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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 17=27.1897

— 144

Nr. 30 und 15 in Aigen bei Kirchschlag und hat
auch hier bereits die hervorragende Bedeutung, durch
die zweite Thüre einen Verkehr vom Hofe aus durch
das Haus in das gegenüberliegende Freie zu ermöglichen.
 Wenngleich auch diese Errungenschaft,
wie aus dem Folgenden hervorgehen wird, nicht so
alt ist, als das Haus selbst, da die Thüre hier erst
später angebracht wurde, so deutet die heutige Ausgestaltung
 der Laube doch auf das Streben hin, die
Laube derart umzugestalten, dass sie nicht nur ale
Verkehrsraum zwischen Innentheilen des Hauses,
sondern auch zwischen dem Hofe und dem Freien
diene.
Auf der der Küche gegenüberliegenden Seite der
Laube gliedert sich hier kein weiterer Wohnraum
an, wie es in anderen Häusern auch dieser Gegend
häufig zu sein pflegt. Die Stube, welche in der Front
des Hauses zwischen der grossen Stube und der
Einfahrt liegt, macht eine hintere Stube hier über-Aüssig.
 Ein schmaler Raum, der von der Laube aus
betreten und durch zwei sich gegenüberliegende
Fenster beleuchtet wird, dient als Zeugkammer. An
diese schliesst sich der Pferdestall an, welcher gewölbt
 ist und für zwei Paar Pferde Raum bietet.
Auch der Pferdestall hat wie die Laube eine zweite
Thüre, die in’s Freie führt. Sie mag wohl deshalb
angebracht worden sein, weil sie den Verkehr zu
den hinter dem Hause liegenden Schuppen erleichtert.
Auch gelegentlich einer Feuersgefahr ist diese Thüre
nicht ohne Bedeutung.
Links vom Einfahrtsthore liegt nun auch noch
eine kleine Wohnung, bestehend aus einer kleinen
Laube, einer Küche und einer kleinen Stube. Laube
und Küche sind gewölbt, das Zimmer hat eine Tramdecke.
 Ob diese drei Räume immer den heutigen
Zwecken, als Wohnung, vielleicht gelegentlich als
Ausnahmewohnung, gedient, konnte mir der Besitzeı
des Hauses nicht sagen. Jetzt ist die kleine Wohnung
vermiethet. An diese Wohnung schliessen sich nach
rückwärts, wie aus dem Plane zu ersehen, zwei
Räume, in denen die Schweineställe untergebracht
sind, ferner der Kuhstall und schliesslich eine nach
dem Hofe zu offene Graskammer an.
Den Hofraum schliesst nach rückwärts der Stadel,
ein Blockbau, ab. Zwei gepflasterte Gräden, die
durch die in den Hof vorragenden Dachflächen
überdacht sind, führen den Ställen entlang zum
Stadel zurück, Der Stadel ist in vier Theile gegliedert:
 in eine von zwei Hälpäa‘n eingeschlossene
Tenne und eine Durchfahrt (Hitt’n).

Die hier übliche Bezeichnung „Hälpäa‘n“ !)
»rinnert an die Oedenburger Gegend, die „durchzängige“
 Laube findet gleiche Beispiele in der Gegend
von Kirchschlag und die Anlage des ganzen Hofes
:uft durch seine ausserordentliche Aechnlichkeit,
welche aus dem Vergleiche des mitgetheilten Grundisses
 Fig. 128 mit dem Grundrisse des Hauses Nr. 113
n Oberschützen (vgl. Bd. XXV, S. 109) hervorgeht,
Rückerinnerungen an die Höfe der nördlichen Heanzerei,
 speciell an Oberschützen wach.
Auch die Anlage des Dorfes zeigt Aehnlichkeit
mit der von Oberschützen (vgl. Fig. 154 in Bd. XXV).
Sebersdorf besteht zwar nur aus einer Häuserreihe,
weist also keine Gasse auf, wie benachbarte Dörfer
an der Landstrasse gegen Hartberg, doch liegen die
Häuser ganz analog den Häusern in Oberschützen
nicht dicht an einander gebaut, also wie die Häuser
der Dörfer im südlichen Theile der Heanzerei oder
ım Oedenburg, sondern auf Parcellen von so ausziebiger
 Breite, dass, obwohl die einzelnen Häuser
sich in behäbiger Breite ausdehnen, in der Regel
immerhin noch genügend Raum zu freier Bewegung
zwischen den einzelnen Häusern liegt. Die Vorder-[ronten
 der Häuser bilden eine fast gerade Linie.
Vor dieser fällt das Terrain sanft ab bis. zum Bache,
ler sich in einer Entfernung von etwa 100 Schritten
lurch’s Thal schlängelt, Es ist nun auffallend, dass
lie Häuser hier — ich glaube ausnahmslos — ihre
Vorderseite dem Bache zukehren, obwohl die Landstrasse
 knapp im Rücken der Häuser vorüberführt.
Für den Fall, dass die Landstrasse eben so alt oder
ilter als das Dorf ist, was ich leider nicht festzustellen
 vermochte, wäre die Anlage des Dorfes
»äne absondere, da doch sonst stets die Häuser in
zeschlossenen Dörfern ihre Hauptfront der Strasse
zuwenden. Die Lage des Hauses zur Sonne. hier

1) Ich habe noch keine mich befriedigende Deutung des
Wortes „Hälpäa’n“ gelesen, Der Stadel zerfällt im westlichen
Ungarn, in der östlichen Steiermark und im südöstlichen
Niederösterreich zumeist in drei Theile. Die Tenne hält die
Mitte und rechts und links gliedern sich je ein Raum an,
Jer eine dient zur Aufnahme des Heues; es ist dies der Heustadel.
 Der andere nimmt das Getreide, so lange es noch in
Zarben liegt, und wenn es ausgedroschen ist, das Stroh auf.
Dies ist der „Hälpäa'n“, Wo er nicht so genannt wird, fallen
hm in den verschiedenen Gegenden folgende Namen zu:
‚Fruchtstäd’l“ und „Baustäd’l“ (Stadel für das Erbaute, Ober-‚schützen;
 Fruchtstadel auch in Aigen), „Strohstäd’l“ (Aigen),
dann „Schabpäan“ (Schaubenbarren) im Gegensatze zu „Heup&an“
 in Auen, Gemeinde Krammersdorf, Steiermark. Die
Zezeichnung „Schabpäa‘n“ rief in mir die Vermuthung wach,
lass „Hälpäan“ als „Halmharren“ zu denten sein wird.
            
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