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Schrenck Leop. v.: Reisen und Forschungen im
Amurlande, in den Jahren 1854—1856 im Auftrage
der kaiserl. Akademie der Wissenschaften in
St. Petersburg ausgeführt. Band IH. Dritte Lieferung.
Die Völker desAmurlandes, Ethnographischer
Theil. Zweite Hälfte. Mit 24 lithographischen, zum
Theil farbigen Tafeln und 11 Holzschnitten im
Text. St. Petersburg 1895.
Der Wunsch, welchen wir vor mehreren Jahren bei der
ausführlichen Besprechung der zwei ersten Lieferungen dieses
Werkes in diesen Blättern!) ausgesprochen, es möge L. v
ScHRENCK vergönnt sein, sein grossartiges ethnographisches
Werk über die Amurvölker zu Ende zu führen, ist leider
nicht in Erfüllung gegangen. Kaum ein Jahr danach ist er
dahingegangen, zum grossen Leide seiner zahlreichen Freunde
und Verehrer. Die Frage lag nun nahe, ob und wie das Werk
zu Ende geführt werden solle. Es lagen beim Ableben ScCHRENCK’:
einige Capitel vollendet vor, nebst einer Anzahl bereits fertiggestellter
Tafeln. Die kaiserliche Akademie der Wissenschaften
in St. Petersburg konnte nun keinen Besseren mit der Herausgabe
des Schlussheftes betrauen, als den langjährigen Freund
und Arbeitsgenossen des Verstorbenen, Herrn Custos FrikDrıicH
Russow. Mit pietätvoller Hand hat er gerade das gethan, was
er thun musste, ohne den Rahmen doch mehr als rein redactioneller
Thätigkeit zu überschreiten. Wir wissen dem:
selben herzlichen Dank für die Auszüge aus den Tagebüchern
ScunruncK’s über gerade die wichtigsten, auf die religlösen
Vorstellungen und den Todtencult bezugnehmenden Capitel,
Was wäre freilich unter der Meisterhand SchHreneK’s aus denselben
geworden, wenn er dieselben selbst ausgeführt hätte'
Dieser Verlust ist unersetzlich, weil die Beobachtungen deı
Fünfziger-Jahre heute nicht mehr gemacht werden können,
Innerhalb dieser 40 Jahre hat sich gerade in den Lebensverhältnissen
der Amurvölker so viel verändert, dass wir
heute dorthin schon wie nach einem beinahe verlorenen Gebiete
blicken, deren Zahl sich in der Ethnologie so unheimlich
rasch vermehrt, dass bald nicht mehr viel zu thnn übrig
bleiben wird.
Wir wollen die Capitel kurz anführen, welche noch von
SenrencK vollendet worden sind. Sie handeln im Gegensatze
zu dem Stoffe der ersten Hälfte, der die Amurvölker von
ihrer physischen Seite behandelte und ihr äusseres Leben
sowie ihre materielle Cultur schilderte, von derem Familiensocialen
und inneren Leben. Es sind das gerade jene Stoffe,
welche die moderne Ethnologie so sehr bewegen; wie aus
einem reinen, lauteren Born kann dieselbe jetzt Material aus
den stets klaren und lichtvollen Darstellungen SchHuuncK’s
schöpfen.
Der 11. Abschnitt behandelt folgende Themen: Familienverhältnisse:
Ehe. Weiberkauf und Weiberraub. Sittlichkeit,
Häusliche Arbeiten und Beschäftigungen von Mann und Weib,
‘) Siehe Mittheilungen, Bd. XXIII (1893), p. 89 ff.
Kinder-Geburt, -Ernährung, -Behandlung und -Erziehung.
Stellung der Sclaven und Sclavinnen im Hause. Familienarbrecht.
Blutrache.
Der 12, Abschnitt gliedert sich in folgendeTheile: Sociale
Verhältnisse: Politische und rechtliche Stellung, Sociale Glielerung
auf Grund des Wohlstandes. Nationaler Communismus,
Jnantastbarkeit des Eigenthums. Gastfreiheit. Vorsicht und Unntschlossenheit
auf Reisen: Wind- und Wetterprüfung. Aberzläubische
Sturmbeschwichtigungen. Gruss und Danksagung.
Sitte, einander Geschenke und Gegengeschenke zu machen,
Zuverlässigkeit in Geschäftsangelegenheiten. Zeitrechnung.
Kalender. Kosmische Vorstellungen. Belustigungen: Gesang.
Musik, Tanz, Spiele. |
Der 13. Abschnitt überbietet die beiden vorhergehenden
aoch weit an Interesse; er handelt nämlich auf das Einzehendste
über die berühmten Bärenfeste, und zwar hauptsächlich
bei den Amur-Giljaken, sowie deren Modificationen bei
len Oltscha und den Giljaken auf Sachalin und bei den Aino.
Jer Werth dieses kostbaren Capitels liegt nicht nur in der
)einlich genauen Beschreibung dieser merkwürdigen Ceremonie,
;ondern namentlich in den zahlreichen für die Völkerpsycho-;ogie
so werthvollen Details. Von besonderem Werthe ist die
Mittheilung, dass in dem Hause, in welchem das Bärenfest
vor. sich geht, kein Schamane seine Kunst ausüben darf,
Und doch hat das Bärenfest auch einen religiösen Hinterzrund,
obzwar derselbe heute schon sehr zurücktritt. Es
lrängt sich die Muthmassung auf, dass das Bärenfest namentlich
bei den Amur-Giljaken noch der letzte Rest eines viel
ilteren Cultus sei, der nach und nach vom Schamanismus
verdrängt wurde.
Wir kommen zum Schlusse zu dem schon eingangs herührten
Anhang, welcher die Auszüge aus den Reisetagebüchern
ınd Notizen ScHrexcK’s enthält und der sich in folgende zwei
Abschnitte gliedert:
I. Religiöse Vorstellungen der Amunrvölker. Götzen und
Amulete. Schamanen,
NH. Vorstellungen der Amurvölker vom Fortleben nach
dem Tode und dementsprechende Behandlung der Todten.
Es ist ein schwerer Verlust für die Wissenschaft, dass
SCHRENCK diese wichtigen Capitel nicht mehr selbst durcharbeiten
konnte. Trotzdem sind wir für diese Mittheilungen
sehr dankbar, und zwar umsomehr, als uns dieselben die
volle Unmittelbarkeit des Gesehenen und Ueberlieferten aus
den Tagebüchern überliefern. Gerade dieser Umstand legt
uns den Wunsch nahe, die ganzen Reisenotizen ScurkncK’s
publicirt zu sehen. Es ist das werthvollste Rohmaterial, das
zich denken lässt; wir würden da nicht nur die zu glitzernden
Diamanten ausgeschliffenen Edelsteine mit ihren Tausenden
von Facetten ScHRENCK’schen Geistes kennen lernen, sondern
den noch in der unscheinbaren Hülle ruhenden Stein, der
aber um so werthvoller ist, als man ihm eine beliebige Form
zeben kann. Die berühmte kaiserliche Akademie der Wissenschaften
könnte nicht nur ScnruncK, sondern auch sich selbst
das schönste Denkmal setzen, wenn sie eine Herausgabe dieser
Fagehücher veranlassen würde. Franz Heger.