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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 14=24.1894

— [164] —

Vorsitzender Herr R, Virchow-Berlin :
Wir kommen jetzt an die Reihe von Vorträgen,
welche die menschliche Wohnung und speziell
das Haus betreffen. Zunächst bitte ich Herrn Dr. Montelius
 als denjenigen, der die allgemeinste Betrachbung
 angekündigt hat, das Wort zu nehmen.

Prof. Dr. Montelius-Stockholm:
Um die älteren Formen des menschlichen Wohnhauses
 besser zu verstehen, ist es, wie ich glaube,
nothwendig, hier wie auf anderen Gebieten, die typologischen
 Verhältnisse dieser Formen zu studiren.
Die menschliche Wohnung in der ältesten Zeit
war ja nothwendigerweise eine Höhle oder ein Zelt
oder etwas Aehnliches. Die Höhlen und diejenigen
Formen der Wohnungen, welche als Entwickelungsformen
 der Höhlen zu betrachten sind, kann ich jetzt
wegen der Kürze der Zeit nicht besprechen; nur diejenigen
 Formen, welche vom Zelte stammen, sollen
jetzt in Betracht kommen. Desshalb habe ich meinen
Vortrag auch die Geschichte des menschlichen Wohn:
hauses genannt, weil man unter Wohnhaus eigentlich
nur das versteht, was von Menschen gebaut wird, also
ein Zelt, eine Hütte u. s. w. bis zu den grossen Gebäuden
 der Neuzeit. Die verschiedenen ältesten Formen
 dieser Wohnungen habe ich hier znsammengestellt‘)
 und will nur bemerken, dass alle hier abgebildeten
 Typen aus demselben Gebiete, aus Nordeuropa
stammen, Wir werden sehen, dass dieselben Formen
auch in anderen Gebieten zu finden sind, aber ich
halte es für das Beste, zuerst ein kleineres Gebiet zu
studiren.
Als die älteste Form sehen wir zuerst ein Zelt,
antweder, wie bei den gewöhnlichen Zelten heute, aus
aänem Holzgerüste bestehend und mit Häuten oder
Geweben oder Aehnlichem bedeckt, oder auch ganz
aus Holz oder. aus ähnlichen Materialien konstruirt.
Die Grundform ist natürlich rund, und die ganze Form
von Aussen gesehen, ist konisch. Wir haben aber
einen Anfang zu etwas Neuem, sobald ein niedriger
Unterbau zugefügt wird; das, was früher das Zelt war,
bildet jetzt das Dach. Eine Hausurne aus Norddeutschland,
 mehrere hundert Jahre älter als Chr. Geb., hat
eine ähnliche Grundform, nur ist der Unterbau verhältnissmässig
 etwas höher und die Grundform oval.
Allmählich wird der Unterbau noch höher.
Diese runde Form, die fast in allen europäischen
Ländern allgemein war, und die man noch in vielen
Gegenden findet, ist aber schon früh verändert geworden.
 Man brauchte mehr Raum, ohne die Hütte
immer grösser bauen zu können; das war praktisch
nicht möglich, Man konnte aber das Haus, wenn nicht
in allen Richtungen vergrössern, doch in einer Richbung
 verlängern, und dadurch entstand die ovale Form,
Allmählig wird dann die runde oder oblonge Form
eine viereckige, zuerst quadratisch und später rechteckig
 mit zwei Seiten länger als die beiden anderen,
Betrachten wir jetzt speziell das Dach, so finden
wir, dass die runden Hütten ein konisches Dach haben.
Die Konsequenz davon ist, dass die quadratischen
Hütten ein pyramidales Dach bekommen, — das ist
der natürliche Uebergang von der runden Form zur
quadratischen, — und die Konsequenz davon ist weiter,
dass die oblongen viereckigen Hütten ein Walmdach

1) Eine Tafel mit einer grossen Anzahl Abbildungen
von älteren Haustypen war unter die Anwesenden vertheilt
 worden. 58. Archiv f. Anthropologie 1894/95.

