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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 14=24.1894

170] —

damals und etwas früher, aber jedenfalls nicht allzu
lange vorher, ist dieses Haus von den Skandinaviern
zu den Finnen gekommen, die bis dahin in Zelten (wie
Fig. 1 ff.) hausten. Tacitus würde sich sehr gewundert
haben, wenn er den Vortrag des Herrn Dr. Montelius
angehört und vernommen hätte, wie hier die Finnenund
 Lappenhäuser mit den germanischen in dieselbe
Reihe gestellt werden. Tacitus wusste genau, dass
zwischen ihnen ein grosser Unterschied obwaltet; von
den Germanen sagt er „domos figunt“, sie legen feste
Häuser an, von den Finnen hebt er ausdrücklich hervor,
 dass sie dies nicht thun. Was Tacitus aussagt,
wird durch die Sprache erhärtet. Es finden sich im
Finnischen nur nationale Hausbenennungen, die der
Zeltform angehören, die andern sind entweder germanisch
 oder eistisch.‘) Diese Entlehnungen aus dem
Germanischen bieten zugleich den Anhalt für die Fixirung
 des chronologischen Zeitpunktes. Dass die Germanen
 die Zelte, wie sie in der ersten Reihe auf
der Tafel des Herrn Dr. Montelius stehen, jemals
auf deutschem Boden allgemein angewendet hätten.
möchte ich auf’s Ernsthafteste bezweifeln. Wenn irgenä
eine Form darauf Anspruch hat, als diejenige zu
gelten, welche herrschte, als die germanische Na:
tionalität sich auf unserem deutschen Boden herausbildete,
 so sind es jene alten Häuser des Nordens,
die von den Finnen übernommen wurden, Dass das
altgermanische Haus damals ein rundes gewesen, ist
ebenso zweifelhaft wie bei den meisten arischen Häusern.
 Wenigstens kennen wir aus dem Rigveda wie
aus dem Homer bereits die oblonge Form. Schon in
derjenigen Zeit, welche vielleicht der nationalen Ausbildung
 dieser Stämme nicht allzu fern steht, erkennen
wir meistens eine höhere Stufe und dasjenige, was
Tacitus für die Germanen aussagt: ein festes Haus.
ihren Stolz und werthes Besitzthum.
Nun noch ein Wort! Wenn Sie nach Hause
kommen, sehen Sie auch Ihre heimischen Dörfer an,
denn ich glaube, dass wir auch bei ihnen verschiedene
Typen zu sondern haben und dass wir sie in ähnlicher
 Weise, wie ich es für das Haus auseinander zu
setzen suchte, in historischem Sinne verwerthen dürfen.
Die Dorfanlagen, welche die Angeln in die neue
Heimath mitnahmen, scheinen mir bereits auf dem
Festlande nachweisbar zu sein. Doch fehlen hierüber
fast alle Voruntersuchungen. Und für die Erkenntniss
der alten Flurverhältnisse liefert die Gegenwart gleichfalls
 ein werthvolles Material. Die Herren, welche
sich dafür interessiren und dies beobachten wollen,
darf ich hinsichtlich der Flureinrichtung und Ackerwirthschaft
 auf das gute Buch von Seebohm über
die englische Dorfgemeinde verweisen, dessen Kon
sequenzen ich freilich nicht theilen möchte.
Ein solches Buch müssen wir für Deutschland
auch haben. Und wie werthvolle Aufschlüsse aus dem
südlichen Skandinavien zu erwarten sind, sagt das
neue Buch von Mejborg über die dänischen Bauernhöfe,
 indem es uns einen so alterthümlichen Typus
der Dorfanlagen zeigt, dass wir ihn an die Bestimmungen
 der alten dänischen Gesetze anknüpfen dürfen.
Auch unsere Kenntniss der agrarischen Verhältnisse
hat vom Norden her ihre wesentlichste Förderung erhalten.
 Durch einen Aufsatz des alten Olufsen aus
den zwanziger Jahren ist vor allem Hansen angeregt
worden. An ihre Forschungen müssen wir wiederum

