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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 16=26.1896

— [41] -
verzeihen; dies ist aber nicht der Fall. Kann also der
Auszug das Ganze vertreten?
Die Volkslieder sind meistens Wiederklänge der
wirklichen Zustände, Sitten und Bräuche. Eine Studie
über die Frau im Volkslied musste nothwendigerweise
von einem Gemälde dieser Art begleitet werden, Fräulein
SkErzYywSsKA hat es unterlassen. Wir möchten gerne die
socialjuridische Lage der polnischen Frau sowohl vor
als nach der Heirat kennen lernen, und wir erfahren
davon beinahe nichts.
Die Anordnung des Stoffes ist nicht immer die
glücklichste. Ein Büchlein von hundert Seiten sollte
doch in einige Capitel geschieden werden. Es zieht sich
aber ohne Gliederung vom Anfange zum Schlusse fort,
Abgesehen davon, sind die Volkslieder, welche zu einander
 gehören, ganz sonderbar zerstreut. Das Werk gleicht
ainem Flüchtlingscorps: Soldaten verschiedener Regi:
menter sind wild durcheinander gemengt. Der Kritiker
muss zum Officier werden, der die Mannschaft in einzelne
 Gruppen bringt. So z. B. die Hochzeitslieder
— einige, wie insbesondere die Spottlieder, welche
keineswegs von der unterdrückten Lage der polnischen
Bauernfrau zeugen, sondern blos die allgemeine Fröhlichkeit
 kundgeben, missverstanden — befinden sich
an fünf verschiedenen Stellen,
Doch ist dabei das wahre Verdienst der Verfasserin
nicht zu unterschätzen. Sie ist eine der Ersten gewesen,
welche die Frauenlieder aus den Kerntruppen der Volkspoesie
 ausgeschieden hat und sie hat dieselben ihren
Kräften gemäss zu beleuchten gesucht. Sodann hat sie
der Folkloristik ein Geschenk von etwa 200 einschlägigen
Liedern gemacht, ein Geschenk das nicht zu verschmähen
 ist. Möge sie uns nun bald mit einem
anderen Werke beschenken, welches an Erfahrung und
Reife reicher wäre.
17. Herr Geheimer Medizinalrath Prof. Dr. L. Stieda
ın Königsberg sendet eine Mittheilung
Ueber den internationalen Congress für Medizin
in Moskau 1897.
Im nächsten Jahre 1897 wird vom 7./19. bis zum
14./26. August der VIL. internationale Congress
für Medizin in Moskau stattfinden. Von Seiten des
Congress-Comites sind bereits Exemplare der Regelr
versandt worden.
Der Vorstand der Section für Anatomie, Histologie
und Anthropologie hat ausserdem ein Schreiben (in
russischer Sprache) versandt. In dem Schreiben
wird den Fachgenossen eine Anzahl von Fragen vorzelegt,
 über die auf dem Congress verhandelt werden
301]

Section für Anatomie.
1. Soll die lateinische anatomische Nomenclatur,
lie von der anatomischen Gesellschaft ausgearbeitet
worden ist, zu einer internationalen gemacht
werden?
2. In welcher Weise ist eine einheitliche
Nomenclatur in der russischen anatomischen Literatur
Jurchzuführen ?
3. Ist die Polydactylie als eine Spaltbildung oder
als Atavismus aufzufassen?
4. Die Homologie der oberen oder unteren KExtremität.


Section für Histologie.

1. Vergleichende Kritik der verschiedenen Theorien
und Hypothesen über den Bau des Protoplasmas im
Allgemeinen.
2, Die Bedeutung der Blastomeren bei der Segmentation
 der Eier. Postregeneration, Die Entwicklung der
Cuticular- und Zwischensubstanzen.
3. Die Bedeutung der Centrosomen, Sphären und
der Nebenkerne in verschiedenen Zellen. Die Bedeutung
 der directen oder amitotischen Theilung. |
4. Die gegenseitige Beziehung der Nervenzellen in
den Nervencentren und Sinnesorganen,
5. Die Innervation der Drüsen,
Section für Anthropologie.
1. Was für Massregeln sind zu ergreifen, um möglichst
 genaue Thatsachen über die anthropologischen
Typen der russischen wie der nichtrussischen Bevölkerung
 Russlands zu gewinnen?
2. Welches sind die vorzüglichsten charakteristischen
Eigenthümlichkeiten des Mongolen- Schädels und bei
welchen Volksstänmmen sind diese Eigenthümlichkeiten
am häufigsten zu finden und am deutlichsten zu erkennen?

3. Inwieweit unterscheiden sich die Schädeltypen
der gegenwärtigen Bevölkerung Mittelrusslands von den
Schädeltypen der Kurganbevölkerung? Wie ist die
etwaige Veränderung der Typen zu erklären?
4. Die Schädeltypen des Professors Serer und ihre
Bedeutung für die Classification der Schädelformen.
5. Die Anomalien des Skelets und der äusseren
Bedeckungen. Haben einige von ihnen die Bedeutung
von Rassenmerkmalen oder können einige von ihnen
als atavistische Bildungen gelten?
Gleichzeitig werden die Herren Fachgenossen gebeten,
 sobald als möglich die Themata mittheilen
Die betreffenden Fragen werden hier mitgetheilt %“ wollen, üher welche si6 auf dem Congress In den
mit der Bitte, dass die Fachgenossen Kenntniss davon Sectionssitzungen Vorträge halten oder Mittheilungen
nehmen und so bald als möglich noch andere machen wollen,
Fragen und Themata stellen sollen, damit die Zur Entgegennahme jeglicher Mittheilung und zur
Congressleiter sich zeitig an nichtrussische und russi.- Uebermittlung an die Sectionsvorstände in Moskau ist
zache Gelehrte wenden können, um sie zu einer. Beant bereit Geheimrath und Universitäts- Professor Dr. L.
wortung der Fragen zu veranlassen, STIEDA in Königsberg.
Mittheilungen d. Anthrop. Gesellsch. in Wien. Bd. XXVI. 1896. Sitzungsberichte
            
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