manchmal die äusseren Mittel oder die persönliche
Eignung fehlen werden; zweitens aber — und das
sollte doch keineswegs in dem jetzigen Umfange
länger dauern — wird das von den Ethnologen zu
benützende Material meistens nicht einmal von
ethnographisch vorgebildeten Forschungsreisenden gesammelt,
was in den anderen Naturwissenschaften
fast nie vorkommen dürfte. Aber wann wird das
erste Institut zur Ausbildung in den socio- und
anthropologischen Wissenschaften errichtet werden? 1)
Wann wird das Mittelalter für die Universitäten
anden ?
$ 2. Die Thatsachen. Classisches Alterthum.
Gerade weil wir die angeführten Thatsachen
nochmals strenge prüfen wollen, so scheint es uns
angemessen, die vielbekannten Angaben der classischen
Schriftsteller gesondert zusammenzufassen. Kritisch
betrachtet, scheinen sie keinen grossen Werth
beanspruchen zu können. Herooorus, dem sie
meistens entnommen sind, kann von unserem Standpunkte
wohl kaum als ein kritischer Forscher bebrachtet
werden *). Ganz zu verwerfen sind aber die
betreffenden Nachrichten der Alten ‘keineswegs,
schon aus dem Grunde nicht, weil sie mit wohl
beglaubigten modernen Fällen vollkommen übereinstimmen.
Die Massageten*) tödteten die zu alten
Leute, welche von ihren Verwandten festlich gegessen
wurden, und dasselbe gilt von den Issedonen;
die Kalatier assen ihre Väter und die Padäer
tödteten und assen alle Kranken und Alten, und
zwar die Ersteren, bevor die Krankheit das Fleisch
verdorben hatte; sonderbarer Weise sollen nach
STRABO die Derbiker zwar alle mehr als siebzigjährigen
Leute getödtet, aber nur die Männer gegessen:
haben, und derselbe Gewährsmann erzählt
von den damaligen. Bewohnern des Kaukasus,
dass sie das Fleisch von den Körpern ihrer Ver.
wandten verzehrten.
; 1) Der Entwurf R. Worms’ („Un Laboratoire de:Sociologie“,
Revue Internationale de Sociologie, Sept. 1895
S. 777 seq.) scheint mir werthlos, bedeutend besser der Brınron’s
(„Anthropology as a Science and as a Branch of University
Education“ 1892), siehe mein „Anthropologie als Universiteitsvak“,
1892, De Nederlandsche Spectator,
?) ZıeGLER („Die Naturwissenschaft und .die socialdemokratische
Theorie“, 1894, S, 54) hat Recht, die Berufung
auf die alten Schriftsteller ohne Weiteres in diesen
Sachen zu verurtheilen.
5) Nach Heroport, bestätigt von Srrazo: es wird dies
auch für den schönsten Tod gehalten.
$ 3. Die Thatsachen. Festland von Asien.
Wenden wir uns jetzt zu den Völkern des mittelalterlichen
Asiens, welche wir leider auch nur aus
ılcht‘ ganz zuverlässigen Nachrichten kennen. So
weiss RusBrRuK von den Tibetanern') zu erzählen,
lass sie ihre Todten verzehren ?), und zwar die verstorbenen‘
Eltern zum ehrenvollen Begräbniss %), und
die Tartaren um die Stadt Cianda (Xandu) sollen
nach Marco Poio die zum Tode verdammten
Wissethäter verspeist haben 8).
Die Aino-Männer Japans fürchten „to make
a woman too angry, lest she should go to’ a grave,
axhume a corpse, cut off a piece of the flesh,. and,
after having put it in the pot and mixed it with
the stew, cause him unwittingly to eat it. This
ilthy praehice has, we are told by the Ainu, been
‚esorted to by angry women, though, happily not
often.“ Diese Angabe erhält tiefere Bedeutung, wenn
wir erfahren, dass wenigstens die Aino des Tokapsschi-Distrietes
auf Yeso „are said not only to have
nurdered people, but also to have eaten some of
;hem“ ; sie hiessen daher „eaters of their own kind“ 9).
Ks wird dies Alles wieder durch die Behauptung der
\ino Sachalin’s gestützt, dass sie selbst und die
benachbarten Gilyaken noch bis vor Kurzem Kanni-5alismus
getrieben haben; es sei Sitte gewesen, dass
der Vater sein verkrüppeltes Kind und der Mann
sein unfruchtbares Weib tödtete und verspeiste °).
Die Samojeden erzählen selbst (und von ihnen
auch die Ostjaken), dass sich früher die alten, zur
Arbeit nicht mehr tauglichen Eltern von ihren
Kindern unter verschiedenen Schamanengebräuchen
:ödten und verspeisen liessen, in der Erwartung,
dass sie es nach dem Tode besser haben würden 7).
y Val. „Anoune: „Die Anthropophagie“ (1887), S. 13, 14;
BerGeMans: „Die ‚Verbreitung der Anthropophagie“ (1893),
S. 7, 8; NaADaıLLac in Bull. Soc. d’Antrop. (1888). S. 836
2) Beraemann, 8. 14,
®) Bastian: „Controversen in der Ethnologie“, IV (1894),
S. 273; Sartorı: „Die Altentödtung“, Globus 95, I, S. 126
nach Wurrke; Poro by Yu_es, I, S. 292, 302.
4) BerGemann: 8, 14; Sarrtorn, 1. c., S, 127 nach Vive.
BELLOVACIUS,
5) BaATcHELOR: „The Ainu of Japan“ (1892), S.192, 193, 288.
6) Tu. Praxuss: „Die Begräbnissarten der Amerikaner und
Nordostasiaten“ (1894), S. 298 nach Jacossen. — Zur Zeit
der ersten Berührung mit den Japanern sollen sie Blut
getrunken haben. D. Macrırcne: „The Ainos“ (1892), S, 59.
") Przvss, 1. c., S. 218; Sarron, 1. c., S. 127, nach Ausland
LII, S. 742; Vos nach EıcnwaLD ebenso‘ („Die Verbreitung
der Anthropophagie auf dem asiatischen Festlande“).
Intern. Arch, f. Ethnoegr., II (1890), S. 71.