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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 15=25.1895

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ausreichen. Trotz der unbegrenzten Diffusionsfähigkeii
dieser Phantasiegebilde wird die Möglichkeit einer selbst.
ständigen Entstehung sehr ähnlicher Formen an weit
getrennten Orten wohl nicht mehr abgewiesen werden
können. Auch die primitive Kunst zeigt, nach Grossg,
eine Einheit, welche in scharfem Gegensatze steht zu der
Verschiedenheit der Rassen, Die Forschungen auf dem
Gebiete der vergleichenden Rechtswissenschaft weisen
aber auch, um mit Posr zu sprechen, auf eine fast
unheimliche Uebereinstimmung der primitiven Rechtsformen
 bei den verschiedensten Völkern, Immer klarer
offenbart sich die innige Abhängigkeit aller Aeusserungen
 des Sociallebens von den jeweiligen Stufen des
religiösen Bewusstseins, deren Bedeutung für das Socialleben
 die sogenannten „positiven“ Philosonhen so völlig
verkannt haben.
Angesichts dieser durch die Beobachtung festgelegten
 Uebereinstimmungen können die zahllosen über
den Erdball zerstreuten ethnischen Differenzirungen
nicht auf specifische psychologische Rasseneigenthümlichkeiten
 zurückgeführt werden. Sie müssen als Entwicklungserscheinungen
 gelten, als Producte des Kampfes
um’s Dasein der Menschen untereinander, bei welchem
physische Verhältnisse der Wohnräume sehr kräftig
mitwirken. Jede höhere Entwicklung beginnt mit der
überaus schwierigen Organisation von Socialgruppen,
welche als Gattungsorganismen mit dem Anspruch auf
„Selbsterhaltung und Selbstentfaltung“ die Freiheit
ihrer Angehörigen wesentlich beschränken und auf
allen Culturstufen, am intensivsten auf den niederen,
das Individuum dem Ganzen anpassen. Auf der unendlichen
 Mannigfaltigkeit aller Anforderungen und
Hilfsmittel der Wettbewerbung im Inneren der Social
gruppen und nach aussen hin beruhen die ethnischen
Differenzen der einzelnen Völker. Andererseits muss
jedoch die Concurrenz der selbstständigen Volksgruppen
untereinander zu einer allmäligen gegenseitigen Anpassung
 aller Kampfesmittel führen. Auf allen Culturstufen
bestehen daher sehr deutlich ausgesprochene ethnische
Correlationen bei verschiedenartigen, jedoch durch die
geographischen Bedingungen in friedliche oder feindliche
 Berührung gebrachten Völkern. Das dadurch erzeugte
 annähernde Gleichgewicht innerhalb gewisser
geographischer Areale wird durch den siegreichen
Durchbruch von höheren Socialformen gestört, welchen
eine gesteigerte Kraftentwicklung entspricht. So besteht
das Menschengeschlecht aus einer grossen Anzahl von
Socialorganisationen, welche um ihre Existenz ringen;
die Concurrenzsphäre der einzelnen Gruppen wird durch
die Plastik unserer Erdoberfläche wesentlich beeinflusst.
wenn auch nicht ausschliesslich bestimmt. Dieser Wettkampf
 regt nicht blos alle Fähigkeiten des Menschen
an, er führt auch fortwährend zu neuen socialen
Keimen, zur Abänderung der bestehenden; viele derselben
 gehen zu Grunde, während wiederum neuere,
arsprünglich völlig gleichartige Formen unter allmäliger
 Ausbildung einer einheitlichen Autorität, eines
kräftigen Collectivbewusstseins und der Differenzirung
aller socialen Functionen zu kräftigen Staatenbildungen
weiter entwickelt werden. Was wir Cultur nennen

st eine Folgeerscheinung der innerhalb der Soeialrganismen
 erzielten Anpassungen.
Das ethnographische Material beweist, dass noch
1eute alle Stufen socialer Organisation auf der Erde
‚orhanden sind. Die Möglichkeit, durch deren Verzleichung
 den Anfangsstadien des Sociallebens und der
Jamit verbundenen Geistesthätigkeiten näher zu treten,
wirkt befruchtend auch auf die älteren Fachwissenschaften,
 Unverkennbar ist der wachsende Einfluss
»thnographischer Thatsachen auf die Beseitigung von
vissenschaftlichen Vorurtheilen, von Hypothesen, welche
Jen Weg zur sachgemässen Behandlung der Entwicklungsgeschichte
 des Menschen als Gesellschaftswesen versperrt
 hielten, Die einst hochgefeierten Leistungen von
[HOoMAS BuckKLE und Auguste ComtTE sind von der
heutigen Anthropologie weit überholt. Auf dem Boden
vergleichender Völkerpsychologie erwächst das allseits
;rsehnte Bindeglied, welches die durch die Speecial-‘orschung
 zerrissene Einheit der Weltanschauung wieder
erstellt. Möge das immer noch herrschende Vorurtheil
schwinden, dass die Experimentalpsychologie von der
Völkerpsychologie nichts zu lernen habe. Wenn der
vgerühmteste Vertreter der physiologischen Psychologie
noch heute an der allen ethnologischen Erfahrungen
lirect widersprechenden Ansicht festhält, der Materialismus
 sei die älteste philosophische Weltanschauung, so
eweist dies eindringlicher als irgend etwas Anderes
lie Nothwendigkeit einer gegenseitigen Annäherung der
beiden Richtungen. Aus diesem Gesichtspunkte heraus
st bekanntlich der Psychologe GEorgG Warrz zum
ınvergesslichen Bahnbrecher der heutigen Ethnologie
geworden, Das inductive Studium des collectiven Menschen
 bietet aber noch andere sehr actuelle Vortheile
lem modernen Gesellschaftsleben. Je ungestümer alle
/olksschichten unseres Staates einer freien Bethätigung
hrer Kräfte zustreben, je gröberer Missbrauch heutzutage
 mit fictiven Socialgesetzen agitatorischer Zwecke
willen getrieben wird, desto ernster und objectiver
nüssen andererseits die Grundbedingungen, das Werden
ınd Vergehen der Socialorganismen erörtert werden,
vofür die Ethnographie die erste unenthehrliche Grund-'age
 bietet.
Mögen Sie, hochverehrte Anwesende, aus diesen
Jüchtigen Andeutungen entnehmen, welch’ wichtiger
Zestandtheil unseres Geisteslebens die Naturgeschichte
les Menschen in verhältnissmässig kurzer Zeit geworden
 ist. Sollen die in die Anthropologie gesetzten
JToffnungen in Erfüllung gehen, so wird allerdings
uch bei uns auf die Epoche intensiver Sammel-‚hätigkeit
 jene der wissenschaftlichen Verwerthung des
Materials nach den verschiedenen Gesichtspunkten
'olgen müssen, eine Bedingung, welche mit der Ver-;retung
 der anthropologischen Disciplinen an den
Universitäten innig zusammenhängt. Dank dem verständnissvollen
 Eingreifen der Unterrichtsverwaltung
ınd des Professorencollegiums der Wiener Universität
ist die Lösung dieser für die Entwicklung der Anthropo-‚oogie
 brennenden Frage in sehr günstiger Weise vorgereitet,
 Möge es uns gegönnt sein, die drei Rich-‘ungen
 der Anthropologie recht hald feste Wurzeln in
            
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