— 115 —
Wie so vielfach, wird auch hier, so denke ich wenigstens,
das Leben des Volkes in Bezug auf die Moral
durch die Lebensweise im Allgemeinen und insbesondere
durch die Nahrung beeinflusst. Der deutsche Bauer
des Eisenburger Comitates ist Ackerbauer und Viehzüchter,
der des Oedenburger Comitates Ackerbauer
und Weinbauer. Der Erstere lebt fast ausschliesslich
von dem ausreichenden Erträgniss seiner Landwirthschaft,
von Pflanzenkost also, der Andere ist genöthigt,
sich auch mehr mit Fleisch zu nähren. Und während
der Eine Wein nur an hohen Festtagen auf seinem
Tische sieht, trinkt ihn der Andere täglich und oft
nicht gerade in geringer Menge. Die üppigere Nahrung
hat auch ein üppigeres Leben zur Folge. So ist
der Deutsche‘ im Oedenburger Comitate, so weit eı
Weinbauer ist, um ein Erhebliches lebenslustiger,
heiterer, mittheilsamer, geselliger, aber auch derber und
sinnlicher, also weniger züchtig und keusch
als sein Nachbar im Eisenburger Comitate. Der höhere
Grad von Sinnlichkeit und der grössere Mangel an
Keuschheit zeigt sich nun vor Allem in der grösseren
Zahl von unehelichen Kindern. Zur Illustrirung des
Gesagten diene folgende Zusammenstellung über die
Geburten im Jahre 1893 in den drei Gemeinden des
Eisenburger Comitates: Unterschützen, Bernstein
und Oberschützen und den drei Gemeinden aus der
Gegend Oedenburgs : Wandorf, Agendorf und Wolfs 1)
R l
Eheliche Uneheliche
Kinder Kinder
Procentsatz der
Unehelichen
Unterschützen
Bernstein . .
Oberschützen .
Wandorf . .
Agendorf . .
Wolfs . . .“
70
"8 2
23 2
‘8 6
‘46 8
321 6
00%
3°33%/0
8 0%
11°11°%
14'819
16°210/4
Wie aus der Zusammenstellung hervorgeht, ist
der Procentsatz der Unehelichen besonders auch in
Agendorf ein grosser. Ich liess mir über den Grund
dazu von einem Kenner der dortigen Verhältnisse
Folgendes berichten :
Schon im Alter von 16 Jahren wird der angehende
Jüngling in die „Bursch“, in die Körperschaft
der Burschen des Dorfes aufgenommen. Da es
ein schlechter Bursche ist, der keine „Liabsti“ hat.
1) Die Daten stammen aus den protestantischen Gemeinden
der betreffenden Orte. Ob sich der Procentsatz der unehelichen
Kinder der katholischen Gemeinden in denselben Orten
wesentlich anders stellt. vermochte ich nicht festzustellen.
30 sieht sich jeder Neuaufgenommene alsbald um
ine Auserwählte um. Das Liebesleben beginnt hier
also schon in den Knabenjahren. Ehrend muss nun
hervorgehoben werden, dass diese erste Liebe in den
meisten Fällen zur Ehe führt. Bis dorthin ist’s aber
noch weit, und die schärfste Klippe, an der das junge
Liebesglück in Brüche gehen kann, sind die Militär-‚ahre
des Jünglings. Es soll nun keine Ausnahme,
sondern die Regel bilden, dass der junge Mann, bevor
er des Königs Rock anzieht, sich selbst zum
Vater und sein Mädchen zur Mutter macht, um sich
Jlesselben für die Zeit seiner Abwesenheit zu verichern.
Der unsittlichen Handlung liegt hier somit
»ın sittlicher Zweck zu Grunde, Die Thatsache ist
“ir das moralische Leben des Volkes um so bezeichnender,
als sich der junge Mann für gebunden
‘ühlt. Er führt seine Erkorene dann heim, wenn
nit den Verhältnissen die Zeit dazu gekommen ist.
Fälle von Untreue zwischen Liebenden sollen besonders
dann, wenn einmal ein Zeuge ihrer Liebe lebt, kaum
vorkommen.
Der hohe Werth der sittlichen Unschuld eines
Mädchens ist dabei in den Dörfern um Oedenburg
‘reilich stark gesunken; in der Heanzerei dagegen
zilt ein gefallenes Mädchen als ein Unglück für die
ganze Familie.
E. Ueber das Leben im heanzischen Bauernhause.,
Ich komme nun, so weit ich darin Einblick genommen
habe, auf das Leben im Hause zu sprechen.
Obwohl ich annehmen kann, dass dasselbe sich in
der Gegend von Oedenburg nicht wesentlich von dem
in der Heanzerei unterscheidet, so erwähne ich gleich
im Voraus, dass ich hier ausschliesslich von heanzischen
Verhältnissen, und zwar vom Leben im Bauernhause
Oberschützens, spreche, über das mir mein
Dienstmädchen Sandı getreue Aufschlüsse gegeben hat,
Die beiden treibenden Kräfte im Leben des Bauernhauses
sind die Arbeit und das Essen. „Wea‘ &iss’n
wüll, muiss a äa wat’n“ und „tea wäs uantlı aa wat’n
sull, muiss z’ea’scht a ua ntli‘ &iss’n.“ Um das Arbeiten
ınd das Essen dreht sich Alles. Was also mit der
\rbeit und dem Essen zusammenhängt, wird vor
Allem zu schildern meine Aufgabe sein.
So herrliche. Verhältnisse, wie sie sich anderwärts
finden, dass. der Grossbauer sich im Sommer auf der
Kegelbahn und im Winter beim KEisschiessen verznügen
kann, während sich sein Gesinde im Sonnenbrand
oder im Winterfrost plagt, sind für den Heanzen
zanm ım Traume vorhanden.