dekommen. In dieser Weise, glaube ich, ist das Walmlach
 sehr leicht zu verstehen, da es ein ganz natürliches
 Resultat der Entwickelung ist, und daraus erklärt
 sich auch, dass das Walmdach jetzt immer die
iltere Form repräsentirt, das Giebeldach die neuere.
Als Zwischenform zwischen Walmdach und Giebeldach
betrachte ich ein solches Dach, wo die zwei schmäleren
Seiten nicht giebelförmig sind, aber doch nicht so
walmdachförmig wie früher. Der obere Theil ist Walmjach,
 aber der untere Theil des früheren Daches dieser
Schmalseiten ist schon vertikal. Eine andere interessante
 Zwischenform ist, wenn der ganze Giebel vertikal
zeworden ist, der obere, dreieckige Theil aber vollständig
 wie ein Dach aussieht. In Schonen z. B., in
Südschweden, kommen solche Häuser ausserordentlich
jäufig vor; der untere Theil der Schmalseite ist so
zebaut wie die Langseite selbst, aber der obere Theil
ıst so wie das Dach gebaut und hat dieselbe Bekleilung
 wie das Dach. Ich möchte es bezeichnen als ein
Dach, das man vertikal gestellt hat. Erst allmählig
wird auch dieser obere dreieckige Theil der Schmalzeite
 so wie der Untertheil konstruirt, und man hat ein
wirkliches Giebeldach. In Griechenland existirt etwas
Aehnliches; hier haben wir ja auch eine stark hervor-;pringende
 Linie, welche den unteren Theil der Schmaljeite
 vom oberen dreieckigen unterscheidet, und ich
in überzeugt, dass es eine Erinnerung aus der alten
Walmdachform ist, wovon man auch in Griechenland
Spuren gefunden hat.
Gehen wir jetzt weiter, so sehen wir, dass ein
viereckiges, quadratisches oder oblonges Haus urs;prünglich
 aus einem einzelnen Zimmer besteht, und
nan kommt durch die Thüre direkt in das Häuschen;
n beiden Beziehungen folglich ganz wie das Zelt.
3Zald finden wir aber zwei säulenähnliche Stolpen, die
vor der Thüre stehen. Etwas später wird die Hütte
mit einem Vorbau versehen, der aber nicht auf Säulen
uüht, sondern dadurch gebildet wird, dass die Längsyände
 verlängert sind. Das. ist eine auch aus Griechenand
 gut bekannte Form, das ist die Form des templum
in antis. Noch später wird dieser Vorbau an allen
Seiten geschlossen und schliesslich in zwei Theile ge-‚heilt.

Im Zelt wurde natürlich das Feuer auf dem Boden
ıngezündet, in einer kleinen Grube oder auf einigen
Steinen. So ist es auch in allen älteren Hütten gelieben;
 ein Herd in der Mitte auf dem Boden ist ja
alles, der Rauch kommt aus der Hütte wie er kann,
lurch kleinere Oeffnungen oder durch ein Rauchloch
im Dache, entweder in der Mitte desselben oder an
len Seiten. Wie im Zelt waren dieses Rauchloch und
ler Eingang die einzigen Oeffnungen. Kein Fenster
sxistirte damals; erst später kamen die eigentlichen
Tenster; der ursprüngliche Platz des Fensters war auf
lem Dache selbst.
Es ist selbstverständlich, dass man, so lange das
Feuer offen brannte, ein Innendach schwerlich haben
sonnte wegen der Gefahr, und weil der Rauch einen
\bzug haben musste. Das Haus bestand also nur aus
nem Zimmer, vom Grunde, den vier Seiten und vom
Jache begrenzt. Endlich kam aber der Ofen statt des
>ffenen Feuers, und so wurde es möglich, mehrere
Zimmer aufeinander zu bauen und damit zur neueren
Xonstruktion zu gelangen.
Diese Skizzirung der Entwickelung -— die Zeit
erlaubt nicht in die Einzelheiten einzugehen — gilt
für Nordeuropa, und alle Formen der Tafel stammen
aus Skandinavien, Norddeutschland oder dem westlichen
 Russland: nur eine Form stammt. aus den He-
            
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