— 1844 —
Köstler, Karl: Handbuch der Gebiets- und Ortekunde
des Königreiches Baiern. I. Abschnitt
Urgeschichte und Römerherrschaft bis zum Auftreten
der Bajoarier. 1. Theil. München, J. Lindauersche
Buchhandlung (Schöpping). 1895. XVI und
152 S. 4°
Das vorliegende, dem Praınzen LuDwic von BAı1ERN gewidmete
Werk ist nicht nur ein Muster fleissiger und übersichtlicher
Sammelarbeit, sondern gewährt auch durch den
Reichthum der Gesichtspunkte und die Fülle der Angaben
gewiss allen Forschern auf urgeschichtlichem und anthropo
logisch-ethnographischem Gebiete eine grosse Befriedigung.
In der „Gebietskunde“ ist der Verf. bemüht, alle zur Charakteristik
des Gebietes von Baiern und der dasselbe jeweilig
bewohnenden Völkerschaften dienenden geschichtlichen Thatsachen
in möglichst übersichtlicher und gedrängter, meisi
nur schlagwortartiger Darstellung zusammenzustellen, Für
die älteste „urgeschichtliche“ Periode handelt es sich dabei
selbstverständlich vorzugsweise um eine Uebersicht der
Fundorte der sogenannten Steinzeit; die zweite „keltische,
atruskische“ Periode, mit welcher der Verf. die sogenannte
Bronzezeit Baierns behandelt, gibt demselben schon Veranlassung,
über die Wohnstätten, die Waffen und Streit
wagen, über Wohneinrichtungen und Kampfweise, Befestizungen
und Strassenzüge, über culturelle Leistungen und
Leichenbestattung zu handeln; das Verbreitungsgebiet der
Fundstätten zerfällt schon in drei Culturabschnitte, von
denen die Bronzezeitfunde das grösste, die Hallstatt-Funde ein
geringeres, die Funde aus der La Tene-Zeit das kleinste
Gebiet einnehmen. Eine synchronistische Uebersicht über dic
wichtigsten Schicksale der einzelnen Kelten- und Germanenstämme
ergänzt diese Darstellung. Die dritte Periode „Römische
Zeit“ wird vorwiegend in synchronistischen Uebersichten darvestellt,
dabei die römischen Provinzen und die Gebiete der
freien Germanen unterschieden. Neben den Daten der äusseren
Geschichte finden hier auch alle wichtigeren Angaben über
die Truppen und Wohneinrichtungen, über Umwallung, Handel
und Wandel ihre Verwerthung. Ueberdies sind die Einrichtungen
des römischen Heerwesens und die Truppenstandorte
in Baiern in einer besonderen Beilage eingehend behandelt.
Die vierte Periode, „römisch-germanische Zeit“, ist, ausser in
siner synchronistischen Uebersicht der äusseren Geschichte
der Römer und der einzelnen deutschen Stämme, in sechs
Beilagen behandelt, welche sich mit dem germanischen Kriegswesen,
der Verfassungsgeschichte, den verwandten Völkerschaften,
den Römerorten, Römerstrassen, dem römischen
Grenzwall und den sonstigen Befestigungen beschäftigen.
Der hauptsächliche Werth dieses ganzen ersten Abschnittes
liegt in der übersichtlichen Anordnung und grossen
Vollständigkeit des gesammelten Materiales, wodurch auch
dem erfahrenen Forscher ein guter Dienst erwiesen, dem Anfänger
eine ausserordentliche Förderung zutheil wird; dem
gegenüber wird es nicht allzu stark in die Wagschale fallen,
dass der Verf. vielfach zu wenig kritisch gegenüber den vorhandenen
Geschichtswerken vorgegangen ist; seine Aufgabe
war von vorneherein auf die Compilation, nicht auf selbstständige
Forschung gerichtet: zur Orientirung in der Masse
17.
Jer einschlägigen Daten ist es jedenfalls nützlich, auch auf
die weniger gestützten Hypothesen aufmerksam gemacht zu
werden.
