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der materiellen Lage, Auf die jungen Leute, welche
sich blos nach Geld umsehen, werden in den Volksliedern
die peinlichsten Strafen herabbeschworen. „Dass
jener, der nicht aus Liebe, sondern des Vermögens
halber ein Mädchen heiratet, weder Glück noch seliges
Ende habe“, singt man in Chmielnik. Andererseits räth
ein achtzeiliges Gedicht aus Kryniczki: „Begehre,
mein Jas, reiche Mitgift nicht. Die Wölfe werden sie
dir verzehren, oder sie verreckt von selbst. Heirate
besser ein armes Kind, du wirst Brot erwerben und
dann noch anderen schenken.“ (S, 61.)
Demzufolge zieht das Volkslied auch sociale Contraste
in Erwägung. Die Müllersöhne sollen wegen
ihrer Eltern, welche mit den angehäuften Gütern
prahlen, gemieden werden. Die Knechte des Dorfbesitzers
„dworacy“, von den Einen sehr begehrt, werden von
Anderen geschmäht und abgerathen.
Traurig tönt in dieser Symphonie die Klage der
Verführten, Am häufigsten findet sie in der Ballade ihre
Verkörperung, und es ist sehr zu bedauern, dass die
Verfasserin die bezüglichen Gedichte nicht vollständig.
sondern nur bruchstückweise angibt. Doch auch einige
kleinere Iyrische Lieder behandeln denselben Stoff
Hervorzuheben ist der Umstand, dass der Verführeı
sehr selten aus demselben Dorfe ist. Am häufigsten
werden der Schandthat die Soldaten, dann und wann
die „dworacy“ bezichtigt.
Die Hochzeitslieder, soweit sie nicht rituell sind,
verleihen der Trauer, die sich des Mädchens im Augenblick,
wo sie ihre Mutter, ihre Geschwister und ihre
bisherige Lebensart verlässt, bemächtigt, Ausdruck.
Scherzweise aber berühren sie auch das der Frau
manchmal harrende traurige Schicksal,
„Es versprach Hans seinem Käthchen, sie weder
mit Axt, noch mit Messer, blos mit dem Stock und
der Schnur zu prügeln.“
„Schlage mich, Hänschen, nicht — bittet jene —
du hast mich ja nicht erzogen.“
„Erzogen oder nicht erzogen, aber erworben. Und
nun hab’ ich mehr Macht über dir, als deine leibhaftige
Mutter.“ (S. 52—DB3.)
Es wäre aber zu pessimistisch, das Schicksal der
verheirateten polnischen Bauernfrau als im Allgemeinen
traurig zu schildern, Ihre Lage ist keineswegs so
beklagenswerth, wie die einer russischen. Ihre Lieder,
hie und da sehnsuchtsvoll, tragen bei weitem nicht
das Gepräge des grenzenlosen Schmerzes, der die
russische weibliche Lyrik durchzieht.
Die polnische Bauernfrau beschwert sich hie und
da über die Schläge; sie sind aber wahrscheinlich
nicht sehr hart, denn in den Ton der Klage mischt
sich gleichzeitig etwas Spasshaftes und Witziges. Der
Witz, der auch aus dem kürzlich angeführten Hochzeitsliede
durchschaut, ist noch leichter in folgendem
Gedichtehen zu bemerken:
Schlage mich, mein Liebster, nicht,
Denn wirst mich erschlagen.
Gibt mir die Vernunft ja nicht,
Gesundheit kann’s ranhen.
Schlage mich, mein Liebster, nicht,
Denn das wird mir weh thun.
Küss’ mich besser, küsse mich,
Das möchte ich lieher
{S. 53.)
Dass übrigens der Gemahl für seine Frau viel Nachsicht
hat, zeigt ein anderes Lied, von einem im Feld
arbeitenden Landmann gesungen:
Alle Hausfrauen treiben Schweine aus,
Meine Liebste seh’ ich nicht,
Muss noch schlafen Aermste.
Alle Hausfrauen tragen Frühstück aus,
Meine Liebste seh’ ich nicht,
Muss noch schlafen Aermste.
Und wenn es je Schläge gibt, sind sie meistens
ler Trunkenheit zuzuschreiben, Dort, wo es sich um
lie Trunksucht handelt, wo vom Laster die Rede ist,
welches das Glück und das Vermögen der slavischen
3Zauern ruinirt, hört man wahres Schluchzen. In einem
Liede aus Bronowice haben die Eltern erfahren, dass
hr Schwiegersohn ein Trunkenbold ist, und nun fordern
sie ihre Tochter auf, zu ihnen zurückzukehren, Sie
„ringen ihre weissen Hände“ und flehen, da antwortet
jene: „Möget ihr die Hände ringen, möget ihr sogar
in Ohnmacht verfallen, zu Vielem nützt es nicht. Ihr
hättet überlegen sollen, wem ihr euer Kind übergebt.“
Manchmal macht der Mann seiner Frau Vorwürfe,
dass er sie ohne Mitgift genommen, hie und da beschwert
sich das junge Kind, welches einen Witwer geheiratet
hat, über die ihm allzu schwerfallenden Pflichten.
Die Schwiegermutter presst ihr hie und da einige
l’hränen aus den Augen. Doch wenn sie der gefürchtetsten
Gefahr, der Heirat mit einem Trunkenbold, entronnen
ist, so gestaltet sich schon ihr Leben leidlich
gut und ein tanzlustiges Weib kann sich oft in einer
Dorfschänke fröhlich unterhalten und laut vorsingen:
Ich kehre heim Hab doch kein Kind,
Erst mit Tagesanbruch, Das daheim weint, (S. 59.)
Bald jedoch kommt dieses Kind, dann das andere
und das dritte und wie im Sande verrinnt das Bächlein
ler Poesie in den Hausarbeiten und den Mutterpflichten.
Auch diese Lebensperiode findet ihren Ausdruck in der
Volksliteratur; dieser ist aber vornehmlich in den
Sprichwörtern zu suchen.
Das Wichtigste, das wir an dem besprochenen Büch-'ein
auszusetzen haben, ist die allzu breitspurige, oft
sogar falsche Commentirung der an sich selbst leicht
verständlichen Volkslieder und die nicht immer sehr
gute Wiedergabe, Die Verfasserin liess sich wahrscheinlich
ihre Lieder nicht vorsingen, sondern vorsagen ;
ler oft mangelhafte Rhythmus der Gedichtehen weist
larauf hin, Wahrhaft unbegreiflich ist für uns die
Art, mit welcher sie hie und da verfährt, die Lieder
nur bruchstückweise anzuführen. In der Mitte des
Buches sind alle über 8—10 Zeilen zählenden Lieder
durch Auslassung eines Theiles entstellt worden; noch
anangenehmer berührt uns diese Methode am Ende, wo
lie letzten neun Seiten aus lauter Inhaltsangaben der
Volksballaden bestehen. Wären die Texte schon gedruckt
worden, so könnte man der Verfasserin diesen Schritt