— 239
süssen Saftes schon die Traube“, die „bunten Kleider“ sind
eine Fälschung für weisse (belo ruvo). S. 317 springt das
Ross mit dem kämpfenden Helden nicht zur Seite, sondern
fallt in die Kniee (udril na kolena). S. 338 soll das Weinen
bei Marko ein Wunder sein, während sich „8&o da vidit
öudo i golemo“ im Original auf den Inhalt des unerwarteten
Briefes der deutschen Königin bezieht. S. 340 gibt
die Königin Marko und seinen Helden nicht „drei Körbe“ (N
voll Silber und Gold, sondern drei Taschen, wenn nicht
drei Thürme oder Burgen (tri kuli). S. 344 wurde der
„schwarze Araber“ zu einem „braunen“ gemacht. Warum
dagegen S. 334 das tuskische Fremdwort Ceöma für Fontaine,
Brunnen beibehalten wurde, was das Gedicht geradezu unverständlich
macht, ist mir nicht begreiflich.
Der Uebersetzer lässt jedoch sogar die Zahlen nicht in
Ruhe. So stehen S. 116 bei einem Heldenkind „Wehemütter
neune“ anstatt sieben (sedum babi). S, 117—118 holen die
Hochzeitsgäste die Braut in „drei Wochen“ nicht ab, während
es im Original heisst „drei Monate“ (meseci), was auch
mit der zum Schluss erwähnten dreiwöchentlichen Feier der
Taufe des Heldenkindes contrastirt. Man sieht, mit welchem
unverlässlichen Material z. B. derjenige operiren würde, der
die Angaben der vorliegenden Uebersetzung für eine Untersuchung
über epische Zahlen gebrauchen wollte!
Die Uebersetzung könnte auch zur Auffindung mythologischer
Wesen verleiten, „Dete Maleckovo“ (S 116)
sollte auch im Titel mit ein kleines Kind übersetzt werden
denn maleckovo ist blos ein Diminutivadjectivum (vgl.
3, 117, Z. 5 von unten: Kindlein = dete maleckovo). 5. 122
hat uns aber der Uebersetzer offenbar absichtlich mit einem
„Smech“ beschenkt, den er nur in den Anmerkungen mit
„Drache“ erklärt. Nun ist schon die Form des Namens
bedenklich. Nach dem löblichen Brauch des Uebersetzers, der
die slavische Schreibweise meist beibehält, und nach der
deutschen Aussprache könnte man versucht sein, das an-Jautende
S tonlos zu lesen, das ch aber als den wirklichen
deutschen Ach-Laut zu nehmen. Beides wäre gründlich verfehlt.
Im Original (Mın.apıxover Nr. 16) finden wir ausdrücklich
den Acc. zme’a, wofür in anderen Gedichten allerdings
auch zmecha (doch selten!) vorkommt, was jedoch eine
angenaue Wiedergabe des spirantischen Lautes ist, denn beide
Formen gehen auf zmeja zurück; wir haben es daher mit
einem ganz gewöhnlichen zmej (Schlange, Drache) zu thun!
Unbegreiflich ist mir, woher der Uebersetzer „Dverdica“
(8. 147) als Eigennamen für den Morgenstern (dennica, Zvezdodennica)
hat.
Manche von diesen Beispielen gehen wohl schon auf
Missverständnisse zurück, Der Verfasser ist mit der
bulgarischen Sprache nicht genügend vertraut und hat selbst
die vorhandenen Wörterbücher nicht gehörig ausgenützt, ja
das wichtigste, das russisch-bulgarische von A. DUuvErRNoIs
‘Moskau 1889), kennt er nicht einmal; denn nur so kann ich
mir ganz unglaubliche Schnitzer erklären. Zum Beweise
führe ich die wichtigsten an: S. 128 „betrog“ Jankul
nicht neun seiner Schwestern, sondern lud sie nicht zur
Hochzeit ein. S, 137 flechten sich die Samovilen unter dem
Ahornbaume nicht die Haare, sondern eine Schaukel
(Hjuljka). S. 139 soll der Wind nicht die Asche, sondern
den Leichenduft (muchla, ngr. podyxA@) nach neun Seiten
wehen S 141 nimmt Stana nicht ihr .‚weisses Linnen“,
‚.ondern einen Cannevas zum Stricken mit Gold und
‚näht“ (S. 142) nicht am Ostersonntag. S. 146 steht Christ
‚ag, anstatt der Tag der Verwandlung des Herrn (schon
lie Reihenfolge der dort genannten Feste: Ostertag, Georgstag,
“hristtag, Petertag, sollte Bedenken erregen), und zu Jana
ıpricht nicht der Gevatter, sondern die Pathin (der Ueber-‚etzer
hielt offenbar das Fem. kuma für das Masc. kum mit
Jem Artikel a!). S. 247 nehmen die Gefangenen nicht türzischen
Glauben an, sondern beschimpfen ihn (okarali).
