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Die noch bestehenden Primitivbauten wären also
Ueberbleibsel von Urformen. Dieses Interesses halber
will ich einige Hütten, sowohl solche, die als Sennhütten
nur im Sommer, als auch andere, die das
ganze Jahr dienen, darstellen. Ich habe dieselben
auf meinen letzten Wanderungen notirt. Nur zwei
derselben sind schon einmal publieirt. Da sie eigentlich
stillos sind, keinen besonderen Typus darstellen,
vielleicht weil ihre Form aus einer Zeit stammt, in
welcher eine Differenzirung der Bauform noch nicht
stattgefunden hat, weiss ich sie an keiner besseren
Stelle einzufügen, als in einer Abhandlung über die
Heizanlagen. In ihnen allen ist der Kochherd der
wichtigste Gegenstand. Bei jenen, welche blos im
Sommer gebraucht werden, fehlt natürlich jede Vorrichtung
zur Erwärmung irgend eines Raumes
Fig. 120 bringt die Ansicht, Fig. 121 den Grundriss
einer Sennhütte (Malga, Melkerei, Käsereıi) der
lessinischen Alpen. Ich habe ein ungenügendes Bild
einer solchen im „Globus“ 1894 veröffentlicht und
biete hier ein seither beschafftes besseres, Solche
undeutlich, enthalten sind; dann auf einzelne Bilder der
venezianischen Schule des XV. und XVI. Jahrhunderts. Die
öfters erwähnte Thatsache, dass in früheren Jahrhunderten,
z. B. einmal im XIV. Jahrhunderte in Böhmen, im Beginne
des XVII. Jahrhunderts in Frankreich u. s. w., ein erschreckend
grosser Theil des Landvolkes der ungewöhnlichen Winterkälte
zum Opfer fiel, lässt. die elende ehemalige Wohnweise erkennen.
Heutzutage ist die menschliche Wohnung bei uns
fast durchwegs genügend. Im deutschen Alpengebiete ist sie
vortrefflich: selbst die ärmlichste Behausung in ganz Mittelzuropa
gewährt, wenn auch nicht Comfort im Sinne verwöhnter
Städter, so ausgiebigen Schutz vor Kälte, Sturm
und Niederschlag, dass man heute von einer sehr hohen
Entwicklung des Wohnhauses und der Wirthschaftsräume in
ganz Mitteleuropa reden muss, Dass man hie und da in
ganzen Gegenden schlecht gehaltene, unreinliche Häuser
findet, ändert. an diesem anthropologischen, erfreulichen
Fortschritte nichts. Das liegt nicht am Haustypus, sondern
an den Hausbewohnern., Schlechte Wohnverhältnisse findet
man fast nur in den Grossstädten (Arbeiter-Massenquartiere)
und in den überfüllten Judenquartieren auch kleinerer
polnischer Orte, wo also, ähnlich wie in gewissen Theilen
Oberitaliens, durch Uebervölkerung eine gewisse Rückbildung
der Wohnweise eingetreten ist. (Gegenden, welchen der Unkundige
den Mangel jeder materiellen Cultur zuschreiben
möchte, wie die Slovakei, die nordöstlichen Karpathen-Ausläufer
der Bukowina, also das Gebiet der Huzulen und Ruthenen,
besonders aber das Land der Siebenbürger Szekler, haben
alle sehr gute, letztere sehr schöne ländliche Behausungen,
Die ansehnlichsten, schönsten, trautesten, typischen Bauernhäuser
— vielleicht der Welt —, Meisterstücke der Holz
baukunst und äusserst nett gehalten, stehen, durchaus nicht
vereinzelt, zwischen Wörgl. Kitzhühel. St. Johann in Tirol
and Saalfelden.
Tolz- und Strohhütten standen vor Kurzem in grosser
Zahl auf jenem merkwürdigen Tafellande, welches
mit einem überaus grossartigen Absturze, mit einer
wie von Riesenquadern aufgethürmten Mauer gegen
lie Etschfurche bei Ala abstürzt, welches dagegen
wie ein sanft geneigtes Pult gegen die Etschlinie
zwischen Parona und Caldiero abdacht. Die Valle
'redda nimmt auf jenem Höhensaume ihren Ursprung.
Wahrscheinlich ist heute schon die letzte dieser
alterthümlichen Hütten verschwunden. Die meisten
waren 1890 schon in Steinbauten desselben Grund-‚isses,
aber ganz verschiedenen Ansehens, verwandelt.
Diese sind a. a. Orte abgebildet.
Da die Lessinischen Alpen in Thaleinschnitten
and auch auf den sanft südwärts verlaufenden Rücken
lie „ecimbrischen“ (längst als bajuvarisch nachzewiesenen)
„Trediei Communi“ bergen, so sind sie,
abgesehen von den hohen Naturschönheiten, von der
Ternsicht auf Monte Baldo und Gardasee, auch volkskundlich
merkwürdig. Wir haben da eine Gegend,
welche auch einer solchen Hütte ein gewisses Inter-3sse
verleiht; einer Hütte, welche von den tirolischen
Solonisten im XII und XML Jahrhundert auf die
‚auhen Südstufen der Alpen bei Giazza, Campo
Jontana, Bolka Burga, Vezena, Lavarone, Luserna
ı. 8. w. mitgebracht worden sein mag. Die Leute,
welche auch weiter ostwärts Asıago, Foza, Roana,
Inego, Giacomo di Lusiana zuerst mit Sommerställen
und dann mit ständigen Wohnsitzen erfüllt haben,
1aben sichtlich und theilweise nachweisbar ihr deutsches
Blut, aber nur zum kleinsten Theile ihre Natio-1alität,
ihre Sprache bewahrt. In den Tredici Communil
spricht man nur mehr in wenigen Weilern bei
iazza einen stark verdorbenen bajuvarischen Dialeect.
Darum wohl habe ich auch keine deutschen volks-;hümlichen
Benennungen der Raumbestandtheile dieser
Malgahütte dort erfragen können. Der Italiener hat
yenig volksthümlichen Sinn. Besonders dem Fremden
zegenüber prunkt er mit grammatikalischem Schrifttalienisch,
soweit er dessen mächtig ist. Nur wenn
nan ihm begreiflich macht, dass man alte, bäue-:ische
Ausdrücke sammeln möchte, besinnt er sich
zuweilen, nennt sie lächelnd, oft falsch, und schämt
sich. Die Ober- und Mittelitaliener sind in 30 Jahren
an Tracht, Sitten, Lebensführung und Sprechweise
in unglaublicher Weise modern geworden.
Im Herdraum (Fig. 121) wird Käse gekocht und
dort schlafen auch die Leute. Jenseits des Corridors
ist der Raum, wo die Käsekuchen auf Brettstellen
trocknen. In der Mitte desselhen steht der Arbeits