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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 17=27.1897

— 164 —

Flamme wird und selbst die Thiere nicht selten, da
sie aus dem engen Hofe nicht leicht gerettet werder
können, dem verheerenden Elemente zum Opfer fallen.
Ich habe eben gesagt, dass ich, entgegen deı
Ansicht der Bewohner der beiden zuletzt beschriebenen
Häuser, wonach man diese Häuser ihres abstechenden
 Aeusseren wegen für herrschaftliche Bauten hält.
der Ueberzeugung bin, dass es „echte und rechte
Bauernhäuser“ sind, Ich sagte, dass mich in dieser
Ansicht insbesondere ganz ähnliche Häuser, die ich
nachher in grösserer Zahl im Thalgraben fand, bestärkt
 haben. Ich glaube, dass ich, wenn mir zu
längerem Aufenthalte Zeit zur Verfügung gestanden
wäre, Bauernhäuser mit gleicher Ausbildung im
Grundrisse sowohl in Auen und seiner Umgebung, als
auch in Tulwitz gefunden hätte, von denen Niemand
behauptet haben würde, dass es ehedem nicht Bauernhäuser
 gewesen sein sollten. Freilich wären diese
Häuser mit dem vollkommen gleichen Grundrisse
nicht Bauten aus Stein und Mörtel, sondern Holzbauten
 gewesen. Das Aussergewöhnliche im Aeusseren
ag eben darin, dass sie Bauten aus Mauerwerk waren.
Ein Häuschen habe ich nun eben in Tulwitz
noch aufgenommen, dessen Beschreibung ich umsomehr
für nothwendig erachte, als es als ein Holzbau aus
derselben Gegend meine Annahme zu unterstützen
berufen ist, Es bildet nämlich eine niederere Stufe,
aus der sich die vorbesprochenen Häuser mit der
durchgehenden Laube entwickelt haben.
Der Besitzer des Hauses ist der Bauer Bartholomäus
 Hofer vulgo „Leidinger“. Das Haus trägt die
Nummer 35. Rechts oben von der nach Osten gerichteten
 KEingangsthüre ist noch ein kleiner Rest
alter Sgraffitomalerei erhalten. Sie ist wohl der
Jahreszahl wegen, die sie enthält, nicht übertüncht
worden. Die Jahreszahl verweist auf das Jahr 1656
als auf das Jahr der Erbauung. In Fig. 143 ist dieses
Haus abgebildet. In Bezug auf das Aeussere des
Hauses will ich nur kurz hervorheben, dass es zur
Hälfte aus Holz und zur Hälfte aus Stein erbaut ist.
Die Balken des Holzbaues sind auch hier sehr SOTZfältig
 behauen und an ihren Enden durch einfache,
aber sehr genaue (Schwalbenschwanz-) Verzinkung
verbunden, An der Giebelseite des Hauses ist ein
balconartiger Gang angebracht. Die Bretter, welche
die Brüstung bilden, sind nicht durchbrochen; sie
zeigen auch sonst keine Verzierung. Verziert dagegen
ist durch einen zackigen Rand das lange, wagrecht
laufende Brett, welches den Gang nach unten abschliesst.
 Die (Hebelseite des Daches ist. soweit sie

nicht durch eine bis annähernd zur halben Dachhöhe
herabreichende Abwalmung gedeckt ist, offen. Der
offene Dachraum dient vornehmlich zum Trocknen
Jer Wäsche. ‘Das Dach ist wieder in österreichischer
Art mit Stroh gedeckt.
Vor der Giebelseite des Hauses ist eine Mostpresse
 von der Art und in derselben Weise anzebracht,
 wie jene oben erwähnte am Hause Nr. 30
nn Aigen bei Kirchschlag. Auch die Bienenstöcke,
welche hier an der Langseite des Hauses auf einem
3rettgestell stehen, erinnern lebhaft an die Bienen-;stöcke
 am selben Hause in Aigen, auf deren eigenartige
 Placirung ich eben aufmerksam gemacht habe.
Dort waren es fassartige Strohkörbe, hier sind es
vierseitige prismatische Ständer aus Holz.

Fig. 143. Haus Nr. 35 in Tulwitz bei Fladnitz.

Besonders aufmerksam mache ich noch auf die
ıbnorme Form des Daches, Es hängt dasselbe nämich
 an der westlichen Seite bedeutend tiefer herab
als an der Ostseite und der First des Daches liegt
ılcht über der Mitte des Hauses. Die Ursache zu
lieser unregelmässigen Form des Daches, die dem
zanzen Hause ein ungewohntes Aussehen gibt, liegt
larin, dass das Haus erst in neuerer Zeit eine Umgestaltung
 oder besser eine Erweiterung erfahren
1at. Der heutige Besitzer des Hauses hat nämlich
arst etwa vor 15—20 Jahren an der Westseite des
Tauses ein Zimmer anbauen lassen, das nicht nur
lem Aeusseren des Hauses, sondern auch dem Grundrisse
 eine ungewohnte Form gibt.
Ich erwähne noch, dass auch bei diesem Hause
lie Wirthschaftsräume vollkommen getrennt liegen,
ınd gehe jetzt auf die Besprechung der Räume des
Hauses über.
            
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