenschaftlicher
 Forschung liegen. Wir sind hier nur auf eine
\nzeige dieses Werkes eingegangen, um zu betonen, dass der
vissenschaftliche Werth solcher Tendenzschriften ein sehr
zeringer ist. Es ist bei dem heutigen, noch unfertigen Stand
ler Ethnologie ein leichtes Unternehmen, von einem bestimmten
Standpunkte aus die Lücken und Mängel der Forschung zu
jenützen, um ein anscheinend auf anderer Grundlage stehendes
jebäude zu zimmern, so recht und schlecht dies eben geht.
‘Tir dünkt diese Arbeit mehr als eine solche des Zerstörens,
als eine solche des Aufbauens. Und in dieser negativen Seite
jegt eben die Schwäche des Buches. Wenn man auf dasselbe
;twas näher eingeht und einzelne Capitel durchnimmt, so sieht
nan überall die oft gezwungene Beweisführung, die um jeden
reis zu dem schon im Voraus streng abgesteckten Ziele
‚elangen muss, Das ist aber keine ernste wissenschaftliche
Methode und darum muss von dieser Seite auch Verwahrung
zegen dieselbe ‘eingelegt werden, Den ernsten Forscher, der
\mmer nur die strengste Objectivität vor einem solchen voraus
ixirten Endziele bewahren muss, wird dieselbe nicht bekehren.
Das Urtheil der grossen Menge der sogenannten Gebildeten
st aber für ersteren gleichgiltig. Die Wissenschaft hat nur
in Ziel und das ist die Erforschung der Wahrheit. Ob dasselbe
 mit dem Endziele des Verfassers übereinstimmt, wollen
wir getrost dem Urtheile der Zukunft überlassen.
Heger.
            
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