3. 315 harrten die Kinder „wie gewöhnlich“, statt „um in die
Schule zu gehen“ (na skoljo-to). S. 338 soll der Bote der
Jeutschen Königin Marko nicht „am Gruss“ erkennen, sondern
an seinem grossen hölzernen Trinkgefäss (zdravica). S. 344 verspricht
und schenkt der Sultan nicht „Skopija, das Städtchen,
iammt den Feldereien und den reichen Triften“,
ıondern Skopija (Uesküb) und Adrianopel (Edrene) mit
einen breiten, gepflasterten Strassen (Siroki kal-{armi)
und Marko zecht nicht „ohne Gajda, Guslen“, sondern
‚hne Sorgen (bare gajle nemat). Falsch und in höchstem
Irade unästhetisch ist es, wenn der neun Jahre krank daniederjegende
Stojan (S. 270) neun Leintücher (übrigens unrichtig für
‚ostiljki), Polsterzüge und Linnentücher „schmutzig“ macht,
jenn er hat sie zerrissen. Ich habe zwar das Original nicht
zusfindig gemacht, aber die Varianten (vgl. Sapkarev Nr. 42)
assen darüber keinen Zweifel aufkommen. Uebrigens hätte
ıchon ein bischen Nachdenken und Phantasie den Uebersetzer
zor manchem Schnitzer bewahren können. So lässt er „Held
Marko“ und seine „dreissig kühnen Kämpen“, die ihre gewiss
aicht kurzen Säbel zogen, von einer croatischen Jungfrau
lurch „ihren Dolch, den kurzen“ in die Croatenfeste treiben
ınd sie dort einsperren. Die märchenhafte Jungfrau half sich
edoch mit einer „dreikantigen Peitsche“ (zemala si trojstru
kaämdzia); die in anderen Gedichten das Attribut
5gnjana (Flammen =) und olovna (aus Blei) führt. Ich
sebe zu, dass die vielen türkischen Fremdwörter das Vertändniss
der bulgarischen Volkslieder besonders erschweren,
‚ber gerade über sie konnte sich der Uebersetzer auch aus
Yıxz.osrcn’s Abhandlungen über die türkischen Elemente in
den südosteuropäischen Sprachen Belehrung holen,
Den Uebersetzungen ist eine 109 Seiten umfassende Eineitung
über die bulgarischen Volkslieder und Volksgebräuche
zorausgeschickt. Diese ist nur eine Compilation, aber weder
zut noch erschöpfend. Schlimmer ist der Umstand, dass auch
Ja die Quellen nicht genannt werden. Von Sısmanoy und
MiınLeri6c, deren Aufsätze Herr Srrausz hauptsächlich ausbeutet,
wird nur der letztere vor einem längeren Citat erwähnt. Ich
möchte ihm daher dringend rathen, bescheidener, ernster und
zewissenhafter aufzutreten, denn nur dann wird er nach einer
Vervollkommnung seiner Kenntnisse des Bulgarischen einen
sehr erwünschten Vermittler für das gelehrte Publicum abgeben
können M. Murko.
7.
Semon, Richard. Im australischen: Busch und an
den Küsten des Korallenmeeres. Reiseerlebnisse
und Beobachtungen eines Naturforschers in Australien,
Neu-Guinea und den Molukken. Mit 85 Ab-»ildungen
und 4 Karten. Leipzig. Verlag von
WıLneELM EnGEeELMANN. 1896.