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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 16=26.1896

Der Culturmensch, wenigstens der gebildete, fühlt
einen sensuellen, ästhetischen Widerwillen vor jeder
Leiche, ihm ekelt vor seinen todten Verwandten !).
dass dem Wilden dieser Ekel abgeht, glaube ich
hinreichend erwiesen und begreiflich gemacht zu
haben. Wie gemüthlich verfährt man da auch mit
der Leiche: „eine schöne Leiche“! Man sieht sie
gerne und macht sich ohne Ekel mit ihr zu schaffen.

$ 20. Anfangs kein Abscheu vor der Leiche.
Aber, so könnte man mir entgegnen, der Wilde
hat um so tieferen Abscheu vor der Leiche als dem
Sitze der gefährlichen, mächtigen. höchst reizharen
Seele!
Es lässt sich dieser Behauptung jedenfalls gar
Vieles entgegenhalten. Doch müssen wir zuerst darauf
 aufmerksam machen, dass es hiebei von dem
grössten Gewichte ist, die verschiedenen Perioden
zu unterscheiden. Die Todtenfurcht ist eine Frucht
bestimmter Denkprocesse und setzt eine gewisse
Erfahrung und geistige Entwicklung voraus, wie wir
keinen Grund haben, sie schon bei den Urmenschen
vorauszusetzen; bekanntlich scheint sie auch den
geistig höchsten Thieren zu fehlen. Gelingt es uns
also darzuthun, dass alle Bedingungen des Eintretens
der Anthropophagie schon bei den Urmenschen erfüllt
 waren und dass keine einzige die Erreichung
des Stadiums der Todtenfurcht voraussetzt, so kann
auch diese Furcht vor dem Gespenste gar keinen
Einfluss auf die ursprüngliche Behandlung des todten
Körpers geübt haben.
Der Nachweis, den wir überhaupt in diesen Paragraphen
 führen, ist der Beweis für die erste dieser
beiden Hypothesen; aber seine Beweiskraft wird
durch die Erwägung erhöht, dass auch im zweiten
Falle (wenn die Leichenverspeisung erst nach dem
Aufkommen der Todtenfurcht zur Sitte wurde) die
gewöhnliche Behandlung der Leiche keine allzu grosse
Delicatesse nach unserem Geschmacke bedeutet, und
hierin dürfte zugleich der Grund des so häufigen
Beibehaltens der Leichenverspeisung auch in der
Periode der Todtenfurcht gelegen sein.
Der aufgestellte Satz lässt sich unschwer beweisen
Die Queensländer an der Moreton-Bai ziehen
der Leiche feierlich und still die Haut ab (und zwar
thun dies Leute vom anderen Geschlechte) und
1) Im sogenannten Volke scheint dies ungleich weniger
der Fall zu sein, wie Stracx’s schönes und gutes Buch: „Der
Blutaberglaube in der Menschheit“ (1892) auf jeder Seite be
weist.

Trocknen dieselbe; der Körper wird zerschnitten, ge--östet
 und verzehrt. Sonst finden sich alle Anzeichen
les Todtencultus und der Todtenfurcht *).
Die nördlichen Queensländer lassen das
7ett der sich zersetzenden Leiche auf sich träufeln,
ım ihre Kraft zu erlangen”). Bei den Yap-Insuanern
 wird die Leiche geputzt auf ein Gerüst geunden,
 der Sohn lobt den Todten und beschenkt
lie Gäste, bis die Zersetzung anfängt; der Rest wird,
hübsch eingepackt, auf einem Berge bestattet, wo
sich der Sohn eine Hütte baut und hundert Tage
allein bleibt ®).
Ein Warrua-Häuptling muss eine Woche lang
ıllnächtlich mit der Leiche seiner Gattin schlafen *).
Aus Furcht, dass die Hexen die Leiche zur An-"ertigung
 von Zaubermitteln benützen könnten, be-;tatten
 die Bakwain dieselbe so bald als möglich,
n der Eile auch wohl einmal in die Höhle eines
\meisenfressers; LıvınGsrone sah auf diese Art zweinal
 Scheintodte zurückkehren %). Bei den Tlinket
verden die Leichen durch „professionals“ desarticuirt;
 die Leiche wird einige Zeit nachher vor geadenen
 Gästen aufgestellt und verbrannt‘). Die
T’olkotin-Witwe muss auch im heissesten Sommer
ı1eun Nächte neben der Leiche ihres Gatten schlafen;
ze beschmiert sich Antlitz und Körper mit dem
fette, das aus der verbrennenden Leiche träufelt.
Den Männern geschieht Aehnliches ”).
Die Ni-sh1i-nam sieben die Asche der Todten im
Frühlinge nach der Bestattung der verbrannten Leiche
lurch und verbrennen dieselbe nochmals °). Ein dazu
zuserwähltes, sehr distinguirtes Weib macht ein Geppe
 von dem todten Patagonier, dasselbe wird
lann bestattet oder auf ein Gerüst gestellt, bis es völlig
‚ein ist°). Die Goajiro bewahren die Leiche zwei
Jahre lang in der Hütte und halten ein Fest ab
beim Sammeln der Knochen !®. Auch die Ara-1)
 Lanc, 1. c., S. 359, 361, 367.
2?) LummoLrTz, 1. c., S. 279, 272.
3) Hernsaxın: „Südsee-Erinnerungen“ (1880), S. 22.
*) CAmMmgzron, 1. c., II, S. 105.
5) D. Livinastone: „Missionary Travels and Researches
in South Afrika“ (1857), S. 129.
6) Dann: ‚Alaska and its Resources“ (1870), S. 419.
7) Yarrow: A further Contribution to the Study of the
Mortuary Customs of the North American Indians; First
\nnual Rep. Bur. Ethnol., 1881, S. 145.
8) Powers: „Tribes of California“, Contr. N. A. Ethn
1876), IT, S. 328.
9) FaLKnerR: „A Description of Patagonia“ (1774), S. 128.
10) Sımoxs: „The Goaliro‘, Proc. Royal Geogr. Soc. (1885),
SS 792
            
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