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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 15=25.1895

Ueber einen
angeschossenen Menschenknochen aus dem Gräberfelde von
Watsch in Krain.
Von Dr. Max Bartels (Berlin).

(Mit 3 Text-Ilustrationen )

Die Ausgrabungen der letzten Jahrzehnte auf
prähistorischen Fundstellen haben ein reiches Material
an Schutz- und Trutzwaffen einerseits und an menschlichen
 Skeletresten andererseits zu Tage gefördert.
An Kampf und Streit kann es in den damaligen
Zeiten nicht gefehlt haben. Umsomehr muss es daher
überraschen, wie äusserst selten an den bisher auf
gefundenen Knochen die Spuren dieser Kämpfe nachweisbar
 sind. Allerdings ist ein nicht geringer Theil
der Knochen in dieser Beziehung unkenntlich gemacht
durch die Leichenverbrennung. Aber es bleibt doch
noch eine hinreichende Zahl von Bestattungsplätzen
übrig, auf denen die Todten unverbrannt beigesetzt
wurden, um den Mangel an Spuren von Knochenverletzungen
 als beachtenswerth erscheinen zu lassen,
Die kriegschirurgischen Verletzungen, um welche
es sich in diesen Kämpfen gehandelt haben kann,
müssen Axt-, Keulen- und Schwerthiebe, Schwert-,
Dolch- und Lanzenstiche, sowie Pfeilschüsse gewesen
sein. Ein grosser Theil derselben hat ohne Zweifel
ausschliesslich die Weichtheile des Körpers betroffen,
so dass wir an den uns erhaltenen Knochen selbstverständlich
 keine Fingerzeige für die Todesursachen
entdecken können. Gerade die Wunden von Dolch
und Lanze werden höchst selten die Skelettheile
betroffen haben und auch die Mehrzahl der Schwerthiebe
 und Pfeilschüsse schliessen sich diesen Verletzungen
 an. Es ist aber nicht recht zu verstehen.
warum doch nicht häufiger die Spitze des Pfeiles
in irgend einen Knochen eingedrungen ist. War
vielleicht die Schnellkraft der Bogensehnen im Allgemeinen
 nicht stark genug, um dem Pfeile die
nöthige Geschwindigkeit und Flugkraft zu geben,
dass er den Widerstand der Knochenrinde zu überwinden
 vermochte? Wahrscheinlich ist in der Mehrzahl
 der Fälle die Kraft des Pfeiles gebrochen worden,
wenn er gegen den Knochen anprallte, und so wurde
er von seiner Flugbahn abgelenkt und blieb dann
in den Weichtheilen stecken. Mehrfach haben sich
ja auch bronzene Pfeilspitzen gefunden, welche an
Mittheilungen d. Anthrop. Gesellsch. in Wien. BA. XXV 18095

ihrer Spitze verbogen sind. Das ist wohl ein uncrügliches
 Zeichen, dass sie gegen einen festen Gegenstand
 angeprallt waren, ohne in denselben eindringen
zu können, Ob das nun freilich immer ein Knochen
war, das kann heute nicht mehr festgestellt werden.
Es liegen aber doch vereinzelte Beweise vor, dass
auch. in prähistorischen Zeiten ein Pfeilschuss den
Knochen zu durchbohren vermochte. Und da drängt
sich uns wieder die Frage auf, wie es gekommen
;st, dass hier gelang, was in so vielen anderen
Tällen nicht möglich erschien. Die Gründe hiefür
xönnen wir uns verschieden vorstellen. Am nächstliegenden
 ist es wohl, anzunehmen, dass da, wo wir
3zıne Pfeilschussverletzung am Knochen finden, der
Schuss aus nächster Nähe abgegeben wurde, vielleicht
also im Handgemenge vom Pferde herab, oder auch
yus einem Hinterhalte. Aber es könnte auch der
Schütze ein besonders starker Recke gewesen sein,
ler einen Bogen zu handhaben vermochte von ganz
‚esonders gewaltiger Schwungkraft der Sehne, Es
‘allt uns dabei der Bogen des Odysseus ein, den
lie Freier nicht schussbereit machen konnten. Unserer
Phantasie ist hier ein weiter Spielraum offen gelassen.
Derartige Knochenverletzungen bieten ausser dem
xulturgeschichtlichen auch ein grosses kriegschirurgisches
 Interesse dar und sie verdienen unsere volle
3Zeachtung. Das k. k. naturhistorische Hofmuseum
n Wien besitzt ein Knochenstück, welches der
ıns hier interessirenden Gruppe angehört. Herr Custos
|. SzomsBAaTHy hatte die Güte, mir nicht allein die
zenaue Besichtigung und die photographische Aufnahme
 desselben zu gestatten, sondern auch die Veräffentlichung
 zu überlassen. Ich spreche ihm auch hier
meinen besten Dank aus,
Der Knochen (Fig. 268) fand sich mit allerlei
Bronzebeigaben als einziger menschlicher Ueberrest
in einem Flachgrabe des grossen Gräberfeldes von
Watsch in Krain, das im Jahre 1882 im Auftrage
der prähistorischen Commission der kais. Akademie
Jer Wissenschaften von Herrn F. Prervuzzt in Krain
            
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