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Full Text : Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, N.F. 14=24.1894

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Stelle auf diese nordsyrische Ruinenstätte zurückzukommen,
 obwohl ich mir ganz gut bewusst bin, dass
der weitaus grösste Theil der auch in diesem Jahre
wieder erreichten Ergebnisse in das Gebiet der alten
Geschichte, der Architektur und Kunsthistorie, sowie
der orientalischen Epigraphik fällt und daher, genau
genommen, nicht viel mit anthropologischen und vorgeschichtlichen
 Dingen zu thun hat.
Allerdings sind in Sendschirli auch grosse Mengen
von Feuerstein- und Obsidian-Artefacten, ferner Steinbeile
 und durchbohrte Hämmer gefunden worden.
welche sich der Form nach von unseren prähistorischen
Stücken aus Europa gar nicht unterscheiden lassen,
aber sie sind wenigstens theilweise datirbar, sie ge:
hören in Perioden, die uns historisch greifbar sind
und fallen daher von rechtswegen nicht in das engere
Gebiet der Vorgeschichte.
Auch die Bronze- Fibeln, über welche heute zu
sprechen ich die Erlaubniss erbeten habe, gehören in
das Gebiet dieser historischen Alterthümer — aber
ihr Vorhandensein ist auch ethnographisch wichtig:
desshalb habe ich geglaubt, gerade diese Fibeln zum
Gegenstand einer kleinen Mittheilung machen zu sollen
und dies umsomehr, als es ein sehr weit verbreitetes
Dogma ist, dass federnde Gewandnadeln im alten Orient
yanz unbekannt waren.
Rud. Virchow hat zwar schon 1881 drei Fibeln
zus Kistengräbern der Troas erwähnt und 1883 auch
abgebildet!), welche ihm Schliemann eingesandt
hatte und die sich jetzt im Berliner königl. Museum
für Völkerkunde befinden und auch auf einem kleinasiatischen
 Felsen- Relief (Ibris) hat Studniczka
eine Fibel nachgewiesen, — aber gegenüber der unge:
heuren Menge europäischer Fibeln traten diese spärlichen
 Funde östlicher Herkunft so sehr in den Hintergrund,
 dass die meisten Fachleute deren Vorhandensein
 übersehen zu dürfen glaubten. Aehnlich ging es
mit sechs ganz wunderbar schönen Fibeln, welche seit
nahezu fünfzig Jahren öffentlich und jedermann zugänglich
 im British Museum ausgestellt sind und noch
von den Ausgrabungen Sir A. Henry Layard’s in
Nimrud stammen. Es ist bezeichnend für die Geringschätzung,
 welche die Realien noch immer von Seite
der meisten Fachgelehrten erfahren, dass diese assyrischen
 Fibeln bisher von jedermann übersehen oder
wenigstens nicht als Fibeln erkannt worden sind. Erst
im vorigen Jahre habe ich auf dieselben hingewiesen
und einige schematische Skizzen von denselben veröffentlicht,
 so dass ich hoffen darf, dass unsere englischen
 Kollegen sie bald in würdiger Weise publiciren
werden; einstweilen scheint es, dass sie ungefähr der
Zeit Tiglatpilesar III. angehören, also dem VIIT. vorchristlichen
 Jahrhunderte,
Eine sehr grosse Zahl völlig gleichartiger Fibeln
habe ich selbst in Sendschirli ausgegraben, alle in dem
Bauschutte oder in der unmittelbaren Umgebung von
Palästen, welche ungefähr derselben Zeit angehören
und von denen einer geradezu durch eine lange Bauinschrift
 datirt ist, welche den königlichen Bauherrn
als einen Zeitgenossen des dritten Tiglatpilesar erkennen
 lässt. Eine weitere Fibula, die sich in allen
wesentlichen Eigenschaften ganz an die aus Nimrud
und aus Sendschirli anschliesst und sich von diesen
eigentlich nur durch ihre mächtige Grösse (sie wiegt,
soweit erhalten, also ohne die Nadel und ohne das
Fussende 104 Gramm) habe ich kürzlich unter altem
Eisen und anderem Tröädelkram im Bazar von Smyrna
1) Gräberfeld von Koban, Berlin 1883. 8. 927.

