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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 16=26.1896

— 156 —

weichung etwa 20—30°. 1!) Wer dies weiss, bedarı
keines Compasses im Huzulengebiete. So kommt es
z. B. auch, dass dem auf der längs der von West
nach Ost fliessenden Suczawa verlaufenden Strasse
den Fluss aufwärts Wandernden stets die Häuser
rechts mit der Frontseite, diejenigen links aber mit
der Rückseite zugekehrt sind. Daher kann auch
früh Morgens und besonders am späten Nachmittag
die Vorderseite eines Huzulenhauses nicht photographisch
 aufgenommen werden, da diese regelmässig
nur um die Mittagszeit volle Beleuchtung aufweist.
Ueberdies wird aber die Aufnahme auch noch dadurch
erschwert, dass die vorspringenden Dächer während
dieser günstigen Zeit die Wände zum grossen Theile
völlig beschatten.
Längs der Vorderseite (Fig. 362, 363, 372, 373.
379, 380), mitunter auch an der Giebelseite (Fig. 362).
ist in der Regel eine breite, bankartige Erhöhung
‘pryspa) angebracht, die mitunter auch als Stiege
zu der erhöhten Thüre dient (Fig. 362). Manche
yrenzen an der Vorderseite des Hauses auch einen
kleinen Hofraum (zadwiri, zahoroda) durch eine
massive Holzwand (graedo pered chatou, zahoroda)
festungsartig ab. Durch diesen Vorbau führt ein Thor.
mitunter auch zwei (Fig. 363, 378 u. 380). Ferner
pflegt besonders der reiche Huzule längs der Vorderseite
 seines Hauses einen Vorgang (ganok) anzubringen
 (Fig. 374, 375, 377 B); beschränkt sich
dieser Vorbau nur auf den Theil der Front bei der
Thüre, so heisst er „czerdak“ (Fig. 372, 377 C). Schon
die Namen’ deuten darauf hin, dass dieser Hausthei]
neueren fremden Ursprunges ist. ?)
Der wichtigste Unterschied zwischen dem Hause
eines Reichen und dem eines Armen besteht darin.
dass des letzteren Hütte zumeist nur aus einer Stube
besteht (z. B. Fig. 362, 374, 377 A), während das
des Wohlhabenden zwei Wohnräume aufweist (z. B.
Fig. 380). Letztere Zahl wird nur in Ausnahmsfällen
überschritten, etwa wenn der Familienvater schon
im Vorhinein für einen Sohn eine bequeme Wohnung
in seinem Hause herstellen will.
Die zwei erwähnten Stuben (chaty) liegen zu
beiden Seiten des Vorhauses (choromy), in das man

1) In Folge eines Druekfehlers steht in meinem Aufsatze
„Neue Beiträge zur Ethnologie und Volkskunde der Huzulen“
‚Globus B. 69, S. 70) 20%.
?) Ganok unzweifelhaft aus dem deutschen Gang; czerdak
vom rumänischen cerdac, Gang, Balcon. Bei manchen Häuserr
fand ich den Gang jahrelang unvollendet. insbesondere ohne
die geplanten Geländer

Jurch die Eingangsthüre tritt. In der Regel ist die
Stube zur rechten Hand geräumiger, als diejenige
inks. Die grössere Stube (weteka chata) ist zumeist
‘ür den Aufenthalt der engeren Familie bestimmt,
während die kleinere (mata chata) von der Dienerschaft
 bewohnt wird, als Werkstätte oder Kammer
Verwendung findet, oder schliesslich dem verheirateten
Sohne als Wohnstätte dient. Zu letzterem Zwecke
wird sie wie die grosse Stube eingerichtet.
Die Einrichtung dieser ist aber in jedem Hause
im Grossen und Ganzen dieselbe. An der Wand links
von der Thüre steht der grosse Herd (nice). Derselbe ist
zus Thon und Stein aufgebaut *) und weist neben der
für das Feuer bestimmten, backofenförmigen Oeffnung
‚ebenfalls picz genannt) zuweilen auch noch daneben
3ine zweite ähnliche Oeffnung (piczka) oder auch
zwei auf, welche als Standort der Töpfe und Schüsseln
zebraucht werden (Fig. 201, 202). ?) Da der Ofen
’ast ein Viertel der Stube einnimmt und oben flach
zebaut ist, so haben auf demselben zumeist die
Kinder, im Winter aber auch die Alten ihre Schlafstätte.
 Der Rauchschlauch (kahta) des Herdes mündet
im Vorhause, das keine Decke hat, so dass der Rauch
auf den Dachboden (strych, pid) ziehen kann. Der
Ifen stösst übrigens gewöhnlich mit zwei Seiten an
lie Stubenwände; um die freien Seiten desselben
ziehen aber Bänke. Längs der Hinterwand der Stube
st oft eine verhältnissmässig breitere Bank (dawa,
/awycia) angebracht; auf ihr schläft die Mutter mit
dem Säugling und unter ihr finden im Winter die
ı16ugeborenen Kälber, Lämmer und Ferkel ihren Platz.
An den zwei folgenden Wänden sind schmälere Bänke
sichtbar, die bei Tag als Sitz, bei Nacht aber eben-“alls
 als Bett dienen; in ihnen findet man neben
den Fenstern Löcher, welche zum Hineinstecken des
Spinnrockens dienen (z. B. Fig. 362). °) Eigentliche
3etten (postil) finden sich nur hie und da; sie stehen
lann an Stelle der breiten Bank an der Hinterseite
ler Stube, und zwar womöglich so, dass man mit
lem Kopfe nach Osten schlafen kann; denn das ist
glückbringend. An der Wand rechts von der Thüre

') Um den unteren vollen Theil des Ofens herzustellen,
wird ein Rahmen in Form einer flachen Kiste hergestellt und
mit Steinen und gestampftem Lehm gefüllt. Hierauf legt man
auf diesen Unterbau einen Holzklotz und stampft darüber
die Wölbung des Ofens aus Lehm. Der Rauchschlauch wird
aus Steinplatten zusammengesetzt.
°) Sehr selten kommen Sparherde vor, so im Hause der
Warwara Kuszniraczka in Ußseieryki.
3) Auch in der Ofenhank sind Löcher für den Spinnrocken

            
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