Der zweite Hauptabschnitt des Werkes, die „Ortskunde“,
‘st in dem vorliegenden Bande nur für Ober- und Nieder-%aiern
durchgeführt, aber mit musterhafter Präcision und
ausserordentlich praktischer Behandlung. Für jeden der
;eiden Kreise sind die in den vier behandelten Perioden
ırkundlich genannten oder durch Funde etc. charakterisirten
Irte alphabetisch aufgezählt und bei jedem alle geschichtlich
semerkenswerthen Daten verzeichnet, z. B. Mergenthau W. m.
Schl. (Friedberg G. Bisting) Rät. I. Unterird. Gang „Wichtelenoch“;
IIe. 10 Grabh. zw. Paar und Loch östl. der Strasse;
1l. Wartthurm, Burgstall; Strasse a. Walde; muthmass,
ätrasse n. Merching. Münzen. 18 Grabhügel in Burgholzen
ınd beim Orte mit Eisenf.,, Thongef. und Bronzeschm,;
Y. Germ. Grabh. Ein topographisch-historisches Repertorium,
vie das vorliegende, wäre auch für die übrigen Theile Deutsch-‘ands
(und auch für ganz Oesterreich) ein nicht hoch genug
zu schätzender Behelf. Aber freilich ist auch die locale
Geschichtsforschung in Althaiern ganz ungewöhnlich gut geoflegt!
Möge es dem Verf, beschieden sein, seine nützliche
Arbeit recht bald zu beenden. v. J.
18.
Richly, Heinrich: Die Bronzezeit in Böhmen.
Wien 1894, 4°. 214 Spalten, 55 Tafeln und 1 Karte.
Grosse Publicationen, mittelst welcher ein Privatmann
lie Früchte seiner Fachstudien dem gelehrten Publicum voregt,
gehören in der Literatur einer jeden Wissenschaft zu
Jen sympathischesten Erscheinungen, denn sie zeugen von
schter Begeisterung für das Fach und lassen von vorneherein
;ine sorgfältige Specialisirung des Autors — diese erste Bürgıchaft
einer gediegenen Arbeit — erwarten, Speciell in der
>rähistorie, die noch so sehr auf die Mitarbeiterschaft der
"reiwilligencorps angewiesen ist, kann ein Werk von der Art
les vorliegenden auf eine ganz besonders freundliche Aufı\ahme
rechnen. Herr Rıcn.y hat bereits im Jahre 1889 durch
‚eine beim Anthropologen-Congresse in Wien ausgestellten
‘pecialfundkarten des Königreiches Böhmen seinen Ruf als
usgezeichneter Kenner des böhmischen Fundgebietes be-‚ründet,
und diesen Ruf bewährt er nun. Nur einem seit
rielen Jahren in der einschlägigen Literatur und in allen
zrossen und kleinen Sammlungen seines Landes vollkommen
jewanderten Gelehrten war es möglich, ein so umfassendes
3ild dessen, was man von der reich entwickelten Bronzezeit-;tufe
Böhmens heute kennt, zu entwerfen und in diesem Bilde
zo viel neues, bisher unpublicirtes Material zu verwerthen,
Naneben ist RıcuLy in der angenehmen Lage, sich die deutschen
Fachgenossen zu ganz besonderem Danke zu verpflichten,
la er ausser den bisher unveröffentlichten auch die grosse
Zeihe der in böhmischer Sprache publicirten und daher noch
‚mmer halb versteckt gewesenen Bronzefunde Böhmens zum
ırsten Male in guter Weise zugänglich macht,
Rıcm.y scheidet sein reiches Material in die zwei Hauptyruppen
der Depötfunde und der Gräberfunde, Den ersteren
ist der Löwenantheil (164 Seiten und 47 Tafeln), den letzteren
ein relativ geringer Raum (27 Seiten und 8 Tafeln) gewidmet.
Apindliche Anszüge aus den Originalnachrichten und meist