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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 15=25.1895

— 164

mit Hilfe der allseitig nivellirenden Civilisation dahin,
dass er wenigstens durch vielleicht oft theuer erkaufte
Zündhölzchen, auf die er allenfalls noch einige
Glasperlen befestigt, seine Eitelkeit zu befriedigen
sucht.
In Indien, wo seit jeher der Hang zur prunkhaften
Prachtentfaltung sich einbürgerte und das Schmücken
und Verzieren der Bevölkerung zur zweiten Natur
geworden ist, pflegen sich sowohl die Frauen als auch
die Männer fast an allen Körpertheilen nicht nur zu
schmücken, sondern mit Schmuck förmlich zu überladen.
 Auch Tätowirungen werden vorgenommen,
allerdings nicht in jener auffallenden Weise, wie in
Oceanien. Selbst die Aermsten unterlassen es nicht,
ihren letzten Sparpfennig auf Schmucksachen zu
verwenden. Die Nase wird hiebei natürlich auch nicht
vergessen, was besonders eine schwache Seite des
weiblichen Geschlechtes ist. Dafür kann man Jedoch
zum Lobe des Geschmackes der Indier hervorheben,
dass die Nase, trotz des mitunter bedeutenden Umfanges
des Nasenschmuckes, weniger Verunstaltungen erleidet
und dass hier weder die entstellenden Nasenstäbe der
Papuas, noch die in Afrika und Amerika gebräuchlichen
sogenannten Lippenpflöcke (Fig. 260) bekannt sind. Die
Nasenverzierungen sind hier in Folge ihres materiellen
und mitunter künstlerischen Werthes nicht mehr als
blosse Nasenzierathen zu betrachten, sondern sie stehen
viel höher und werden eben zu einem oft sehr theueren
Nasenschmuck. Die in Indien herrschende höhere
Cultur und ruhmvolle Vergangenheit vermag durch
Vermittlung der hochentwickelten Kunstindustrie hervorragende
 Arbeiten eines unermüdlichen Erfindungsgeistes
 und emsigen Kunstfleisses hervorzubringen und
auf diese Weise ist es erklärlich, wieso hier der Nasenschmuck
 gegen die bisher besprochenen Nasenzierathen
eine feinere und mitunter sogar künstlerische Form
erlangt.
Man sieht in Indien zierlich gearbeitete Metallringe,
 Filigranarbeiten mit Edelsteinen, Perlen oder
verschiedenartigen Anhängseln, welche am Nasensteg
oder Nasenflügel angebracht werden; oft erreichen die
Ringe einen solchen Umfang, dass sie mittelst Schnüren
an den Ohren festgehalten und an die Wangen festgedrückt
 werden müssen. Ferner findet man einfache
oder kunstvoll gearbeitete Boutons (Fig. 254c—9)
(Nasenknöpfe) in Form eines mit Edelsteinen oder
Glasimitation ausgelegten Sternes, Kreises, Halbmondes.
Druidenfusses, Rosette oder eines sonstigen Motives,
wie sie eben der jeweilig herrschende Geschmack ver
langt. Sie werden fast ohne Ausnahme in den Nasenlügeln

 befestigt, und zwar pflegt man sie entweder auf-‚uhängen
 oder anzuschrauben; häufig wird der linke
Vasenflügel bevorzugt. Im Norden herrschen mehr die
Knöpfe, im Süden die Ringe vor. Ausserdem hängt
man mittelst kleiner Halbringe thränenförmige Perlen
Fig. 254 d) oder Edelsteintropfen an den Nasensteg,
nitunter auch an die Nasenläppchen mittelst kleiner
Täkchen (Fig. 254. f); schliesslich ist der mitunter sehr
zomplicirte Nasenschmuck mit den verschiedenartigsten
\nhängseln, Glöckchen ete. zu erwähnen (Fig. 254%).
Als Material werden Metalle, Perlen, Edelsteine,
Korallen, Elfenbein und Glas verwendet; von Muscheln,
welche ziemlich selten verwendet werden, findet man
ım ehesten noch Kaurimuscheln. Im Süden von Indien
sind nach Fıscugr !°) gelbe Metalle vorherrschend, reines
der vergoldetes Messing, Kupfer, seltener Gold; im
Nordwesten dagegen weisse Metalle: Silber, Zink, Zinn,
Blei, Eisen. Mitunter sind auch die Steine für eine
vestimmte Gegend charakteristisch; so gebraucht man
in Madras mit Vorliebe grüne Steine, ın Dscheypor
Granaten, in den Himalayadistrieten den Türkis. Auf
anserer Fig. 255 trägt das Hindumädchen aus Lahore
ıusser dem übrigen massenhaft angelegten Schmuck
äänen grossen Nasenring im linken und einen Nasenknopf
 im rechten Nasenflügel.
Das in Indien herrschende Kastenwesen bringt
as mit sich, dass der Nasenschmuck auch je nach
ler Kaste verschieden ist, ebenso in den einzelnen
‚andschaften. So tragen z. B. die Brahmaninnen der
>arsukaste grosse dünne, mit Perlen besetzte Metallinge
 (Fig. 256 a); in Radschputana beobachtet man
ımfangreiche, bis unter den Mund reichende, mit
Adelsteinen verzierte Ringe, aber auch Boutons
‚Fig. 2560); bei dem Stamme der Bhils dagegen
xleine Ringe oder Knöpfe am Nasenflügel.
MugHaArJ1?%), welcher den indischen Nasenschmuck
als eine Modesache der neuesten Zeit auffasst, „da
hievon in alten Büchern nichts erwähnt wird“, beschreibt
 für Bengalen, wo die Mode übrigens schon
im Aufhören begriffen sein soll, folgende Arten von
Nasenschmuck: „Natlı“, ein grosser im linken Nasenlügel
 getragener Goldring mit Perlen und Edelsteinen;
‚Mäkri“, ein kleiner, dünner Ring, welcher entweder
m linken Nasenflügel oder im Nasensteg befestigt
wird (Fig. 254e); kleine Goldringe dagegen, welche
nit einer ovalen röthlichen Perle versehen und für
len Nasensteg bestimmt sind, werden von jungen
Mädchen unter dem Namen „Nolok“ sehr gerne ge-;ragen.
 Als „Näkchhäbi“ bezeichnet man Boutons,
lie im linken Nasenflügel angebracht werden. und als
            
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