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Entwicklung des Körpers durchmachen. Wir stehen
also vor einer Frage, die tief in die Rassen-Genese
eingreift. Ihre endliche Beantwortung wird jedenfalls
viel dazu beitragen, uns einen gewissen, festen Anhalt
in Bezug auf die Beurtheilung der Rassenbildung
zu gewähren. Aber zuerst ist die Vorfrage zu beantworten,
ob die wollhaarigen Zwerge nicht in verschiedene
Rassen einzurangiren sind. Soweit sind wir
nach meiner Meinung noch nicht, um die Besonderheiten
jeder der in Betracht kommenden Rassen so
genau darzulegen, dass daraus ein festes Wissen hervorgeht.
Es ist jedoch eigenthümlich, dass, während
die afrikanischen Zwergrassen mıt der Nachbarbevölkerung
in einem gewissen Zusammenhang stehen, die
genannten asiatischen Stämme einen solchen Zusammenhang
nicht erkennen lassen.
Es gibt auch sonst an verschiedenen anderen Stellen.
der Erde gewisse Plätze, wo Nannocephalen in
grösserer Zahl vorkommen. Selbst Amerika besitzt
einıge solche Gebiete, so in dem an Venezuela anstossenden
Theil von Colombien, ferner in dem südlichen
Theile der Cordiliere und auf ihren Abhängen
nach West und Ost. Aber das sind keine schwarzen
Rassen und auch keine „Pfefferkorn-Köpfe“, es sind nur
vereinzelte kleine Köpfe mit straffem Haar.
Eine andere Frage, welche sich, wie ich hier besonders
betonen will, mit grosser Dringlichkeit aufwirft,
wenn man die geographische Lage betrachtet,
ist die Beziehung, welche diese Stämme zu den anthropoiden
Affen haben könnten, Bekanntlich ist Afrika
das Vaterland zweier anthropoider Affen, des Gorilla
und des Schimpanse, dagegen bildet den Mittelpunkt
für den Orang- Utan und den Gibbon die Sunda-Insel
Borneo. Das sind die beiden Hauptgebiete der Anthropoiden,
und wenn jemand seiner Phantasie frei die
Zügel schiessen lässt, so kann er sehr leicht dahin
kommen, aus diesen Heimathsstellen auf eine nähere
Verwandtschaft zwischen den Zwergen und den Anthropoiden
zu fahnden. Das war auch der Hintergedanke,
wie ich offen ‚aussprechen kann, mit dem einige Gelehrte
an die Untersuchung der Zwerge herangingen.
Dagegen will ich nur hervorheben, dass, während ich
mich bemüht habe, mit möglichster Sorgfalt das
mir zugängliche Knochen - Material von den Zwergen
durchzustudiren, sich gerade diejenigen KEigenschaf
ten bei ihnen entweder gar nicht oder nur in beschränktem
Maasse gefunden haben, die man im
engeren Sinne vom anatomischen Standpunkte aus
pithekoid, affenartig zu nennen pflegt, Unter diesen
steht obenan die eıgenthümliche Bildung der Schläfengegend,
wo die ganze Ordnung der Knochen bei
Anthropoiden etwas anders ist, als beim Menschen
wo jedoch gelegentlich auch beim Menschen Abweichungen
eintreten, wie sie in der Regel nur bei
höheren Affen gefunden werden. Die bedeutendste
unter diesen Abweichungen findet ihren Ausdruck in
dem sogen. Schläfenfortsatz (Processus frontalis
3quamae temporalis), einem vom vorderen oberen Win:
kel der Schläfenschuppe nach vorn gehenden Knochenfortsatz,
der die sonst vorhandene Anfügung des grossen
Keilbeinflügels an das Seitenwandbein unterbricht.
In dieser Beziehung kann ich erwähnen, dass von den
7 Ewwe-Schädeln nur 3 einen Schläfenfortsatz zeigen,
— eine für afrikanische Verhältnisse nicht auffallende
Häufigkeit, da ich z. B. unter 7 Schädeln von Bukoba
(Nyanza-See) 4, unter 16 Massai-Schädeln gleichfalls
4 mit dem Processus frontalis antraf. Ich kann also
nicht zugeben, dass aus den bisherigen Untersuchungen
atwas hervorginge, was die erwähnte Vermuthuneg in
Bezug auf die Zwerge, im Gegensatze zu anderen Negern,
zu stützen im Stande wäre.