1) Vgl. hierüber meine Ausführungen in der Westdeutschen
 Zeitschrift, 8. S. 14 ff

anknüpfen. Wir stehen an einem wichtigen Zeitpunkt:
Dezennien sind vergangen, wo man in Deutschland
gesammelt hat, was von der geistigen Erbschaft unserer
 Vorfahren in Sage, Sitte, Brauch und Aberglauben
 noch übrig ist. Die materiellen Dinge sind
darüber etwas vernachlässigt worden, so dass erst eine
spätere Zeit wird entscheiden können, auf welcher Seite
lıe stärkere Tradition steht. Jedenfalls aber sind wir
7zerpflichtet zu untersuchen, was sich im Volksleben
ler Gegenwart von Ueberresten des Alterthums‘ in
Siedelung und Anbau, den Wohnungen und Gegentänden
 des täglichen Gebrauches erhalten hat. Es
'sb ein grosses, zusammenhängendes, weites Gebiet.
Wir brauchen viele Mitarbeiter, die ihre Beobach-‚ungen
 nicht bloss auf das Haus beschränken, sonlern
 auf Alles, was sich weiter daran knüpft. aus-Jehnen
 müssen.
Herr Gust, Bancalari, k. u. k. Oberst d. R. Linz a/D.:
Die Hausforschung in Oesterreich, ihre Ergebnisse
und ihre weiteren Ziele.
Der Herr Sekretär der Wiener Anthropologischen
jesellschaft, Herr Custos Franz Heger, mein ver-»hrter
 Freund, hat mich ermuthigt, über die bisı1erigen
 Erfolge und die weiteren Ziele der
Hausforschung in Oesterreich dieser hochansehnichen
 Versammlung zu berichten.
Andere haben in diesem Zweige der Volkskunde
n Oesterreich weit Besseres geleistet als ich; aber
ze haben abgegrenzte, einzelne Typenbezirke bear-’eitet;
 ich dagegen bin am weitesten, zu Fusse gehend
ınd fleissig Typen studirend, herumgekommen; habe
nein Augenmerk besonders auf die Beziehungen beı1achbarter,
 wie auch weitabliegender Typen gerichtet,
ınd so mag ich wohl für einen allgemeinen übersichtichen
 Bericht einige Bedingungen erfüllen.
Ich habe mir erlaubt, 100 Exemplare meiner Schrift :
‚Die Hausforschung und ihre Ergebnisse in
len Ostalpen“ (mit 102 Abbildungen), welche die
Zeobachtungen meiner früheren Fussmärsche von etwa
5000 km Gesammtlänge kurz und möglichst theorienein
 zusammenfasst, an Theilnehmer des Kongresses,
velche sich mit Hauskunde befassen, zu vertheilen.
ch kann somit über meine Leistungen hinweggehen.
m Folgenden will ich jene Erscheinungen der oikoogischen
 Literatur Oesterreichs erwähnen, welche gevisse
 Richtungen derselben kennzeichnen.
Hofrath Baron Hohenbruck des Ackerbau-Miniıterilums
 hat Jahre lang ländliche Haustypen samneln
 lassen. Vorschläge und Musterpläne für Ver-’esserung
 des Hausbaues wurden darauf gegründet.
Tierin liegt wohl ein Beweis hohen Verständnisses.
Volksthümliche Typen haben sich aus der Natur der
jetreffenden Gegend und wohl auch des Volkes entvickelt
 und die fortgeschrittene Bautechnik soll sich
nnerhalb des typischen Rahmens weise beschränken.
3ie soll den Typus vervollkommnen. aber nicht zertören
 wollen.
Hier sehen wir die Hausforschung im Dienste
jer Land- und Volkswirthschaft.
Regierungs- Oberingenieur J. Eigl in Salzburg
aat im verflossenen Jahre ein Werk über das Salzourger
 Gebirgshaus (Pinzgauer Typus) veröffentlicht,
im Sinne des unübertrefflichen Gladbach, und
zur Freude aller Hausforscher. Es bildet ein unverzängliches
 Denkmal einer Bauweise, welche, wie die
yesammte Holzarchitektur. ın absehbarer Zeit ver-
            
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