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30 ziemlich seine eigenen Wege und kümmert sich
oft herzlich wenig um das Wohl und Wehe von
Eltern und Geschwister. Häufig gehen erwachsene
Söhne und Töchter als Schnitter und Schnitterinnen
in’s benachbarte Mürzthal oder nach Niederösterreich,
wo sie besseren Verdienst finden, und bringen dann
nur den Winter im Elternhause zu, In grösseren
Familien wenden sich einzelne Söhne auch gerne
einem Handwerk zu. Das Leben im Bauernhause ist
sehr einfach. Fleisch gibt’s in der Regel nur einmal
in der Woche, und zwar am Dienstag. Das Frühstück
ist die Milchsuppe; dieselbe besteht aus saurer Milch,
Roggenmehl, Salz und Wasser. Am Mittagstische
erscheint Sterz, aus Kartoffeln oder Mehl erzeugt,
Krapfen, aus Leinöl und Unschlitt herausgebacken,
Knödel (Klösse) aus Weizenmehl, Der sogenannte
Germniegel (ein Kuchen, aus weissem Mehl mit Presshefe
hergestellt), Strudel (zusammengerollter Teig mit
Rosinen gefüllt) und am Sonntag Gerstenmus.
Beim Flachsbrechen, Mistführen, wobei die Nachbarn
einander helfen, sind grössere Mahlzeiten üblich.
Hochzeiten, Todtenzehrungen (Leichenschmaus) werden
stets im Gasthause abgehalten; dabei gibt's meist
mehrere Fleischspeisen und Wein. Bei ersteren zahlen
die geladenen Gäste ihren Antheil selbst und ist der
landesübliche Preis für ein Paar fl. 3.
Der Oststeirer geht fleissig zur Kirche, empfängt
wiederholt die Saceramente der Busse und des Altares,
bedenkt in seinem letzten Willen nicht selten die
Kirche durch grössere Beträge für Messen und ist
wohl der Priester der Einzige, dem er mit Hochachtung
entgegenkommt. (Ob aber dies wahre Religiosität
oder nur Gewohnheitsreligion beweist, wagt
Schreiber dieser Zeilen nicht zu entscheiden.) Vom
Aberglauben ist der Bauer noch nicht ganz frei; so
glaubt manch’ altes Bäuerlein unbeweglich an das
Verhexen der Kühe und steckt in der Charfreitagnacht
an Wegkreuzen Palmzweige zum Schutze gegen
dasselbe aus,
In sittlicher Beziehung ist das hiesige Volk entschieden
höher stehend, als das Obersteiermarks,
doch beträgt der Procentsatz der unehelichen Geburten
immerhin durchschnittlich 20 Procent, was auf ziemliche
Sinnlichkeit, wie sie dem Aelpler überhaupt
eigen ist, hinweist.
Die Hausindustrie ist im Rückgange begriffen.
Erzeugt wird Leinwand (Rupfen nnd Reisten), etwas
Loden, Holzschuhe, primitive Holzlöffel und einiges
Hausgeräth; von künstlerischer Bethätigung ist gar
nichts zu bemerken.“
Diese Charakteristik, welche nach einer von mir
zusgearbeiteten Disposition durch Herrn Oberlehrer
Evaen KowarDd in Vorau abgefasst wurde, bezieht
sich auf den Bauer aus der unmittelbaren Umgebung
von Vorau.
Die unmittelbare Umgebung ist nun auch das
Gebiet, aus welchem ich die in Nachfolgendem zu
besprechenden Bauernhäuser aufgenommen habe. Im
Markte Vorau selbst habe ich keine Häuser aufzenommen.
Sie stammen, ein einziges Haus auszenommen,
alle aus den vier Gemeinden Riegersbach,
Vornholz, Schachen und Puchegg, welche die
Gemarkung des Marktes Vorau nach Norden, Westen
and Süden umschliessen. Im Osten grenzt die Geneinde
Kleinschlag an den Bann des Marktes Vorau;
‘ch nahm, da diese Gemeinde vom Markte, in dem
ch für die Zeit meines Aufenthaltes Quartier geı1ommen
hatte, weit abliegt, keine Häuser auf.
Von der Grösse der genannten vier Gemeinden
und dem durchschnittlichen Besitze der einzelnen
Bauern mag die nachfolgende Zusammenstellung einen
Begriff geben:
Namen der
(Gemeinde
ı Grösse der
Zahl der .
. Gemeinde
Einwohner .
in Hektar
Zahl der
Pesitzer
Durchschnittlicher
Besitz
ın Hektar
Riegersbach. .
Vornholz ...
Schachen ...
Puchegg. ...
728 172117
492 187983
732 189921
4923 | 136265 |
94
18:31
93
2021
15:07
17:02
126 |
|
76
Unter keiner dieser Gemeinden darf man sich
jedoch eine Dorfgemeinde vorstellen. Es liegen hier
lie einzelnen Bauernhöfe zumeist in grösserer oder
zeringerer Entfernung von einander entlegen und
nur in wenigen Fällen in kleinen Gruppen von drei
bis vier beisammen. Der Grund, welcher zu einem
Jofe gehört, liegt stets arrondirt beim jeweiligen
Jause. Wir haben hier also wieder dieselben Ver-2ältnisse
in der Anordnung der bäuerlichen Besitzzerhältnisse
vor uns, wie in der Gegend von Kirchschlag
oder im Nörningthale,
Die Bauernhäuser haben in der Gegend von
Vorau ebenso ihre althergebrachten Namen, wie jene
in der Gegend von Kirchschlag und in dem Gebiete,
das ich 1895 in der Oststeiermark durchgewandert
habe. Ein Unterschied in der vor Zeiten vorgenom-