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heit der Menschenrassen vergegenwärtigen. Es handelte
sich dabei allerdings in erster Linie um den physischen
Menschen, allein die Annahme von verschiedenen Menschenspecies
konnte nicht allein auf das Physische beachränkt
bleiben, sie musste auch auf die Beurtheilung
der Psyche zurückwirken.. So finden wir eine ungleiche
psychische Veranlagung der verschiedenen Rassen als
obersten Erklärungsgrund der auffallendsten Kulturdifferenzen
theils stillschweigend vorausgesetzt, theils
nachdrücklich behauptet. Die einseitige Ueberschätzung
der klassischen Kulturen beruhte vielfach auf diesem
Vorurtheile. Wurden doch sogar seit O0. Müller die
Kulturunterschiede der einzelnen griechischen Stämme
auf eine verschiedene Begabung zurückgeführt (Ed,
Meyer). Herr v.Wilamowitz-Möllen dorf bemerkt
noch neuerdings missbilligend: „Feinheit des Bluts,
Reinheit der Race, Einheit der Begabung sind Schrullen,
über die ein aufgeklärtes Zeitalter hinaus ist“, !) Theodor
Mommsen widerlegt die landläufige Ansicht, dass
die Römer das für die Jurisprudenz durch eine mystische
Gabe des Himmels privilegirte Volk seien, unter
ainfachem Hinweis auf das beispiellos schwankende
„nd unentwickelte römische Kriminalrecht. ?) Für die
Semiten im Allgemeinen, für die Israeliten insbesonders
ist vielfach eine spezifische, zum Monotheismus
führende Begabung vorausgesetzt worden. Bei den Indern
und Indogermanen verstand sich dies gewissermassen
von selbst, wie für die Chinesen, Allbekannt
sind die Anschauungen der älteren amerikanischen
Ethnographen, welche in Anlehnung an Agassiz für
Neger, Indianer und Weisse eine spezifische Verschiedenheit
der Psyche postulirten. Hierauf ist Nott’s
and Gliddon’s Eintheilung des Menschengeschlechts
in höhere und niedere Rassen gegründet, welch letztere
nur thierische Instinkte besitzen! Die Proteste der
europäischen Ethnographen gegen solche Anschauungen
werden noch heute von den Spezialdisziplinen vielfach
;gnorirt. Theodor Waitz, der Vater der modernen
Ethnographie, vermuthet übrigens auch, dass eine Ungleichheit
der Anlage durch Vererbung erworbener
Bildung entstehen könne.
Die Annahme einer individuellen Vererbung steht
im Gegensatze zu der Anschauung der meisten Naturforscher,
welche eine Vererbung von Gehirnfunktionen,
wie sie in der Zulassung angeborener Gedanken gelegen
ist, entschieden ablehnen. 3) Ausserdem kann die
Behauptung einer ungleichen psychischen Veranlagung
Jurch den Nachweis einer allen Völkern gemeinsamen
Vorstellungsgeschichte ein für alle Mal direkt widerlegt
werden. Waitz hat zwar viele hierauf bezüglichen
Thatsachen gekannt, doch gebührt Edward B. Tylor
und Adolph Bastian das Verdienst, die fundamentale
Bedeutung, die unzähligen Formen und ideellen Zusammenhänge
‘der animistischen Vorstellungen mittelst
ımfassender Induetion begründet zu haben.
Die primären Vorstellungen des Menschen knüpfen
sich an die Empfindungen von Hunger, Schmerz und
an „das mit: Agression einhergehende Lustgefühl“
(Meynert) eines gesunden lebenden Körpers. Die
Ahtfts beten bei Mondenschein, indem sie unter tiefem
Aufathmen rasch hintereinander teech herausstossen,
welches Wort Gesundheit, Leben bedeutet. *) Der
Lebensbeeriff erweitert sich bei fortgesetzter Beobach- 1) Deussen, Süträs des Vedanta 463.
2) von Steinen, Zweite Schinga-Expedition.
1) v.Wilamowitz, Aus Kythathen. Philol. Unter- 3) Meynert, Populäre Vorträge 179.
suchungen I, 143. 4) Meynert, 1. c. 170,
2) Mommsen, Röm. Gesch. II Aufl. B. I, 406. 5) Wundt, Ethik 63.
