Das Bauernhaus
in der
östlichen Mittelsteiermark und in benachbarten Gebieten.
Von J. R. Bünker in Oedenbure.
(Mit 56 Text-Illustrationen.)
A, Einleitung.
In meiner Arbeit, die im Bd. XXIV dieser Mittheilungen,
S. 155 ff, erschienen ist, besprach ich
das Bauernhaus der Gegend von Oedenburg. Durch
eine Unterstützung, die mir seitens der „Anthropologischen
Gesellschaft in Wien“ zu Theil ward,
war es mir ermöglicht worden, meine Studien in
Bezug auf das Bauernhaus weiter nach Süden, in
das Gebiet der Heanzerei, auszudehnen, Die in Bd. XXV
Jieser Mittheilungen, S. 89 ff., abgedruckte Arbeit:
„Das Bauernhaus in der Heanzerei“, ist die Frucht
meiner dort gepflogenen Untersuchungen.
Der charakteristische Unterschied in der Anlage
des Gehöftes und damit auch des ganzen Bauernhauses
liegt, wie aus der zuletzt erwähnten Arbeit
hervorgeht, darin, dass, während in der Gegend von
Oedenburg fast ausnahmslos nur der Stall nebst
einigen Kammern und, wo ein Presshaus vorkommt,
auch dieses mit dem Wohntracte in Verbindung,
d. h. unter einem Dache verbaut anzutreffen ist und
die Scheune (Stadel) freistehend, oft ziemlich weit,
bis zu 20 und 30 m hinter dem Hause zu liegen
kommt, findet man in der nördlichen Heanzerei in
der Regel alle Wirthschaftsgebäude mit dem Wohnhause
derart verbaut, dass sämmtliche Räume des
Hauses ein Ganzes bilden, dem zumeist ein quadratischer
oder doch annähernd quadratischer Riss zu
Grunde liegt, der dann immer einen von den verschiedenen
Räumen des Hauses vollkommen eingeschlossenen
Hof aufweist. Während in der Gegend
von Oedenburg das Centralsystem in der Anlage von
Bauernhäusern, das fränkische Gehöfte, so weit mir
bekannt ist, keinen einzigen Vertreter hat, ist der
Centralbau für den nördlichen Theil der Heanzerei
typisch.
[ch sprach mich über die Verbreitung des Centralbaues
in jener Gegend in der erwähnten Arbeit,
Bd. XXV, S. 110 ff., folgendermassen aus: „Jedenfalls
liegt vom Verbreitungsgebiete des Centralbaues
Mittheilungen d. Anthrop. Gesellsch. in Wien. Rad. XXVII. 1897
jenseits der ungarischen Grenze, hauptsächlich in
der Steiermark, die grössere Hälfte, diesseits der
Grenze, in Ungarn, die kleinere. Gerade so wie der
steirisch-österreichische Dialect über die Grenze nach
Ingarn herein vorzudringen scheint, so wird auch
ler Centralbau sich aus den benachbarten Öösterreichischen
Kronländern eingebürgert haben. Als
Heimat des Centralbaues diesseits und jenseits der
ıngarisch-österreichischen Grenze wird also nicht
die Heanzerei, sondern Steiermark und Niederösterreich
anzusehen sein.“
Daran fügte ich noch den Wunsch, „dass, anzeregt
durch diese vorstehenden Worte, die keine
Feststellung, sondern nur eine auf Vermuthungen
sich gründende Annahme sein wollen, durch weitere
Torschungen besonders auf steirischer Seite bald
Zlarheit in die Sache der Hausforschung auf diesem
Gebiete kommen möge“.
Durch ein zweites Reisestipendium, das mir der
Ausschuss der „Wiener Anthropologischen Gesellschaft“
zusprach, wofür demselben auch hier auf’s
Beste gedankt sei, war es mir möglich, im Laufe
ler Sommerferien des Jahres 1895 den dort auszesprochenen
Wunsch selbst zu erfüllen. Mein Reiseziel
war demnach die östliche Mittelsteiermark, um
'n dem an die Heanzerei nach Westen anschliessenden
Öebiete der Steiermark meine Studien in Bezug auf
Jas Bauernhaus fortzusetzen.
Ein drittes Stipendium, das ich von derselben
Körperschaft mit Dankbarkeit entgegennahm, ernöglichte
mir es, im Sommer des Jahres 1896 meine
Studien im nordöstlichen Theile der Steiermark, in
Jer Gegend von Vorau, fortzusetzen.
Gelegentlich meiner Excursion im Jahre 1895
antschloss ich mich dazu, nicht nur die Oststeiermark,
Jas eigentliche Feld meines Studiums, und die Strecke
ron Oberschützen aus, wo ich im vorigen Jahre abzeschlossen
hatte, in östlicher Richtung bis an die
ıngarisch-steirische Grenze zu Fuss zu durchwandern,
sondern meine Wanderung gleich von Oedenburg aus