zefunden. Ich kann Ihnen das Stück hier im Original
vorlegen, es wird Sie zunächst zwar eher an einen
Sistenhenkel erinnern, aber wenn Sie es genauer beirachten,
 werden Sie seine wahre Natur nicht lange
verkennen. Der Angabe nach stammt diese Fibula aus
Sardes; ich möchte freilich kein sehr grosses Gewicht
ıuf diese Angabe legen — levantinische Händler und
\genten sind "nicht immer zuverlässig — aber wir
werden doch nicht weit fehlgehen, wenn wir annehmen,
lass diese mächtige Fibula aus dem westlichen Kleinısien
 stammt und nicht allzuweit von Smyrna selbst
ıufgefunden worden ist.
Ein weiteres Stück genau dieser Gattung befindet
sich im Museum von Graz, aber ganz ohne nähere Herzunftsangabe
 ; nur dass es nicht dort einheimisch, sonlern
 mit orientalischen Alterthümern nach Graz gelangt
 ist, liess sich noch ermitteln; wir werden uns
also darauf beschränken müssen, von der Existenz
aines einzelnen solchen Stückes anch in Graz Kenntniss
 zu nehmen.
Hingegen besitzt das Ashmolean Museum in Oxford
 eine weitere Fibel dieser Art aus Tartüs, aus
der Landschaft gegenüber von Ruäd (4P440523), also
aus einer rein phönicischen Gegend.
So kennen wir aus Kleinasien, aus Syrien und aus
len Euphratländern, mit anderen Worten aus dem
yanzen vorderen Orient eine Fibelform, welche in sich
sehr homogen ist, von unseren europäischen Typen aber
wesentlich abweicht. Alle diese Fibeln nämlich sind
lurchweg aus zwei Stücken zusammengesetzt, aus
nem halbkreisförmigem oder in rechtem Winkel ge-»ogenem,
 im Querschnitt rundem oder viereckigem
Zügel und aus einer federnden Nadel, die mit dem
znem Ende tief in eine Aushöhlung des Bügels verjenkt
 und dort festgehämmert oder auch angeniethet
st, während die freie Spitze in dem flachgedrückten
ınd umgebogenen Bügelende Aufnahme findet. Der
Zügel selbst ist stets aus Bronze, manchmal mit perlartigen,
 stets symmetrischen Auftreibungen, manchmal
uch mit eingravirten Linien verziert, anscheinend
ıtets gegossen. Bei einer der Fibeln aus Nimrud und
)jei mehreren völlig gleichartigen aus Sendschirli hat
las zur Aufnahme der Nadel dienende flache Bügel-;nde
 die Form einer Hand, welche die Nadelspitze
ımgreift, so dass die ganze Fibula einen kleinen, im
Zllbogengelenk gebogenen Arm vorstellt, Ausgehend
ron einer unrichtigen Vorstellung über die Art, in der
lie Fibeln getragen wurden, haben die Prähistoriker
ch jetzt daran gewöhnt, dieses flache Ende des Büzels
 als „Fuss“ der Fibula zu bezeichnen; ich weiss
ıicht, ob es möglich sein wird, dieses Wort wieder
ıuszurotten, ich würde aber meinen, dass es besser
lurch Hand ersetzt werden würde; ja nicht etwa, weil
liese Gegend wirklich bei drei Fibeln unter vielleicht
‚ehntausend als Hand gebildet ist, sondern einfach,
weil dieses Ende des Bügels bei allen Fibeln das
NVadelende zu halten, zu umgreifen hat und weil wir
‘ür solche Greiforgane das Wort Hand haben — doch
las nur ganz nebenbei; auf was es mir heute ansömmt,
 ist lediglich, Sie überhaupt mit dieser neuen,
xisher völlig unbeachtet gebliebenen Fibelform bekannt
u machen, mit dieser Form, von der ich bis auf weijeres
 annehmen möchte, dass sie im Beginn des ersten
vorchristlichen Jahrtausends über den ganzen vorderen
Jrient verbreitet war, Allerdings kennen wir bisher
nur wenige Dutzend Vertreter dieser Gattung, aber
wo sind dort auch bisher sonst noch grössere Graungen
 in‘ älteren Ruinenstätten gemacht worden!
Ind dass diese Form damals anch die typische. fast
            
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