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dass wir in Tirol eine ziemlich grosse Zahl figürlich
dekorirter Bronzegefässe besitzen, die unmittelbar verwandt
sind mit denen aus den südostalpinen Gebieten
und aus Este. In neuerer Zeit pflegt man die ganze
hier in Betracht kommende Kultur einem bestimmten
Volke zuzuschreiben, nämlich den Illyrern. Vieles von
diesen Bronzegeräthen ist, wie sich aus der eigenartig
provinziellen Differenzirung des Styles ergibt, im Lande
selbst fabrizirt, und insoferne sind dieselben auch für
die Paläoethnologie von Tirol von grosser Bedeutung
Es kommt dann noch eine andere KulturbeeinfAussung
in Betracht, die der La T&ne-Kultur. Es spricht
Manches dafür, dass diese nicht direkt von Westen,
sondern eher von Südwesten in das Land eingedrungen
ist. Zwischen den urgeschichtlichen Verhältnissen der
Schweiz und Tirols besteht ein ziemlich grosser Abstand.
Andererseits lässt sich konstatiren, dass die
Funde in Nordtirol und die im nördlichen Vorlande
in sehr intimen Beziehungen zu einander stehen, wie
z. B. die schöne Arbeit von Dr. Naue über die Bronzezeit
in Bayern genügend dargethan hat.
Die Entwickelung der Kultur in Tirol ist ganz
entschieden sehr massgebend beeinflusst worden durch
die geographischen Verhältnisse, insbesondere durch
die Position des Landes. Tirol nimmt und nahm
immer eine eigenthümliche Mittelstellung ein. Von
der apenninischen Halbinsel geht die Passage nach
den nordeuropäischen Gebieten mitten durch Tirol und
zwar längs einer von der Natur gegebenen Linie. Es
führt hier ein nahezu meridional verlaufendes Doppelthal
über den Hauptkamm der Alpen: das Etsch- und
Eisakthal einer- und das Sillthal andererseits. Das
ist eine Verkehrslinie, welche schon in den ältesten
Zeiten frequentirt worden ist. Von Osten her ist das
Land noch leichter und bequemer zugänglich durch
die nach zwei Seiten abwässernde Rinne des Puster
thales. Und in der That haben diese beiden Linien,
welche im Herzen des Landes zusammentreffen, den
Verkehr in früher Zeit schon rege gemacht und sind
auf ihnen die mannigfachsten Kulturkeime hereingekommen.
Wenn wir das im Auge behalten, so darf
es uns nicht wundern, dass die Beeinflussung vom
Norden, Süden und Osten her eine sehr intensive gewesen
ist.
Es sind dann noch gewisse Eigenthümlichkeiten des
Landes und seiner Bevölkerung für die Entwickelung
dieser von Aussen überkommenen Kulturkeime massgebend
geworden. Noch heute ist ein Charakterzug des
Alpenbewohners und speziell des Tirolers der Konservatismus,
und diese Eigenthümlichkeit geht ganz entschieden
bis in die urgeschichtliche Zeit zurück. Wir können
in der frühesten Zeit schon die Neigung beobachten, am
Alten, einmal Gegebenen festzuhalten, die alten Typen
zu bewahren, auch noch zu einer Zeit, wo sie anderswo
länest als unmodern abgelegt worden waren. Es sind
‚wei verschiedene Tendenzen, die sich bei uns kreuzen:
änerseits die günstige Verkehrslage, die ein dränzendes,
treibendes Motiv repräsentirt, anderseits dieses
‚ähe Festhalten an dem, was einmal war und hergezommen
ist. Daraus resultiren allerlei eigenthümliche
Arscheinungen. Dem drängenden Elemente sind die
zerschiedenartigen fremden Kulturkeime zuzuschreiben,
lie wir nebeneinander im Lande finden. Anderseits bezegnen
wir vielfach veralteten Formen, die uns in
liesen Lagen und Positionen förmlich überraschen. In
>fatten bei Bozen z. B. sind Gräber aufgedeckt wor-Jen
mit exquisitem Hallstatt-Inventar von oberitaischem
Charakter, und daneben haben sich ausgeiprochene
Terramaren-Typen erhalten, In den Gräber-’eldern
des Innthales begegnet uns ein Material, das
ler ausbeutende Urgeschichtsforscher unbedingt für die
reine Bronzezeit in Anspruch nehmen würde, Es gibt
ıber eine ganze Reihe von Momenten, welche beweisen,
Jass diese Funde durchaus nicht so alt sind, als sie
scheinen. Wir treffen da neben bronzezeitlichen Typen
auch solche, welche unbedingt der jüngeren Hallstattoeriode
angehören. Besonders bezeichnend ist weiter
lie Zähigkeit, mit welcher in ganz Tirol die La T&ne-Tormen
festgehalten sind. Wir treffen Fibeln aus der
‘päteren römischen Kaiserzeit, welche ein weniger geibtes
Auge für La Tene-Fibeln halten würde. Erst
jei genauerem Zusehen erkennt man, dass es römische
?rovinclal-Fibeln sind.
Ich möchte zusammenfassend die Ansicht aus-‚prechen,
dass die urgeschichtlichen Funde in Tirol
lesswegen ein eigenartiges und allgemeines Interesse
jesitzen, weil wir uns in einem ausgesprochenen Grenzzebiete
befinden. Im Herzen von Tirol sind drei Kuljurkreise
unmittelbar in Kontakt getreten, die für
lie prähistorische Entwicklung von der allergrössten
Wichtigkeit sind: italische Einflüsse von Süden, dann
Illyrische von Osten und gallische von Südwesten. Es
st unter diesen Umständen natürlich nicht immer
yanz leicht, die einzelnen Fundgegenstände genau
zeitlich zu bestimmen. Aber es liegt darin eine Auf-'orderung,
die Sachen um so schärfer anzusehen. Das
Studium der Grenzgebiete ist immer von ganz bejonderem
Reize. Ein geistreicher Schriftsteller hat
3ıinmal gesagt: wie der moderne Reisende an der poitischen
Grenze verhalten werden kann, seine Legitination
vorzuweisen, so gelingt es dem Forscher in
len Grenz- und Uebergangsgebieten oft am leich-‚esten,
den Dingen so recht auf den Grund zu schauen
ınd ihre Eigenart und charakteristischen Merkmale
üichtig zu erkennen.
In diesem Sinne darf ich vielleicht hoffen, dass
ansere bescheidene, äusserlich durchaus, nicht imponirende
Sammlung urgeschichtlicher Gegenstände für
lie Kongresstheilnehmer nicht ganz ohne Interesse
sein wird.