3) Meynert, Populäre Vorträge 142, 6) Vergl. den Abschnitt VI in Paul’s Grundriss
4) Sproat, Scenes and studies of savage Life 207, | der germ. Philol. cap. V.
Mittheilungen d. Anthrop. Gesellsch. in Wien. Bd. XXIV. 1894, Sitzungsberichte.
tung in Krankheit, Tod, Rausch, Traum zum Begriff
ainer individuellen Seele, welche alle Lebenserscheinangen
hervorruft, jedoch den Körper zeitweilig oder
dauernd verlassen kann. Der Athem, der Schatten
a.s.w. sind die häufigsten Manifestationen der als winziges
Abbild des Körpers gedachten Seele. Nach dem
Jatapatha-Brahmana müssen fünf Brahmanen dem neuzeborenen
Kinde die fünf Präna, die fünf Funktionen
les Athems, einhauchen,!) ein Geschäft, welches, nach
zon den Steinen, die Bakairi-Eltern während der
louvade besorgen. ?)
Zu jenem primären Vorstellungskomplexe gehört
ıber entschieden der Unsterblichkeitsgedanke, weil
nach der geistreichen Deutung Meynert’s, obgleich
ler Tod uns in der Natur umgibt, doch ein Aufhören
ınserer Existenz sich nicht an die Selbstbeobachtung
znüpft. 9)
Nun hat aber unser früh verblichener Freund
‚Jeichfalls nachgewiesen, 4) dass das primäre „Ich“
ırsprünglich sich und die Aussenwelt als gar nichts
/erschiedenes empfindet, und dass sich ihm erst nach
ınzähligen Schlüssen die Trennung des eigenen Leibs
ron der Aussenwelt ergibt. Wundt bezeichnet dies
ıls personifizirende Apperzeption, deren Wesen darin
‚esteht, dass der Mensch sein eigenes Bewusstsein obaktivirt.5)
Diese Entwickelungsstufe des menschlichen
atellekts ist thatsächlich, wie sich später zeigen wird,
ı@icht bloss bei den Naturvölkern vorhanden. Man
zann dieselbe nicht besser schildern, als dies von den
Steinen bezüglich der Bakairi, Im Thurn bezüglich
ler Indianer Guianas gethan haben. Die Grenzen
‚wischen Mensch und der gesammten Natur sind für
Jen Indianer nicht vorhanden. Ein beliebiges Thier
st ihm eine Person genau wie er selbst. Da ihm jede
/orstellung einer Abgrenzung der Arten fehlt, betrachtet
ar z. B. gewisse Kannibalenstämme als direkte Abc‚ömmlinge
des Jaguar. Der Medizinmann kann sich
ıicht bloss beliebig verwandeln, er versteht auch alle
5prachen, die im Walde, in der Luft oder im Wasser
resprochen werden.
Wir besitzen somit schon heute die Handhabe zur
wissenschaftlichen Erklärung des Animismus, welcher
las ganze Weltall mit allen seinen Erscheinungen als
ın ungeheures Aggregat von wandernden Seelen auf-%asst.
Die Thatsache, dass diese Auffassung alle prinitiven
Sozialformen in ausgedehntestem Maasse bejerrscht,
widerspricht so bündig als möglich dem Verıuche
Max Müller’s, den Seelenglauben, wie früher
len Mythus, als blosse sprachliche Erscheinung hin-‚ustellen.
Ebensowenig können wir eine zeitliche und
achliche Unterscheidung von Seelen- und Dämonenslauben
billigen, da ja die sogenannten Personifika-;ionen
der Naturerscheinungen in engster Verbindung
nit dem Seelenglauben stehen, wie ja auch Mogk
zuzugeben geneigt scheint. ®)
Die Schule von Herbert Spencer betrachtet daregen
den Seelenglauben nicht als primären Gedanken,
sondern als eine spätere spekulative Phase des menschlichen
Geistes. Ihr Oberhaupt glaubte sich zu der Anzicht
im Hinblick auf die Thatsache berechtigt, „dass
zarachiedene niedrigystehende Völker gar keine oder