Digitized Materials

Here you will find digitized editions of anthropological journals and monographs. For more information about the digitization project, please visit [here].

Search in

Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 16=26.1896

132

und allein in früheren, prähistorischen Zeiten, als
es von gleich wilden Volksstämmen bewohnt war,
die sich sonst in nichts von den jetzigen Wilden
unterschieden, entweder ganz oder theilweise nackt
gingen, ihre Körper bemalten, vergiftete Waffen benützten
 u. s. w. u. s. w., frei von Anthropophagen
gewesen sel.
Von den Schriftstellern des Alterthums
erzählt Heronor (I, 216, IV, 26), dass die Koletier
in Indien Menschenfresser waren, welche die Leichen
ihrer Eltern assen; die Padaier erschlugen und verzehrten
 angeblich die Kranken, die alten wie die
jungen; die Massageten (am Aras) verzehrten ihre
alten Anverwandten, begruben jedoch die an Krankheiten
 gestorbenen; die Issedonen liessen zwar die
Greise ruhig sterben, aber verzehrten sie dann, indem
sie ihr Fleisch mit Thierfleisch mischten. Srraso
(IV, 5, 4) gibt an, dass bei den Derbikern am Kaukasus
 die über 70 Jahre alten Männer erschlagen
and von den Verwandten verzehrt werden. Auch die
Skythen, Iberer, Gallier und andere Völkerschaften
scheuten sich in der Noth nicht vor Menschenfleisch.
Nach demselben Autor sind auch die Iren echte
Menschenfresser gewesen, welche es für eine Ehre
ansahen, die eigenen Eltern nach dem Tode zu verzehren.
 Nach Dronorvs Sıc. (VI, 16) geniessen eben:
dieselben Iren das Fleisch der überwundenen Feinde,
ErATosTHENES beschuldigt die am Pontus wohnenden
Völkerschaften und besonders die Skythen der
Menschenfresserei: sie assen das Fleisch ihrer Feinde
and benützten die Schädelschale als Becher. Pımuus
(Hist. nat. VII, 22) erzählt von Menschenfressern, am
Borysthenes (dem jetzigen Dnjepr) wohnend, die aus
menschlichen Schädelschalen tranken und die Scalpe
erschlagener Feinde wie die jetzigen Indianer zu
tragen pflegten. Nach PLuTArcH soll ALEXANDER DER
Grosse die Anthropophagie in Sogdiana abgeschafft
haben. Lıyıvs (XXIII, 5) verdächtigt den HaAnnızar,
dass er seine Soldaten Menschenfleisch essen gelehrt
hätte, damit sie wild und tapfer würden.
Der heilige Hızroxymvs (C. St. Hieronymus in
Jovianum, lib. IT, c. 7, Ed. VarLarsır, Vol, II, pag, 335),
welcher im IV. Jahrhunderte lebte, erzählt, dass er
„in seiner Jugend in Gallien die Attacotter (odeı
Skoten?) gesehen habe, welche sich von Menschenfleich
 nährten und obzwar sie. in den Wäldern
Heerden von Schweinen, Schafen und Rindern gefunden
 hätten, den Gebrauch gehabt haben, Knaben
die Hintertheile und Weibern die Brüste abzuschneiden,
die sie als Leckerbissen assan“.

Zu diesen Nachrichten, die sich noch vermehren
jessen (Bopıxus, Lucıus, SexTus EMPIrRIcus u. 8. W.),
kommen die zahlreichen Angaben von Menschen->pfern,
 welche sicher in enger Verbindung mit der
Anthropophagie stehen, wenn sie auch nicht durchwegs
 in ihr ihren Ursprung haben; solche Opfer
waren bei den Aegyptern, Juden’), Babyloniern,
Phöniziern, Karthagern, Griechen, Römern, Skythen,
Belgern, Gallern, Kelten, Germanen, Slaven, Esthen,
Thrakern und Indern, also ursprünglich bei allen früher
der später civilisirten Völkerschaften gebräuchlich *).
Wasdie Sagen, Märchen und den Aberglauben
vetrifft, welche von Menschenfresserei oder Menschen->»pfer
 berichten oder an solche erinnern, so erhielten
sich dieselben noch bei vielen auf einer hohen
Stufe der Cultur stehenden und die alte Welt und
jesonders Europa bewohnenden Völkern. So kommen
Menschenfresser und Menschenopfer in griechischen
und römischen (Atreus, Tantalus, Polyphem®) Kronos),
in hebräischen (Opferung Isaaks, Jonas ete.), gernanischen
 (im Nibelungenlied stillen die burgundischen
Ritter ihren Durst mit dem Blute ihrer Feinde),
slavischen, besonders serbischen und russischen
Sagen vor, was letzteres um so interessanter ist, als
die grösste Zahl der Berichte alter Autoren sich
auf die von diesen Völkern bezogenen Gegenden
bezieht. Bei den Wotjaken*) erhielt sich eine Sage,
welche vom Aufessen des Herzens des Feindes erzählt,
wie es bis heute bei den Dajaken und den Fidschi-{nsulanern
 ausgeübt wird, weiters von Menschen-’pfern,
 von Währwölfen und vom Geniessen menschcher
 Körpertheile zum Behufe der Aneignung der
Eigenschaften der Verzehrten (ihrer Kraft, ihres
Muthes u. s. w.). Prof. Smirxow bezieht den Bericht
Heronor’s über die nördlich von den Skythen
wohnenden Menschenfresser direct auf die Wotjaken.

ı) Wie lange Menschenopfer bei den Juden sich erhalten
1aben und wie allgemein sie bei diesen waren, hat uns
F, W. GumLany gezeigt. (Die Menschenopfer der alten Hehräer,
 Nürnberg 1842.)
2) SCHAAFFHAUSEN, Die Menschenfresserei u. das Menschenopfer
 im Arch. f. Anth. IV, S. 245.
3) Homur, Od. IX, 287—297. Polyphem bewohnt eine Höhle
wie die europäischen Menschenfresser der Diluvialzeit und
ler neolithischen Periode. Vgl. auch Ilias, XXII, 346, wo
Achilleus den Wunsch ausspricht, den Hektor zu verzehren.
4) Prof. J. N. Sumnow, „Spuren des Kannibalismus in der
wotjakischen Volkspoesie“ am VIII. russischen Archäologen-;ongress
 in Moskau 1890; nach dem Referat von F. Hrarr
N den Mittheilungen d. Anthrop. Gesellsch. in Wien 1890,
S. 157; vgl. weiters M. Buscs, „Die Wotiaken“, Helsingfors
I885> 1186
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.