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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 15=25.1895

— 196

xleich jenen aus Bronze nach Gräbern zu rubriciren,
Ich beschränke mich daher bei der Besprechung der
Gefässe auf ihre Würdigung nach Material, Formtypus
 und Ornämentik, Die mir von Herrn RAUusrR
übersandten keramischen Funde bestehen in 18 zum
Theile wohlerhaltenen Urnen, Näpfen, Töpfen und
Henkelbechern, sowie Bruchstücken von etwa acht
weiteren Gefässen verschiedener Grösse. Das Material
ist ein wenig geschlämmter, von Quarzkörnern und
Glimmerschüppchen durchsetzter Thon, dessen relative
Reinheit zu der Grösse des Gefässes gewöhnlich in
umgekehrtem Verhältnisse steht. Bei grösseren Gefässen,
 insbesondere an den beiden Urnen (Fig. 275
und 276), sowie bei dem Henkeltopf (Fig. 286) ist
die absichtliche Beimengung von Quarzsand in gewählter
 Korngrösse zu dem plastischen Thonmaterial
unverkennbar und als Mittel gegen das Verziehen beim
Brande begreiflich. Beimengung von Graphit ist bei
keinem Gefässe zu beobachten. Die Formung erfolgte
Jurchwegs aus freier Hand über ruhender Unterlage
and lässt auf spatelartige, stumpfe, geglättete Instrumente
 als Behelfe der formenden Hand schliessen.
Die Behandlung der Oberfläche schwankt zwischen
der natürlichen Rauheit des derben Thones, welche
manchmal (s. Fig. 275) durch Furchung mit der
Fingerspitze oder einem stumpfen Werkzeug veryrössert
 wurde, und der feinsten Glättung des vorher
 angeschmauchten Gefässes mit dem Polirstein
‘Fig. 290 und 291). Bei derberen Formen beschränkte
man sich meist darauf, die prominenten Quarzkörneır
durch eireulär oder schief geführte Spatelstriche in
den weichen Thon einzudrücken (s. Fig. 276, 278.
282 und 286): namentlich an dem unter Fig. 278
abgebildeten Napf sind solche circulär verlaufende
Striche deutlich erkennbar. Eine Anzahl zarterer
Gefässe ‚zeigt sorgfältig geglättete Oberfläche, welche
durch Verstreichen des neuerlich befeuchteten Thones
erreicht wurde {(s. Fig. 280, 281, 284, 285, 287—289
und 292). Mehrere dieser Gefässe sind unvollkommen
angeschmaucht und wurden nach dem Schmauchfeuer
 noch mit dem Glättstein überarbeitet (s. Fig. 280.
281 und 289). Im Allgemeinen lässt sich . beobachten,
dass der Innenfläche der Gefässe, was Glättung und
Wahl des Thones betrifft, grössere Sorgfalt zugewendel
wurde, ein Umstand, der die sogenannten Ceremonlalgefässe
 als wirkliche Gebrauchsgegenstände charakterisiren
 dürfte. So zeigt das Töpfchen von Henkelurnenform
 (Fig. 277) gegenüber der rauhen und vernachlässigten
 Aussenseite eine relativ glatte und aus
feinerem Thon bestehende Innenfläche, und selbst ar

Jen Urnen (Fig. 275 und 276) und dem Henkeltopf
Fig. 286) lässt sich dieselbe Beobachtung machen.
Das Brennen erfolgte bei mässiger Ziegelofenhitze
 in ziemlich ungleicher Weise. Die Farbe der
Gefässe schwankt zwischen einem dunklen Graubraun
und dem hellen Gelbroth unserer Ziegel. Eine Anzahl
anderer Stücke zeigt auf der ganzen Oberfläche oder
fleckenweise tiefschwarzen Glanz. Dass es sich hier
nur um einen Effect des Schmauchfeuers mit nachfolgender
 Politur handelt, lehrt das Verhalten vor der
Ixydationsflamme des Löthrohres, welche die bituninösen
 Substanzen in kurzer Zeit verzehrt und die
1atürliche Farbe des Thones hervortreten lässt. Dasselbe
 gilt von dem einen Napf (Fig. 279) und den
7ragmenten eines grösseren Gefässes, deren Scherbenjuerschnitt
 zwischen zwei hellroth gebrannten Bändern
ne tiefschwarze Innenschicht zeigt. Auch diese, das
Residuum eines nur oberflächlichen Oxydationsprosses,
verschwindet bei Behandlung nach der von SZOMBATHY *)
angegebenen Methode. Die kleineren Gefässe sind im
Allgemeinen besser und gleichmässiger gebrannt,
während die grösseren, namentlich die eine Ume
Fig. 275) ungleichmässige Brandflecke zeigen. Wirkich
 klingend gebrannt sind nur die beiden Henkeljecher
 (Fig. 287 und 288).
Bei der Classifieirung der keramischen Funde nach
Formtypen folge ich der von Hueer im XI. Bande
Jieser Mittheilungen *) aufgestellten Eintheilung; dies
ım so zwangloser, als die Borstendorfer Gefässe mit
jenen von Libochowan viele Achnlichkeit haben.
Die Dimensionen der Gefässe anlangend, mögen
T und B die Maxima der Höhe und Breite, h die
löhe der grössten Ausweitung über dem Boden,
b die Breite des Bodens, m die Weite der Mündung,
: und R endlich die beiden Durchmesser bei ellitischen
 Henkelbechern bedeuten. Die Dimensionen
sind in Centimetern angegeben. Von den Urnen der
25 Gräber konnte nur eine einzige vollständig (Fig. 276),
aine zweite annähernd reconstruirt (Fig. 275) und von
zwei anderen wenigstens so weit charakteristische
Fragmente erhalten werden, dass ihr Formtypus
arsichtlich ist. Alle vier Urnen gehören dem Typus
der Bauchurne an.
1. Urne, Fig. 275 (1/,), B= 335, h=12—145, b=13%5.
Schmaler Boden, leicht gerundeter, konischer Untertheil bis
zur grössten Ausbauchung, wo er sich mit scharf accentnirter

1) XV. Band dieser Mittheilungen: Bemerkungen über die
Technik prähistorischer Thongefässe (Sitzungsberichte, S. [45)).
%) S, 180. F. Hrcsn: Das Urnenfeld von Libochowan in
Böhmen.
            
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