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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 14=24.1894

—_ [211] —

Die grosse Anzahl der Tumuli regte einige Theil
aehmer an der Conferenz zu verschiedenen Erklärungsversuchen
 an. Es wurde bezweifelt, dass sich diese
Menge aus normalen Verhältnissen heraus erklären lasse,
MonTELIius suchte die Spuren alter Eisenbergbaue und
erwog, ob man durch sie die Dichtigkeit und Wohlhabenheit
 der Bevölkerung (ähnlich wie durch die
Salzgewinnung in Hallstatt) erklären könnte. REINACH
vertrat die Ansicht, dass wir es nicht blos mit den
Gräbern der auf dem Glasinace ansässigen Bevölkerung,
 sondern auch mit den vereinigten Ruhestätten
der gesammten Umwohnerschaft des grossen Bergbezirkes
 zu thun haben. Diese Idee ist früher!) von
Hozmrnes ausgesprochen, aber nicht aufrecht erhalten
worden, Auch die Frage, ob man einen lebhaften
Handelsbetrieb als die Grundlage von Wohlstand und
Volkszahl annehmen könne, wurde erörtert. Und da
bin ich mit MonTtEeLius der Meinung, dass der Glasinac
im Alterthume nicht so wie später, zur Blüthezeit deı
Ragusäischen Republik, einen Strassenknotenpunkt gebildet
 und aus dem Handel Reichthümer gezogen habe;
das würden die Funde in besonderer Weise verrathen,
und diese deuten doch im Gegentheile auf die grösste
Abgeschiedenheit hin. FraLA und Horrnes haben nun —
und, wie ich glaube, mit Recht — geltend gemacht,
dass die Zahl der Tumuli überhaupt nichts Befremdliches
 an sich habe, da sie sich aus dem für ihre Errichtung
 in Betracht kommenden langen Zeitraume von
ungefähr einem Jahrtausend und einer mässigen, selbst
ein wenig hinter der heutigen Ziffer zurückbluibenden
Bevölkerungszahl ungezwungen ergebe, ferner dass auch
die Eigenschaft des Bezirkes als gutes Weideland einem
gewissen Wohlstande der Bevölkerung günstig war.
Uebrigens möchte ich auch sagen, dass der Reichthum
der Gräber des Glasinac durchaus nicht so bedeutend
ist. Man hat bisher bei der Wahl der zur Ausgrabung
kommenden Tumuli die ansehnlicheren bevorzugt und
doch aus 3000 Gräbern eine Ausbeute erzielt, welche
zwar an und für sich grossartig ist, aber beispielsweise
 sowohl an Zahl wie an Reichthum der Fundstücke
 weit hinter der Collection, welche das Hofmuseum
 aus circa 1000 Gräbern vom Salzberge bei
Hallstatt besitzt, zurücksteht. Wenn man einmal zur
Vervollständigung der Statistik auf dem Glasinac auch
alle kleinen, nichtsversprechenden Tumuli, denen man
jetzt selbstverständlich so viel als möglich aus dem
Wege geht, eröffnen würde, müsste man eine grosse
Schaar sehr armer Gräber zu zählen bekommen und
würde sicherlich sehen, dass die 20.000 Tumuli nicht
blos die vermögenden Mitglieder der Bevölkerung,
sondern auch die armen aufgenommen haben. Das
Hervorstechende am Glasinac ist nicht, dass dort so
viele Tumuli errichtet wurden, sondern dass sie alle
bis heute erhalten blieben, Das Verdienst hiefür gebührt
 dem Charakter des Landstriches als Wald- und
Weideland, Ich bin überzeugt, dass in solcher Dichtigkeit
 einst die Grabkegel über den grössten Theil von

N ‘), Annalen des k. k, naturhist. Hofmuseums. VI. 1891

Europa ausgestreut waren, wie man es ja heute noch
n manchen Landstrichen Russlands und Sibiriens anrifft,
 und dass sie an den meisten Orten dem Pfluge
vollständig zum Opfer gefallen sind. Diese Unverletzt-2eit
 der Erddecke macht den Glasinae zum Eldorado
°ür den Ausgräber. Sein Boden hat Alles, was die verlossenen
 Jahrtausende in ihn versenkten, unvermindert
»ewahrt und von ihm kann man Alles, was zur Vorseschichte
 dieser Landschaft gehört, sei es nun jin
\ufschüttungen oder im ebenen Boden verborgen, nach
ınd nach herauszubekommen hoffen. Von dieser Hoffaung
 ist auch die Resolution getragen, welche der
Songress nach einem Antrage HAmMmPEL’S annahm. Sie
‚autet:
1. „Die Conferenz findet, dass die Ausgrabungen,
wie sie zur Zeit auf dem Glasinac vorgenommen werden,
allen wissenschaftlichen Anforderungen entsprechen und
lie Leitung derselben die vollste Anerkennung verdient.

2. Die Conferenz findet, dass das bereits auf der
Glasinacer Nekropole zu Tage gebrachte wissenschaftliche
 Material von hoher Wichtigkeit ist, dass zu erwarten
 steht, dass die übrigen 19.000 Gräber noch
jäine grosse Menge von wichtigem archäologischen Materiale
 enthalten, daher es als höchst wünschenswerth
bezeichnet werden muss, dass die Ausgrabungen auch
’ernerhin mit grosser Energie fortgesetzt werden,“
Bezüglich der früheren Bewohner des Glasinac
machte GLücK die Mittheilung, dass er durch die Ausyrabungen
 bis jetzt 40 prähistorische und 11 mittelalterliche
 Schädel vom Glasinac erhalten habe. Von
den prähistorischen Schädeln, welche nach Allem, was
wir wissen, der illyrischen Bevölkerung zuzuschreiben
sind, wurden 76°, als dolichoid (dolichocephal und
mesocephal) und 24°/, als brachycephal erkannt. Wir
naben also da bezüglich des Längen-Breiten-Index
ähnliche Verhältnisse wie bei den Schädeln von Hallstatt
 und Watsch. Auf diese Analogien wies auch
VeErNrAU hin, Vıircnow trat der Frage nach dem Zuzammenhange
 dieser Schädel mit jenen der Albanesen,
welches Volk ja als die reinen Nachkommen der Iilyrier
angesehen wird, näher, Es ergab sich ihm zunächst
nur die für die albanesischen Schädel charakteristische
besondere Grösse des Schädelraumes als Vergleichsyunkt.
 Er legte auf das häufigere Vorkommen dieser
Kephalonen Gewicht, verzichtete aber angesichts der
ınzureichenden Menge des Vergleichsmateriales auf ein
weiteres Eingehen in die Frage.
 WzıssaAcH führte einen Vergleich des Längen-Breiten-[ndex
 der prähistorischen Schädel mit dem Kopfindex
Jer heute lebenden Landesbewohner durch, Es besteht
Ja ein überaus greller Gegensatz, Den 24°/, Brachyzephalen
 vom Glasinac stehen 93°/, Brachycephale unter
Jen heutigen Bosniern und 94°, Brachycephale unter
Jen Hercegovinern gegenüber und auch die Albanesen
gestehen der Mehrzahl nach aus Brachycephalen, Mit
Jiesem Vergleiche ist einstweilen, so lange die heutige
Methode in der Kraniologie gilt, die physische Verwandtschaft
 der alten Bevölkerung mit der jetzt lebenden
verneint.
            
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