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Mit jedem Jahre mehren sich die sichergestellten Fundthatsachen,
an welche wie um Össificationscentren die
einzelnen Kapitel der prähistorischen Archäologie anwachsen.
Aber diese selbst sind noch sozusagen im
Flusse und ich denke, wir wollen uns vor dem Versuche,
sie einer vorzeitigen Verknöcherung zuzuführen,
hüten. So gewährt derselbe Standpunkt, von welchem
aus wir einen befriedigenden Rückblick auf das bisherige
Arbeitsgebiet unserer beiden Gesellschaften werfen
können, auch einen Arbeit und Fortschritt verheissenden
Blick in die Zukunft.
Herr R. Virchow-Berlin :
Ich möchte mir ein paar Bemerkungen erlauben;
dabei muss ich im voraus die etwas unbequeme Stellung
bezeichnen, in der ich mich dem Herrn Redner
gegenüber befinde. Ich kann nichts dazu beitragen,
seine so lehrreichen Mittheilungen zu vervollständigen,
und so komme ich in die böse Lage, dass ich als
erklärter Gegner erscheinen könnte, da meine Bemerkungen
nur kritischer Natur sein werden und leicht
so aussehen möchten, als seien sie schlimmer gemeint,
als sie sein sollen. Ich habe nämlich in der That einige
etwas schwere Einwendungen zu machen.
Die eine ist die, dass Herr Szombathy seine und
seiner österreichischen Kollegen Leistungen etwas zu
niedrig veranschlagt, indem er im Eingange eine Darstellung
gegeben hat, die wenigstens auf jemand, der
nicht ganz unterrichtet ist, den Eindruck machen
konnte, als ob zu der Zeit, als die Gesellschaften gegründet
wurden, so ziemlich Alles klar gewesen sei
und sie nur weiter zu arbeiten gehabt hätten. Dagegen
muss ich hervorheben, dass wir alle nach
meiner persönlichen Erfahrung damals in sehr grosser
Unklarheit waren. Man wusste vielerlei von Stein,
Bronze und Eisen, von Pfahlbauten und Gräberfeldern,
aber das scharf auseinander zu halten, davon war
gar keine Rede, nicht im entferntesten. Die Klarlegung
der Verhältnisse, die Feststellung der Grenzen
zwischen den einzelnen Kulturen hat erst begonnen,
— ich will uns allein nicht die Ehre zuschreiben, —
mit der Gründung der internationalen Kongresse, die
auch nicht weit über die Gründung unserer Gesellschaften
hinausreicht, besonders aber mit der Ausdehnung
und Vertiefung der Lokalforschung, welche
durch die neue Organisation hergestellt wurde. Ich
will speziell hervorheben, dass die genaue Kenntniss
der neolithischen Zeit ganz und gar dieser späteren
Periode angehört und dass die feine Ausarbeitung der
Erfahrungen wesentlich auf dem Gebiete Oesterreich-Ungarns
und Deutschlands erfolgt ist. Man wusste ja
in Skandinavien, Frankreich, Belgien, England, der
Schweiz und Italien vielerlei von, wie man zu sagen
pflegte, der jüngeren Steinzeit, aber es bezog sich das
hauptsächlich auf Einzelfunde; jene feinere Kenntniss,
welche erst erschlossen worden ist mit der genaueren
Untersuchung der neolithischen Gräber, ist erst in den
letzten beiden Decennien geschaffen worden, ich kann
sagen, eigentlich erst im allerletzten Decennium. Ja,
die fortwährend sich erweiternde Kenntniss von der
räumlichen Ausbreitung dieser Periode ist noch in
diesem Augenblicke in der Bearbeitung.
Dann darf ich vielleicht daran erinnern, dass die
Abgrenzung der verschiedenen metallischen Zeiten auch
noch in der Kindheit war. Von la Tene hat man
damals fast nichts gewusst; die einzige Andeutung,
die man damals besass, bezog sich auf das, was man
in England late celtic und in Frankreich gallisch oder
galloromanisch nannte, aher was wir jetzt in so breiter
\usdehnung vor uns sehen, die sogen. Tene- Periode,
rehört ganz und gar der Zeit an, von der wir als
/on „unserer Zeit“ sprechen dürfen, Dasselbe muss
ch sagen in Bezug auf die Kenntniss der Hallstatt-‚eit.
