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30—40 Jahren sollen aus den Filialen, die zur
Muttergemeinde Oberschützen gehören, alte Männer
mit langen Haaren, die in Zöpfe geflochten waren,
Sonntags zur Kirche gekommen sein. Die Haare
waren am Scheitel durch einen bogenförmigen Kamm,
wie ihn Mädchen heute tragen, zusammengehalten.
In Oberschützen scheinen die Zöpfe schon früher
ausser Mode gekommen zu sein. Das war Alles, was
ich zu erfahren vermochte, und Alles, was ich an
alter Männertracht auftreiben konnte, war ein alter
Hut mit ganz niederem runden „Gupf“ und etwa
decimeterbreiter flacher Krempe, die nur am Rande
etwas aufgebogen war.
Ich‘ beschrieb Bd. XXV, S. 142, die Art und
Weise. in welcher in der Gegend Oberschützens die
Fig. 119. Frau Rosina Kirnbauer in alter heanzischer Tracht,
Strohkörbe angefertigt werden, und erwähnte dort.
dass nach einer Mittheilung meines Collegen S. Pavuss
in dessen Heimatsorte Jormannsdorf auch die grossen
„Stibi“, die ich ebenfalls a. a. O. beschrieb, in derselben
Weise aus Stroh angefertigt worden sein
sollen, wie die Körbe. Ich ging der Sache, Gewissheit
zu erhalten, in Oberschützen nach, Dort haben Stibi
aus Stroh seit Menschengedenken nicht existirt
Nun ging ich von Oberschützen in das nahe gelegene
Jormannsdorf, um an Ort und Stelle weitere Nachforschungen
anzustellen. Der Vater meines Collegen
Pavss hatte die Güte, mich zu unterstützen und mich
von Haus zu Haus zu geleiten. Endlich fanden wir
wirklich auf dem Dachboden des Hauses Nr. 14 deı
Lehrerswitwe Theresia Endler sieben Stück der in
Frage stehenden Strohfässer. Sie waren ganz in deı
Mittheilungen d. Anthrov. Gesellsch. in Wien. Bd. XXVII. 1897
3d. XXV, S. 142, beschriebenen Weise geflochten,
lurchschnittlich 1 m hoch und hatten am Boden
ınd am oberen Rande einen Durchmesser von 0:75 m,
in halber Höhe dagegen einen Durchmesser von 0:9 m.
Der Kubikinhalt eines der Strohfässer belief sich
Jaher auf rund 1‘3:m?. Jedes der sieben Fässer vernochte
somit etwa 13 hl zu fassen. Sie waren zur
Aufnahme von Getreide bestimmt und immer noch
ın Gebrauch, Als „Stibi“ selbst, dessen Verwendung
ch a. a, O. schilderte, wurden sie jedoch nicht geraucht.
Nur darin hat sich mein College getäuscht,
an Interesse verlieren diese mächtigen Strohgebilde
leshalb aber keineswegs, und ich bin meinem Colegen
sehr zu Dank verpflichtet, dass es mir mit
seiner Beihilfe gelungen ist, ein so hochinteressantes
volksthümliches Erzeugniss dem Hofmuseum in
Wien zu erwerben und es vor dem Vergehen zu
retten.
Der junge Hauswirth, Sohn der Frau Endler,
zonnte sich nur schwer von einem seiner Strohfässer
rennen und ich hätte wohl unverrichteter Sache
ıbziehen müssen, wenn ich nicht in seiner verständigen
Mutter, die stolz darauf ist, dass nun ein
Erzeugniss aus ihrem Hause im Wiener k. k. Hofnuseum
steht, warme Unterstützung meiner Bitten
zefunden hätte. Wie mir gesagt wurde, ist es aber
ıuch keine Kleinigkeit, ein solch’ grosses Fass herzustellen.
Ein Mann hat, beim Flechten fortwährend
m Fasse selbst stehend, alle Abende eines ganzen
Winters darauf zu verwenden, um bei fleissiger
Arbeit ein solches Fass fertig zu stellen. Wollte man
lie darauf verwendete Zeit und Mühe in Rechnung
ringen, so könnte ein solches Strohfass, wie mir
der Vater meines Freundes Pavss sagte, in Rücksicht
auf seinen eigentlichen Werth gar nicht gekauft
werden.
In Bezug auf die Bd. XXV, S. 147 ff., beschriebenen
ınd unter Fig. 233 und 234 abgebildeten beiden
3uttermodel, die ich bei meinem ersten Besuche in
Jberschützen von Tobias Posch erhielt, habe ich
aier ebenfalls etwas nachzutragen. Ich schrieb dort,
lass ich die beiden Buttermodel nicht für heanzische
Producte halte. Gelegentlich meines zweiten Besuches
arfuhr ich nun wirklich, dass ich mich nicht ge-‚äuscht
habe. Die Mutter des Tobias Posch sagte
nir, dass sie einen Bruder im Obersteirischen, ın
Schladming, habe, der dort Lehrer sei. Von ihm seien
lie beiden Model. Wollte man der Sache nachgehen,
30 müsste man in der Gegend von Schladming wohl
noch solche Buttermodel finden können.