8& 26. Der Animismus als Ursache des Endokannibalismus.
Wie schon gezeigt, konnte der Animismus nur
bei völliger Erfüllung der negativen Bedingungen
zum Gewohnheits-Endokannibalismus ganzer Völker
treiben. Religiöser Fanatismus kann allerdings bei
besonders disponirten Individuen so starke Triebkrafi
üben, dass die Widerstände anderer Gefühle, wie
Mitleid, Ehrfurcht und Furcht vor den Todten, Ekel
u. s. w., überwunden werden, und es kann so die
Gesammtleistung auf ein bedeutend niedriges Niveau
hinabsinken, wobei es immerhin fraglich bleibt, ob
diese widerstehenden altruistischen und egoaltruistischen
Gefühle bei den betreffenden Individuen auch
thatsächlich das im Allgemeinen bei dem Volke erreichte
Niveau wirklich erreicht hatten?
Ganz anders verhält es sich aber gewiss bei
Handlungen von allen Individuen eines Volkes, ja
einer Völkergruppe (wie der Australier), unter gewissen
Umständen verübt, um so mehr, wenn diese
Umstände gar nicht geeignet sind, einen Gesammtfanatismus
zu erwecken. KEin solcher kann allerdings
die Gefühlswiderstände eines ganzen Volkes
momentan überwinden, Aber von einer hiezu möglicherweise
führenden Suggestion ist hier überhaupt
nicht die Rede. Das Volksgefühl scharf verletzende
Sitten hätten unter diesen Umständen also gar nicht
aufkommen können.
Je mehr ich mich in das Problem hineindenke,
am so unmöglicher kommt es mir vor, dass der
Animismus an sich die betreffenden Sitten verursacht
haben könnte. Er kann sie nur mit anderen Motiven
versehen und erhalten, resp. gestützt, den Zeitbedingungen
angepasst haben. Mehr als relativ schwache
Gemüthswiderstände hat das animistische Motiv
gewiss nie weder zu überwinden gehabt noch vermocht;
die Traurigkeit der australischen Mutter ist
zwar tief, währt aber nur kurz, sogar das Anbieten
eines leckeren Bissens (vom eigenen Kinde) beruhigt
sie. Es stimmt dies völlig mit unserer Auffassung
der Rachsucht der niedrigsten Völker überein !). Der
Urmensch kannte keine Motive zur Abhaltung vom
Menschenfressen, da müssen Hunger und das Verlangen.
nach grossen Bissen nothwendig zur Leichenverspeisung
geführt haben.
Eine Schwierigkeit, diesen Verlauf für den wahrscheinlichsten
zu halten, wird mir nur dadurch bereitet,
dass wir doch auch die Todtenfurcht in ibhreı
1) ‚Ethnol. Stud.“. I. S. 310.
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Entstehung zu erklären und als sehr alt zu betrachten
aaben!). Ich sehe wieder nur den einen Ausweg
zus dieser anscheinenden Antinomie, dass die Verspeisung
gar nicht als Verletzung oder Beleidigung
zufgefasst wurde, oder wenigstens nur als eine sehr
‚eichte durch ein kleines Opfer gleich gesühnte.
Um so annehmlicher wird dies, wenn wir daran
’esthalten, dass die Leichenverspeisung nach unseren
allerdings auffälligen Schlussfolgerungen dem Urmenschen
gleich eigen gewesen sein muss, also lange,
gevor sich sogar die primitivste Furcht ‘vor der
Leiche, wie sie immerhin kein Thier zeigt, entwickelt
hatte ?).
Sobald sich aber der Animismus einigermassen
zusgebildet hatte, wie wir ihn in seiner interessanten
Seelenlehre hauptsächlich aus Tyior und Wirken
kennen lernten, so gab er eine Fülle von neuen
Wotiven für die Verspeisung der todten Angehörigen
ab, welche Lırrert in ihrer Wirkung ganz klar genacht
hat ?).
Unsere mitgetheilte Thatsachensammlung enthält
aine ganze Menge von Beispielen, wo die uranfängiche
Ernährung der Ueberlebenden durch die Leiche
überging ın oder theoretisch gestützt wurde durch
die Aneignung der Seele oder der vitalen Kraft.
Wahrscheinlich wurde zur Erklärung der thatsächlichen
Sitte der Leichenverspeisung ihr manchmal
ein animistisches, neues Motiv untergeschoben;
auch die sympathischen, sentimentalen Gründe,
welche den Reisenden öfter angegeben wurden, als:
Schutz der Leiche u. A. gegen Würmer, zu ihrer
Zhre ete., scheinen dieselbe Function erfüllt zu
aben, denn es ist nicht anzunehmen, däss die Sitte
Jlurch ein so weiches Gefühl, welches sich sonst
nicht bethätigt, veranlasst wurde.
Die Verspeisung der Alten und Kranken konnte
zeinen animistischen Grund haben, wo und wenn
zugleich die Auffassung herrschte, dass die Seele
für immer in dem Zustande verharrte. in dem sie
ı) Vergl. besonders S, 253, 254 des ersten Bandes meines
arwähnten Buches.
2) Die West-Australier (s. o.) tödten und verzehren ihre
Alten (bevor dieselben zu mager sind) getrost, weil diese gar
keine Seelen haben, die zurückkehren könnten. Würde hier
lie fehlende Furcht (vor den Alten als solchen) die Beschäftigung
mit dem todten Alten verhindert, factisch den Gelanken
an seine Seele nicht haben aufkommen lassen, was
dann zur Erklärung des Fressens als theoretische Verneinung
gedeutet wurde?
3) J. Lirpert: „Der Seelencult“ (1881), S. 65 seq.:' „Volksphysiologische
Grundlage und Sinn des Kannihalismuns.“