Wer hat früher daran gedacht, dass die Hallstatt-‚eit,
wer weiss, wie weit über die Grenzen von Hallstatt
hinaus bis nach Italien und Skandinavien verfolgt
werden könnte? Wer hat geglaubt, dass z. B. bei uns
n Deutschland, doch einem nahe benachbarten Lande,
Tallstattfunde, die man gegenwärtig allgemein anarkennt,
so häufig seien? Als wir anfıngen, nannte
man z. B. in Norddeutschland gerade diejenigen Gräber,
‚on. denen man jetzt weiss, dass sie vorzugsweise der
mNallstattzeit angehören, Wendengräber, belegte sie
also: mit einem Namen, der chronologisch dahin wies,
ne der Zeit kurz vor der Christianisirung der Einyohner,
also der historischen Zeit zuzurechnen. Das
und neue Gesichtspunkte gewesen, die erst gefunden
verden mussten.
Ich will nicht weiter auf das Einzelne eingehen,
3 würde mich zu weit führen; ich will nur bemerken,
lass alle diejenigen, die in dieser Zeit gearbeitet
ı1aben, etwas mehr Anspruch haben auf Anerkennung,
ıls sie, wie mir schien, Herr Szombathy ihnen zuırkennen
wollte. Gerade die österreichischen Herren
ı1aben ja einen grossen, wichtigen, entscheidenden An-‚heil
an diesen Forschungen genommen; das sprechen
vir ihnen mit voller Anerkennung und mit vollem
Zewusstsein zu. Wir sind oft genöthigt gewesen, ihre
5puren zu wandeln, da sie von der Natur besonders
jevorzugt sind. Was bei uns spärlich und kümmerlich
rorkommt, das erscheint bei ihnen in üppiger Fülle
ınd zugleich in grossen, oft gigantischen, häufig sehr
>rachtvollen Formen,
Etwas, was meiner Meinung nach in dieser Sache
’esonders streitig ist und worin ich Herrn Szom-»athy
sehr gerne beistimme, das sind die kleineren
\ıbgrenzungen, welche sich innerhalb der einzelnen
derioden machen lassen. Da kann man darüber streien,
ob man etwas der voraufgehenden oder der nacholgenden
Periode zurechnen soll, ob wir z. B. eine
Cupferzeit unterscheiden oder innerhalb der Bronzezeit
ne Kupferperiode trennen wollen. Das ist zum Theil
(ür die Zukunft vorzubehalten; im Grunde wird es Jjeloch
immer dasselbe bleiben. Denn wenn wir eine Bronze-‚eit
annehmen, in welcher das Kupfer wesentlich mit
rertreten ist, während nachher eine lange Periode folgt,
vo das reine Kupfer ganz und gar verschwunden ist, so
verden wir zugestehen müssen, dass das zweierlei ist.
)der umgekehrt, wenn wir annehmen wollen, es komme
ıchon in der neolithischen Zeit Kupfer vor. Ich erzenne
das an. Wir haben gerade bei uns in Nord-Jeutschland
allerlei Funde, wo ein solcher Uebergang
‚u konstatiren ist; ob wir das neolithisch nennen wolen
oder Kupferzeit, ist mehr eine Frage der Doctrin
der auch wohl eine persönliche Angelegenheit. Aber
as wichtig ist und worin ich Herrn Dr. Much zu
zanz besonderem Danke verpflichtet bin, obwohl vor-1er
schon bedeutungsvolle Arbeiten über die Kupfer-‚eit
in Ungarn gemacht worden waren, das ist die
zunehmende Kenntniss von den Funden überhaupt, nicht
»loss von Kupfer, sondern von solchem Kupfer, wel-;hes
nicht mit den Produkten der späteren Mischung
n der Bronze zusammen enthalten ist.
Was die anderen Abgrenzungen anbetrifft, so veraält
es sich damit ähnlich. Ich erinnere mich noch
jehr lebhaft, gerade bei dieser Betrachtung, der Zeit
ınserer Gründung. Als wir 1871 in Bologna auf
lem internationalen Kongresse waren, hatte man in