Naturwissenschaftlich betrachtet list kein Zweifel,
dass die afrikanischen Zwergstämme zu den allermerkwürdigsten
Erscheinung gehören, welche durch die
neue Forschung uns näher gebracht worden sind. Es
legt auch sehr nahe, die Frage von ihrer Entstehung
ın ihrem inneren Zusammenhange zu studiren; ich
varne aber davor, über das Maass dessen, was uns die
3eobachtung lehrt, ohne weiteres hinauszugehen.
Ganz kurz darf ich vielleicht noch erwähnen, dass
38 noch eine andere Art, auch der naturwissenschaftichen
Deutung solcher Erscheinungen, gibt, die man
jei dem Studium gewisser analoger Abweichungen
n Betracht ziehen muss, — das ist der Einfluss schlech-;jer
Ernährung und grosser Vernachlässigung auf die
Sntwickelung des Körpers. Krst kürzlich ist uns hier
‚on den Tirolern auseinandergesetzt worden, welchen
Kinfluss die Ernährung auf ihre Körperentwicklung
ausübt. Es ist kein Zweifel, dass wir auch bei kräftigen
Thier- Rassen durch anhaltend schlechte Ernährung
kleine und kümmerliche Individuen hervorbringen
können, dass aber auch bei Menschen unter
irmlichen Verhältnissen eine solche Verkümmerung
antstehen kann. Desshalb habe ich seit 20 Jahren
lie Frage offen gehalten und studirt, ob nicht die
Lappen, die.unter den finnischen Stämmen eine ganz
ınomal& Stellung einnehmen, ihre dürftige Entwickung
der Mangelhaftigkeit ihrer äusseren Existenzjedingungen
verdanken. Es scheint mir aber auch,
lass man unschwer eine ähnliche Frage aufwerfen
zann gegenüber diesen ärmlichen Waldvewohnern, die
ınter allen afrikanischen Völkern am wenigsten gün-;tig
in Bezug auf die Ernährung gestellt sind und die
is auf den heutigen Tag an vielen Stellen nicht einnal
die Anfänge von Ackerbau oder Viehzucht er-‚ernt
haben, so dass sie sich fast ausschliesslich von
len Erträgnissen einer wilden Raubjagd erhalten.
Herr Prof. Sergi-Rom:
Ueber die europäischen Pygmäen.
Ich möchte den Mittheilungen des Prof. Virchow
iber die Zwergrassen einige Eıgenthümlichkeiten von
meinen Forschungen von 1892 hinzufügen.
Nachdem ich in Melanesien eine mıkrocephalische
Menschenrasse mit viel kleinerem Schädelinhalt als
lie der Negritenschädel und auch der Form nach von
lieser verschieden entdeckt habe!), wandte sich meine
Aufmerksamkeit auf einige Schädel von viel kleinerem
[nhalt, die ich in Italien und dann in Russland gesehen
hatte und den melanesischen Mikrocenhalen fast
ihnlich waren.
Ich habe eindringlicher die Sache untersuchen
wollen, um die Erklärung dieser bemerkungswürdigen
Erscheinung zu finden, und namentlich, nachdem ich
anerkannt hatte, dass der verschiedene Schädelinhalt
ılcht immer als individuelle Verschiedenheit angeaommen
werden kann. Unterschiede von 1000 ccm bis
1500 ccm, bis 1800, bis 2000 cem sind, nach meiner Anöicht,
keine individuellen Verschiedenheiten, da sie zu
zross sind, ich habe -.sie dagegen als ethnische Verıchiedenheiten
betrachtet; während die individuellen
Verschiedenheiten nur kleine, nicht typische und verzängliche
sind. die von Entwicklung szuständen ab-1)
Varieta umane della Melanesia. Roma. Accad.
Medica di Roma 1892 und Archiv für Anthropologie.
1892. XXIL